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Die treue Elfe Hartmut Haas-Hyronimus |
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Wenn sich Menschen und Elfen einander begegnen, gibt es in der Regel wenig, was sie einander näherbringt. Menschen können die zarten Körper der luftigen Wesen ohnehin nicht wahrnehmen, allenfalls die Einfühlsamen ihre Flügelschlage wie ein Zirpen oder ein sanftes Lüftchen, und wenn die Elfen sich zu ihren Tänzen in den Lüften Treffen, schlafen die meisten Menschen auch schon. Diese hingegen finden bei den Elfen auch meistens keine große Beachtung, denn im Wald sieht man ohnedies wenig von ihnen, die ihren Gefallen finden könnten, und wenn sich einer in ihre Nähe verirrt, hat er meistens wenig Sinn für die Düfte des Walds, das Rauschen der Wipfel und die sonstigen Dinge, die die Elfen beeindrucken können. Vielmehr kommen junge, lärmende Leute, die nur Sinn für ihre Begleiter und für die platten Dinge ihres einfallslosen Alltags haben. Einmal aber geschah es doch, dass eines der zarten Wesen sich hinzogen fühlte zu einem jungen Mann mit schwarzen Augen und heißem Blut. Dieser entstammte einem Hofgut in der Abgeschiedenheit Siebenbürgens und hatte so noch nicht die Beziehung zum Leben in der Natur verloren, er vernahm noch die Sprache des Winds und konnte die Schatten der Bäume deuten, sah am Himmel mehr als nur Wolken und fühlte bei seinen Schritten das Leben im Boden unter seinen Füßen. Ihm folgte die Elfe wie ein Schatten, körperlos aber doch fühlbar für den Jüngling, wie ein kühlender Hauch und dann wieder wie eine Erinnerung, die der Beobachtete als eigenartige Empfindung verspürte, aber nicht zu deuten wusste. Als der junge Mann den Wald verließ, blieb die Elfe zurück, doch sein Eindruck hatte sich tief in ihr Herz geprägt und ein großes Verlangen, bei diesem andersartigen menschlichen Wesen zu sein, bestimmte fortan ihre Gedanken. Auch den Jüngling zog es von nun an immer in den Wald, wo er irgendetwas spürte, das seine Seele vermisste, doch er konnte sich keinen Reim darauf machen. Immer war dort die Elfe an seiner Seite, ohne dass er sich dessen bewusst wurde. So verbrachte die Elfe einige schöne Stunden, doch wenn der Abend hereinbrach und der Bursche zu Hause war, sahen die Gespielinnen der Elfe immer öfter, wie sie sich in Trauer vergrub und nicht mehr recht fröhlich werden wollte. Schließlich begab sie sich auf deren Anraten zu einer der Nachtfeen, die den Elfen ansonsten in Gefahr und Not beiseite standen, und fragte sie, ob es denn möglich sei, einen Menschen zu lieben und an seiner Seite zu leben. Lange schwieg die Alte und machte ein besorgtes Gesicht. "Mein Kind", sagte sie schließlich, "euch Elfen ist es gegeben, jede beliebige Gestalt anzunehmen und es ist euch ein leichtes, mitt eurem Äußeren auch den widerborstigsten Menschen zu bezaubern und in euren Bann zu bringen. Aber wisse: Wenn ihr wie mann und Frau sein und zusammen leben wollt, musst du vom gleichen Fleisch und Blut wie er sein." Und wieder schwieg sie. "Geht das nicht?" fragte das Elflein?" "Doch," erwiderte die Alte, "aber es gibt kein zurück. Wisse: Die Menschen sind sterblich und nur in ihrer Seele können sie fortleben. Bei euch Elfen ist das eins. Willst du von der Menschen Art sein musst du Bestandteil seiner Seele werden!" Noch einmal schwieg sie und fasste dann die Elfe an ihren zarten Schultern. "Es kann großes Glück für dich bedeuten. Aber du bist dann ein Teil von ihm. Lässt er dich fallen ..." und sie ließ die Elfe los und sah zu Boden "... dann ist das dein Ende. Und sein Ende, das musst du verstehen, ist ohnedies auch deines." Eine Weile überlegte die Elfe. Doch dann sprach sie mit fester Stimme: "Ich will es so haben! Kann ich dieses Glück nicht erfahren, so zählt mir auch die Unsterblichkeit wenig!" So geschah es dann auch: Mit viel Kunstfertigkeit und Hingabe entstand aus dem luftigen Wesen eine wunderschöne Maid mir großen, braunen Augen, einem schlanken, grazilen Körper und feinem, blonden Haar, hinreißend anzusehen. Und als der junge Mann wieder den Wald betrat, da wirkte der Zauber der Nachtfeen, dem schönen Kind ward das Leben der Menschen eingehaucht und die Seelen der Elfe und des Jünglings wurden eins. Nur kurz standen sie sich gegenüber und wussten doch sogleich, dass sie füreinander bestimmt waren. Wo man sie auch sah, hielten sie zusammen, ein Wort gab das andere, und bevor der eine einen Wunsch hatte, war er schon vom anderen erkannt und erfüllt, so dass die Freunde des Jünglings nur neidlos eine so vollendete Eintracht bewundern konnten. Nun brachte es aber die Tätigkeit des Burschen mit sich, dass er sich öfters auf Reisen begeben musste, und so lernte die Fleisch geworden Elfe auch die Einsamkeit kennen. Fast unerträglich war es für sie, wenn er mehrere Tage hintereinander fort war, und wenn er ihr auch von seinem Ziel aus immer einige liebe Worte geben konnte, so litt sie zusehends, als ob Hunger und Krankheit ihr zusetzten. Ihre Umgebung sah es mit Sorge, und diese war nicht umsonst, denn ihr Partner war für sie mehr als nur Freund sondern das Leben schlechthin. Immer länger wurden die Aufenthalte in fremden Landstrichen, und immer weniger verstand es die Elfe, warum sie nicht bei ihm sein konnte. So bat sie eines Tages ihre Elfenfreundinnen inbrünstig, ob sie sich nicht einmal mit ihr auf die Reise durch die Lüfte begeben wollten damit sie ihren Schatz nur einmal in der Ferne sehen könnte. Dies konnten die Wesen der Nacht und des Waldes mit vereinten Kräften bewerkstelligen, jedoch als sie endlich ihren Liebsten im fernen Schwaben zu sehen bekam, da blieb ihr fast das Herz stehen: Da lag er in den Armen einer ansehnlichen Frau, die ihn mit begehrlichen Blicken musterte, und wenig sprach dafür, dass ihm diese Lage unrecht war. Wie von einem Keulenschlag getroffen stand die Elfenbraut nun eine Weile da, dann ergriffen sie ihre Freundinnen, fuhren so schnell wie es ging durch die Lüfte mit ihr nach Hause, bereiteten ihr dort einen beruhigenden Tank und betteten sie auf ihr Lager. Betroffenheit machte sich nun unter den Freundinnen und Kameraden der verwandelten Elf breit. Bitter bereute es die den Menschen ansonsten so freundlich gesonnene Nachtfee, dass sie eine der ihren einem offenkundig treulosen preisgegeben hatte, und die nächtlichen Tänze der anderen erinnerten mehr an das Spiel der Schatten als an die sonst übliche Heiterkeit. Wenige Tage vergingen nur darauf, und doch war der Verfall der einst so liebreizenden Elfenbraut schon unübersehbar und alle ihre Genossinen und Helfer wussten, dass nun ihr Leben schon nach so kurzer Zeit auf dem Spiel stand. Wohl wussten sie mit mancher List und magischer Kunstfertigkeit das Schicksal der bedrohten aufzuhalten: So konnte eine Laubelf in Gestalt eines Wiesels das Innere des Fahrzeugs des jungen Mannes so kunstfertig annagen, dass sich dieses nicht mehr fortbewegen konnte und immer wieder wurde dem Liebhaber auf Abwegen die Möglichkeit genommen, seiner neuen Gespielin eine Nachricht zukommen zu lassen, sei es, dass das hierzu notwendige Gerät plötzlich abhanden gekommen war oder sein Besitzer sich plötzlich in einem Winkel befand, wo kein Fernruf nach außen dringen konnte. Das aber, so wussten alle, konnte den Lauf der Dinge nur verzögern, nicht aufhalten. Alle wussten ebenso, dass die Zeit drängte, denn noch war sich der Jüngling sich der Gefühle für seine neue Bekanntschaft noch nicht recht bewusst. In dem Augenblick, wo er sie als Liebe erkannte, wäre die Elf an seiner Seite unrettbar verloren gewesen. So sannen einige der Feen auch, wie sie denn den Jüngling von seiner neuen Begleiterin entfremden konnten. So manche Verabredung wussten sie durch List und Magie zu verhindern, doch der Zorn der umsonst Wartenden verflog schnell und hinterließ keinerlei Unmut. Eine der Feen, die durch den Umgang mit mächtigen Essenzen und besonderer Zauberkraft bekannt und bei vielen auch gefürchtet war, riet der allein gelassenen Elfe, sie solle ihm ein Mittel zukommen lasse, dass er die Beherrschung verliere und im Zorn einem Menschen Unrecht tat, denn dann müsste er außer Landes gehen und an die Stätte seiner Herkunft würde seine neue Begleiterin ihm nicht folgen wollen; oder aber seiner Gefährtin wollte man durch einen Zauber alle Empfindungen und die Befähigung, Heiterkeit zu empfinden, nehmen, doch das lehnte die Elfe brüsk ab: Nichts habe ihr größeren Schmerz verursacht als das Gefühl, zu Unrecht zurückgesetzt worden und aller Freuden beraubt worden zu sein. Niemals wollte sie bewusst einem anderen Menschen solches Leid antun. Niemals auch könnte der Verlust eines geschätzten Wesens durch einen Schicksalsschlag die Zuneigung zu einem anderen erzwingen. So hatten so manche der Wesen der Nacht schon die Hoffnung aufgegeben, ihre Gefährtin retten zu können, als eine der Wetterhexen, die den meisten ansonsten zu garstig war, als dass sie mit ihr verkehren hätten wollen, auf einem ihrer nächtlichen Besenritte bemerkenswertes zu Gesicht bekam: Hand in Hand zuerst, dann auch enger umschlungen erkannte sie an der Seite eines stattlichen Jünglings von lebensfroher Art die neue Begleiterin des Elfenpartners. Die Dame, so sah es die Hexe, die schon vieles bei den Menschen gesehen hatte, schien für so manche ein leichtes Spiel zu sein. Keiner wusste nun besser als die schreckliche Alte, was hier zu tun war: Von allen Seiten ließ sie die Blitze krachen, Sturmböen, Hagel und Wolkenbrüche schlugen den beiden ins Gesicht, Angst und Schrecken befiel sie, doch wohin sie sich auch wendeten, tobten die Elemente nur noch schlimmer, keinen Schritt wagten sie sich schließlich noch weiter und kauerten zitternd zusammen, bis Helfer aus dem nächstgelegenen Ort die so in die Enge getriebenen bemerkten und aus ihrer misslichen Lage befreiten. Schaden genommen hatten sie durch das Ereignis nicht, doch das Bild der aus höchster Not geretteten prangte am nächsten Morgen landauf, landab in den Zeitungen und Magazinen, so dass es auch dem jungen Geliebten der Elf nicht verborgen bleiben konnte. Der sah es sich eine Weile still und schweigend an und erkannte sofort seine neue Gespielin wieder. Tief versunken saß er so noch eine Weile und versuchte die Gefühle zu ergründen, die ihn jetzt bewegten. Zu mächtig, zu undurchdringlich waren sie, als dass er sie richtig hätte deuten können. Jetzt aber war die Stunde der vergessenen Elfe gekommen. Nicht dass sie sich an seine Seite gedrängt hätte, nein, nur still im Hintergrund ließ sie ihn spüren, dass sie nach wie vor jeden seiner Gedanken lesen und jeden unausgesprochenen Wunsch erfüllen konnte. Der so verwöhnte ließ sie zunächst gewähren, lernte in den nächsten Tagen aber wieder zu schätzen, was für ein wunderbares Wesen er bei sich hatte und noch bevor das Jahr sich neigte, sahen Wesen aus Fleisch und Blut wie die magischen Wesen der Nacht und des Waldes die Verliebte im weißen Schleier mit einem goldenen Ring. Nun sah sich die kleine Elfe am Ziel ihrer Wünsche und fürwahr, eine goldene Zeit begann. Kein Schritt des einen, wo nicht der andere zumindest im Geist an der Seite des andern gewesen wäre, und sogar in ihren Gedanken wollten sie nicht voneinander weichen. Glück und Liebe schenkten sie sich, und wenn das Leben auch noch so hart war, es fiel ihnen leicht. Nur die alten Gespielinnen und Freund aus den Zeiten im Wald zeigten sich seltener, rar wurden auch die Besuche im Wald, langsam bemerkte die Elf, wie ihr Gespür für die Anwesenheit der ihr früher so Wesensverwandten Tänzerinnen und Magier nach und nach verloren ging. Sie vermisste es indes nicht, ward sie doch von ihrem Leben um so reicher beschenkt. Auch als der Brotgeber ihres geliebten Mannes die Segel in den schwierigen Zeiten, in denen sie lebten, streichen mussten, und ihr Mann seine Arbeit verlor konnte sie das nicht beeindrucken. Die Rückkehr in die Einsamkeit Siebenbürgens fiel ihm wohl nicht leicht, und die Elfe musste erkennen, dass dies ein dauerhafter Abschied von ihren früheren Begleitern und Freunden war, doch sie wussten, dass sie sich nun ganz allein gehörten. Nur als sich ihre Haare langsam grau färbten und Falten ihre Züge prägten, schlich sich wieder eine Sorge ein: Ihr Leben war an seines gebunden, wie war ihr Ende, wenn sein Schicksal erfüllt war? Oft sah man sie nun schweigend auf den Bänken ihres weitläufigen Guts unter den alten Nussbäumen sitzen, die Hände ineinander und die Augen geschlossen. Auf dem See, in dem er als Kind sich ausgetobt hatte und wo es keine Stelle gab, wo er nicht schon einmal von einem Ufer zum anderen geschwommen war, sah man die beiden im Ruderboot sitzen, abwechselnd er, dann sie rudernd, und manchmal in der Mitte des Sees einfach nur im sanften Wind treibend. Weit hinaus ging es dann, wenn die Tage lang waren, und diejenigen, die sie als letzte sahen, erzählten, wie sich langsam im Abendlicht Nebel auf den See niedersenkte, der sie ihren Blicken entzog. In der Dämmerung sah er dann zwei Schwäne in das Abendrot fliegen, immer weiter dem Horizont entgegen, kraftvoll und doch leicht, wie Wesen, die aus der Luft geboren wurden. Copyright by Hartmut-Haas Hyronimus
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