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Wenn ich über die Ebene
blickte und dabei die Augen ganz fest zusammenkniff, konnte ich mir vorstellen,
daß unser Haus das Skelett eines riesigen Tieres war, das sich mit
heimlicher Macht in den verkarsteten Grund bohrte. Bald würde es
ganz unter der Erde verschwunden sein, das Haus,in dem ich eine Fremde
war. Verschluckt ohne einen Schrei zu hinterlassen.
Ich kniff oft die Augen zusammen in unserem Land . Besonders wenn ich
aus der schwarzen Höhle des Hauses in das blendende Licht der Ebene
trat und einen ewigen Atemzug lang nicht wußte, ob ich wieder die
Kraft haben würde, mich zu finden in diesem reißenden Weiß,
das keine haftenden Formen dulden wollte.
War es diese kalte Helle, in die meine Mutter für immer verschwand?
In einem Augenblick der Unachtsamkeit zerstäubt, weggebrannt, ausgelöscht?
Die steinernen Augen meines Vaters, die schnellen Blickwechsel meiner
Schwestern, ihr häßliches Kichern, sagten etwas anderes.
Mara. Mara. Mara. Sie spuckten meinen Namen aus, wenn ich, suchend, unbeholfen,
Raum einnahm in ihrer Welt und fuhren fort, die Großen, die Prunkenden
zu sein, die Töchter, auf die ein König stolz sein konnte.
Die Jüngste.
Der Dummling.
Das Unzeitige.
Die, die den Tod der Mutter verschuldet hat.
In einem Strom von rotem Blut ertrunken ist sie, als ich mich spät
ins Leben, in ihre Familie hereindrängte, sagten sie. Aber ich wußte,
daß das nicht stimmte.
Denn ich erinnerte mich an meine Mutter.
Ich hätte es wissen müssen, an jedem Tag. Denn er kam nie zurück,
wenn das Land in Schwärze getaucht war. Eine harte, drohende Finsternis,
die jeden Abend jäh vom Himmel fiel und uns unfreiwillig im Haus
zusammendrängte.
Opal saß auf einem Stuhl und ließ sich von Jade das lange,
blonde Haar in einen dicken Zopf flechten. Jade saß auf den Stuhl
und ließ sich von Opal das lange, blonde Haar in einen dicken Zopf
flechten. Das taten sie jeden Abend.
Sie waren schön, meine Schwestern, mit ihren goldfarbenen Köpfen,
der weißen Haut des Vaters, den feinen, geraden Körpern, die
überall hingehörten. Sie würden bald heiraten, Brüder
aus einem Land jenseits der Ebene.
Niemand würde je einen ungelenken, rauhhäutigen, schwarzen Zottel
wie mich zur Frau wollen.
Au! schrie Jade, als der Kamm hängenblieb und stieß mit dem
Ellbogen einen Becher Wasser um, der auf dem Tisch stand.
Ich zuckte hoch. Wasser war in unserem Land kostbar. Wir hatten zwar einen
Brunnen, doch der gab nur widerwillig. Oft zog ich einen leeren oder mit
stinkendem Schlamm gefüllten Eimer aus der Tiefe hoch.
Es war ein einziges Mal, da fiel Wasser vom Himmel; in satten, schweren
Tropfen, die lautlos auf der krustigen Erde zerplatzten. Mara, sieh nur,
schrie die Mutter, riß sich die Kleidung vom Leib und ließ
funkelnde Diamanten auf ihrer dunklen Haut tanzen.
Ich saß auf dem Fußboden, die Arme um meine angezogenen Beine
geschlungen und starrte in den steten Kerzenschein. Die Flamme stand wie
ein Splitter im Raum. In unserem Haus blieben die Dinge an der Stelle,
an die sie gesetzt wurden, steif, unverbunden, mit scharfen Umrissen.
Der Vater war frühmorgens zur Jagd aufgebrochen, ein geheimes Ritual,
an dem wir Mädchen nicht teilhaben durften, nicht einmal durch Fragen.
Es war notwendig, Totes herbeizuschaffen, das wußten wir, denn unser
dürftiges Gärtlein ernährte uns nicht. Einige knorrige
Bäumchen mit kantigen, bitteren Früchten und ein paar Reihen
ausgebleichtes Blattgemüse war alles, was die Dürre sich abringen
ließ.
Doch noch nie war der Vater nach der schwarzen Umklammerung gekommen.
Wo war er?
Opal und Jade sortierten Steinchen nach ihren fahlen Farben. Sie wollten
sie auf ihre Hochzeitsgewänder aufnähen. Die Schönen, die
Prachtvollen, die Wichtigen.
Da, ein Scharren draußen.
Opal und Jade sahen sich an. Immer liefen sie jauchzend hinaus, wenn der
Vater von der Jagd zurückkam. Immer stießen sie mich weg, wenn
ich folgen wollte.
Doch sie verharrten wie von einer Riesenhand auf die Stelle gebannt, mit
zuckenden Augenlidern und kurzen, schnellen Atemstößen.
Poltern, Räuspern.
Langsam erhob ich mich aus meiner kauernden Haltung. Opals und Jades Blicke
folgten mir, als ich zur Tür ging. Wellen des Hasses schlugen gegen
meinen Rücken. Ich begann zu zittern, blieb stehen. Die Wellen verebbten.
Stille.
Ich hob eine Hand und öffnete die Tür.
Komm zurück, zischte Opal. AKomm zurück oder ich würge
dich so lange bis dir die Zunge raushängt.
Ich trat über die Schwelle in die Schwärze.
Mein Vater fuhr mich aus glühenden Augen an. Sein Atem ging keuchend,
seine Kleidung war verschmutzt und zerrissen. Er hatte kein Totes über
der Schulter hängen.
Du? stieß er hervor.
Du.
Noch nie hatte er so genau mich gemeint, hatte ein Wort von ihm nur mir
gegolten. Ich streckte ihm die Arme entgegen.
Er strich sie beiseite, die törichte Geste, und trat ins Haus.
Opal und Jade flogen ihm entgegen.
Wo warst du? Warum hat es so lange gedauert? Hast du uns was mitgebracht?
Der Vater griff nach dem leeren Becher und ließ sich schwer auf
einen Stuhl sinken.
Ich habe mich im Wald verlaufen, sagte er und schob den Becher weg.
Mein Herz begann zu klopfen.
Der Wald. Er hatte ihn noch nie erwähnt. Wir wußten nicht,
wo er jagen ging, ahnten nur, daß es jenseits der Ebene eine geheimnisvolle
Welt geben mußte, dort, wo die Toten lebten, damit sie für
uns sterben konnten.
Aber du hast zurückgefunden, Vater.
Er sah mich nicht an.
Willst du wissen, wie weit wir mit unseren Hochzeitskleidern sind? fragte
Jade und lief mit Opal hinaus.
Schweigen, alt und schlecht, legte sich über den trüben Raum.
Wir hatten schon immer geschwiegen, mein Vater und ich. Wenn er mich unsichtbar
machen wollte in seinem vollendeten Kosmos, einfrieren ließ in einer
Zeit, die nicht den Rhythmus meiner Atemzüge maß. Wie oft war
mir die Kehle zugeschwollen von Fragen, die er mit dem Zucken eines Mundwinkels
erstickte.
Ich wäre elend umgekommen, Mara, das mußt du mir glauben, sagte
er schließlich. Ein schwarzes Männchen hat mir den Weg zurück
gezeigt.
Einer von unseren Leuten?
Der Vater schüttelte den Kopf. Halb so groß du. Alt, runzelig,
bärtig. Er trug ein schwarzes Gewand, spitze Stiefel.
Ich sah in die gemeißelte Kerzenflamme.
Er hat mich unter einer Bedingung gerettet.
Warten auf die schlimme Wendung, so geläufig.
Ich muß ihm das geben, was mir als erstes aus meinem Haus entgegenläuft.Und
ich dachte, nach Einbruch der Schwärze würde keine von euch..
Ich musterte meine Zehen, die durch die zerschliessenen Stoffschuhe brachen,
angestrengt. Die Schuhe hatte ich aus einem alten Kleid meiner Mutter
zusammengeflickt, unter den höhnischen Blicken meiner Schwestern,
die jedesmal,wenn ich mich in den Finger stach, auflachten.
Er hatte gewußt, daß Opal und Jade ihm nicht entgegenlaufen
würden. Er hatte gewußt, daß nur eine den Schritt über
die Schwelle in die kalte Finsternis tun würde.
Der Dummling, die Fremde.
Er wird dich in drei Tagen holen lassen, sagte der Vater und ließ
den Kopf in beide Hände sinken.
Damit ich den Ausdruck der Erleichterung in seinem Gesicht nicht sehen
konnte.
Ich rannte. Keuchend, schnaubend, fauchend, mit mächtigen, immer
weiter ausholenden Schritten, die angewinkelten Arme wie Flügel von
mir gespreizt.
Flügel. Hängend, gebrochen, verstümmelt hatte ich sie gesehen,
wenn der Vater die Vogeltoten von der Jagd heimbrachte. Doch nun lehrte
mein Körper mich, was ihr eigentlicher Sinn war: sich hineinzuwerfen
ins Nichts und plötzlich aufzusteigen, getragen von einer unbekannten
Kraft, die hinter den Dingen wohnte.
Mit brennenden Fußsohlen lief ich in die kalte Helle hinein, in
das reißenden Weiß, wußte zum ersten Mal, wohin ich
mich wandte.
Ich war nie zuvor bei den Leuten gewesen. Mein Vater, der König,
hatte ein Volk, das verstand sich von selbst. Und manchmal, zwischen Schlafen
und Wachen, stiegen Bilder, Geräusche, Düfte in mir hoch, die
ich schnell wegdrängte, weil sie fremd und doch schmerzhaft vertraut
waren.
Eine Hand, die mir das struppige Haar aus dem Gesicht strich, eine leichtherzige
Flötenmelodie,
ein Meer tiefblauer, würzig riechender Blumen.
Mein Vater schwieg, wenn ich wissen wollte, ob früher einmal Leute
in unserem Haus gewesen waren. Er schwieg, wenn ich fragte, ob wir unser
Volk besuchen könnten. Und er ging schweigend aus dem Raum, wenn
ich etwas, das ich nicht benennen konnte, als tot und verloren beweinte.
Ich würde mich verstecken bei den Leuten. Ich würde Wärme,
Geborgenheit und Schutz finden in ihrer Mitte. War ich nicht die Tochter
des Königs, eine Prinzessin? Das Volk würde mich lieben und
verehren, das Volk würde mich anbeten. Mein Volk.
Der Sturz war so hart, daß mein Schrei ohne Laut war.
Die Welt explodierte in ein grelles Nichts, dann fiel der Schmerz in Wogen
in meinen Körper ein. Ich lag, auf kantige Steine gepreßt,
mit gespreizten Armen und verdrehten Beinen, hingestreckt auf der Erde.
Taumelnd richtete ich mich halb auf. Tränen liefen über mein
zerschundenes Gesicht. Ich wischte sie weg, die Tränen und die Steinchen.
Wischte und wischte, doch die Tränen versiegten nicht, immer mehr
quollen aus unendlichen Wassern tief in mir, überfluteten mich, warfen
mich zurück auf die steinige Erde. Ich schrie, endlich, und dieser
Schrei, der wie ein Stück Kristall das Dickicht meiner Erinnerungen
durchschnitt, brachte mich in die Gegenwart zurück.
Vorsichtig erhob ich mich und sah mit zusammengekniffenen Augen über
die Ebene. Wo Erde und Himmel sich trafen, mußte es sein, dort,
da hinten, ganz nah.
Weiter, weiter.
Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte. So wenig wie ich wußte,
wonach ich mich so verzweifelt sehnte, wenn ich nachts wachlag und in
die tote Stille unseres Hauses lauschte, wenn der Feuerball in meinem
Bauch hochschoß und mich würgen und würgen ließ.
Das, was ich sah, war es jedenfalls nicht.
Graugelbe eckige Klötzchen, Häuser, ohne Bezug zueinander wie
achtlos auf die Ebene geschleudert. Die Erde knochig grau, der Himmel
wächsern gelb,ohne Tiefe. Ein Land flach, nicht weit.
Wie bei uns.
Ich blieb stehen, verwirrt, die Muskeln gespannt, und lauschte. Dann begriff
ich, was mich verstörte: Dieser Ort war lautlos, tonlos, klanglos.
Wo war das Murmeln, Flüstern, Schimpfen, Lachen, wo waren die Spuren
der Leute, die in die flüchtigen Schatten meines Bewußtseins
gewebt waren?
Langsam ging ich einen staubigen Weg entlang. Keine Straße, nur
übriggebliebener Raum zwischen den planlos hingesetzten Wohnstätten.
War das Dorf verlassen worden? Hatten die Leute aus irgend einem Grund
flüchten müssen? Warum gab es keine Fenster in diesen Häusern?
Nur rechteckige, schwarze Löcher als Eingänge.
Da, ein Garten. Ich blieb stehen. Eine Gruppe knorriger Bäumchen,
die ihre blassen, eckigen Früchte darboten. Welke Gemüseblätter,
auf die rissige Erde gefächert. Struppige Büsche, an denen vereinzelt
trockene Beeren hingen.
Mein Körper wußte es, bevor ich den Gedanken in Sprache fassen
konnte: Ich wurde beobachtet. Langsam wandte ich den Kopf.
Da standen sie. In vager Ferne, sehr aufrecht, in schwarze Tücher
gehüllt. Drei Frauen. Wie Felszacken ragten sie in den Himmel, unverrückbar,
zeitlos. Ich drehte mich weg.
Plötzlich brennender Durst. Wasser, sie mußten Wasser haben,
die Leute. Ich bohrte meinen Blick in das Eingangsloch eines der Häuser,
ging schnell darauf zu. Auf der Schwelle blieb ich stehen. Meine Stimme
war ohne Hall. Ist da jemand?
Stille.
Ich trat in den schwarzen Bauch des Hauses, die Arme tastend ausgestreckt.
Mit den Zehen stieß ich gegen etwas Hartes. Meine Hände erfühlten
Ecken, Holz - ein Tisch. Vorsichtig fuhr ich über die rauhe Oberfläche.
Da, etwas Glattes. Ein Gefäß. Nässe.
Hastig hob ich den Krug an meine aufgesprungenen Lippen und stürzte
das Wasser mit gierigen, lauten Schlucken hinunter.
Etwas schoß aus der Dunkelheit auf mich zu; ein Stoß, ein
Knall, Wasser spritzte hoch auf. Mein Körper gefangen zwischen zwei
Augenblicken bevor ich begriff: Keine Mensch, keine Hand hatte mir den
Krug aus den Händen geschlagen.
Bleierne Lautlosigkeit. Fade, arme Luft ohne Geruch.
Da war es. Lichtlose Blitze, die durch die Luft schnitten, eine wütende,
körperlose Energie, die mich nicht persönlich angriff, mich
aber auch nicht schonte. Vorsichtig löste ich meine Zunge vom trockenen
Gaumen und nahm einen tiefen, zitternden Atemzug. Sofort brach die schützende
Versteinerung meines Körper auf und ließ ihn in wehrloser Empfindsamkeit
zurück.
Es hockte.
Es brütete.
Es wuchs.
Eine böse dichte Masse, die mit der Aussendung der lichtlosen Blitze
ihre Umgebung sondierte, bis sie zum eigentlichen Angriff übergehen
würde. In meinem Bauch sammelte sich ätzende Hitze, schoß
in meine Kehle und ließ mich saure Bitterkeit in schmerzhaften Stößen
hochwürgen, Schweiß sprang auf meine kalte Haut. Grausamkeit
tastete mit klebrigen Fingern nach mir.
Ich fuhr herum, lief auf das Lichtloch zu und warf mich nach draußen
auf die harte Erde.
Verständnislos nahm ich fünfgliederige Teigigkeit wahr - Hände!,
vergilbte Lappen - Kleidung-, weiße Knochigkeit - Füße.
Ich hob den Kopf.
Die Leute standen, mehrere Körperlängen entfernt, in einem Halbkreis
um mich herum. Männer, Frauen, wenige Kinder. Sie bewegten sich nicht,
und nichts bewegte sie. Wind gab es schon lange nicht mehr in unserem
Land.
Mara, sieh nur, rief die Mutter, legte den Kopf in den Nacken und ließ
ihr langes, schwarzes Haar im Wind flattern.
Mein Blick irrte über die Gesichter, glitt ab an gefrorener Flächigkeit.
Ich stand auf, wischte umständlich meine Beine sauber und machte,
wie von ungefähr, ein paar Schritte auf die Menschenmauer zu. Niemand
wich zur Seite. Ich blieb stehen und prüfte aus den Augenwinkeln
die räumliche Situation.
Der Halbkreis der Leute berührte an beiden Seiten das Haus, aus dem
ich geflohen war. Es gab keinen Durchgang, keinen Fluchtweg.
Mit willentlicher Anstrengung heftete ich den Blick auf eines der Gesichter.
Es war eine junge Frau mit hochfahrenden Brauen, einer sehr geraden Nase
und einem beherrschten, kühlen Mund. Ich suchte herzklopfend ihre
Augen, doch gläserne Leere warf mich zurück. Ich näherte
mich noch einmal, diesmal demütig um Einlaß bittend. Da schleuderten
die Augen lichtlose Blitze. Mein Blick zuckte zurück, strich über
die Reihe. Zersplitterte.
Ich legte meinen Kopf in den Nacken und flehte das wächserne Gelb
des Himmels an. Ich senkte den Kopf und bat die knochig graue Erde um
Erbarmen.
Doch Himmel und Erde schwiegen.
Es gab keinen Ausweg, keine Rettung. Giftige Absichten ätzten meine
Haut, fraßen sich in mein Fleisch, sickerten in mein Blut.
Ich sackte auf den Boden, mit lehmschweren Gliedern.
Sie würden mich töten.
Eine lautlose Explosion zerfetzte das Innere meines Kopfes.
Sie würden mich töten.
Glühende Messer fuhren in mein Herz.
Sie würden mich töten.
Ich rang nach Luft.
Es wurde dunkel.
Zuerst wußte ich nicht, was es war. Ein langgezogener Ton, stetig
anschwellend.
Hu-Huuhuu-Huuuuuu...
Licht flackerte in mein Bewußtsein. Wo kam dieser Laut her? Aus
dem Haus? Von den Leuten? War das der endgültige Schnitt des Todes?
Huu...huuuu...
Dann verstand ich. Es war eine langsam aber entschieden aufkeimende Energie
jenseits aller Schmerzen, eine Entscheidung, die ohne mein Wissen getroffen
worden war.
Benommen richtete ich mich auf. Die Menschenmauer stand unbewegt, noch
immer unsichtbare Speere des Hasses gegen mich schleudernd.
Ich nahm einen zitternden Atemzug.
Huuuuu...
Ich stand auf.
Huuuu...huhuuu...huuu...
Ich brach durch die Mauer.
Mit einem Knall schlug ich
den Deckel der Holzkiste auf und schöpfte eine knappe Handvoll Korn
heraus. Meine Finger schabten dabei über den rauhen Boden der Kiste,
denn sie war wieder einmal fast leer. Unser kleines Feld gab nur eine
kärgliche Ernte, die kurzwüchsigen Getreidehalme standen spärlich
und trugen schlecht.
Ich verließ den Schuppen und ging zum Mahlstein, schüttete
das Korn in die Vertiefung, hockte mich hin und begann mit dem Reiben.
Es war eine mühsame Arbeit, und ich tat sie fast täglich, damit
Opal unser Brot backen konnte.
Die glanzlose Sonne, deren genauer Umriß in unserem Land nie zu
sehen war, stach auf mich nieder. Mein Rücken begann zu schmerzen,
Schweiß sammelte sich in meinen Achselhöhlen, auf der Stirn,
rann über die Brauen in meine Augen. Ich richtete mich kurz auf und
strich meine feuchten, struppigen Haare zurück. Heute mahlte ich
nur eine kleine Menge, doch es mußte ein besonders feines Pulver
werden.
Als ich zufrieden war, begann ich, die Spreu wegzupusten. Es hatte lange
gedauert, bis ich, nach dem Ausbleiben des Windes, diese schwierige Kunst
beherrschte. Nicht mal Opal und Jade konnten das, obwohl sie es nicht
zugaben.
Das ist ganz leicht, Mara, sagte die Mutter, hob eine Handvoll gemahlenes
Korn hoch und ließ es auf eine Tierhaut rieseln, während eine
Brise, nicht zu stark und nicht zu schwach, die spelzigen Teilchen davontrug.
Nach vollendetem Werk füllte ich das Mehl in eine hölzerne Schale
und ging in die Küche.
Vorsichtig tauchte ich meine Fingerspitzen in die Schale und nahm etwas
von der kostbaren Substanz heraus. Dann suchte ich mich in dem Spiegelscherben,
den der Vater uns einmal mitgebracht hatte. Ich mußte mich recken,
wenn ich mehr als meinen Scheitel sehen wollte, denn er war für meine
Schwestern an der Küchentür angebracht worden.
Ich tupfte etwas von dem gelblich-weißen Staub auf meine schweißnasse
Stirn. Ein Teil fiel herunter, aber das meiste blieb haften. Ermutigt
nahm ich mehr Mehl und rieb es mit beiden Handflächen in meine Haut
ein. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und sah prüfend in den
Spiegel. Ein fleckig weißes Gesicht mit aufgerissenen, dunklen Augen
starrte mir entgegen. Ich runzelte die Stirn, feiner Staub rieselte auf
meine Nase. Es war nicht perfekt, natürlich nicht, aber ich hatte
eine weiße Haut.
Wie Opal und Jade.
Nun würde der Vater mir auch ein Kleid mit Schleppe mitbringen, wenn
er sich in ein Land jenseits der Ebene aufmachte, um Dinge zu holen, die
wir dringend brauchten, wie Salz, Kerzen, Messer, Kochgefäße,
Decken, Kleidung. Abgenutzt und verblichen waren die Stoffe, die er mitbrachte,
doch jemand hatte sie kunstvoll verarbeitet, mit Rüschen, Schleifen
und einer Schleppe. Frauenkleider eben, und keine Mädchenhemden,
wie ich sie noch immer trug.
Jetzt mußten nur noch meine schwarzen Zotteln blond und glatt werden.
Ich lauschte. Der Vater saß, wie so oft, auf einem Felsen vor dem
Haus, unbewegt in die Ferne schauend, das wußte ich. Doch wo waren
Opal und Jade? Lachen drang von ihrem Schlafzimmer. Sicher waren sie wieder
mit ihren Hochzeitskleidern beschäftigt.
Ich ging hinaus zum Brunnen, hockte mich auf den Boden, kratzte gelblichen
Lehm vom Boden und tat ihn in eine Schale. Dann ließ ich den Holzeimer
hinunter. Er kam herauf mit stinkendem Schlamm gefühlt, doch die
Feuchtigkeit reichte aus, um einen leuchtend gelben Brei mit dem Lehm
anzurühren.
Ich ging wieder in die Küche und begann, vor dem Spiegel, die Masse
vorsichtig auf meine Haare zu pappen.
Ein wildes Auflachen ließ mich herumfahren.
Wie siehst du denn aus! Bist du verrückt geworden?
Jade funkelte mich an. Dann lehnte sie sich zurück und rief nach
hinten: Opal, komm her, das ist sehenswert!
Opal kam herbeigelaufen und brach in kreischendes Gelächter aus.
Mußt du dich noch häßlicher machen als du ohnehin schon
bist? schimpfte Jade. Sie warf mir einen Lumpen zu. Wisch den Dreck runter
und tu was Nützliches. Unser Zimmer muß gefegt werden.
Zitternd vor Scham rieb ich Gesicht und Haare sauber und ging.
Besen, Besen, nie gewesen, schlägt dich tot, ohne Not.
Trampel! Gib her.
Opal trat ins Zimmer und riß mir den Besen aus der Hand.
Du kannst ja nicht mal richtig fegen.
Ihr drohend ausgestreckter Arm wies unters Bett.
Was ist das?
Ich hockte mich hin und guckte.
Weiß nicht. Wieso?
Opal packte mich am Nacken und stieß meinen Kopf hart gegen das
hölzerne Bettgestell. Tränen schossen in meine Augen.
Bis du blind? Alles voller Schmutz!
Es tut mir leid, flüsterte ich.
Was hast du gesagt? Ich verstehe dich nicht, du mußt lauter sprechen!,
rief Opal und grub ihre langen Fingernägel in meine Kehle.
Es tut mir leid, würgte ich hervor.
Sie ließ mich los und stieß ein schrilles Lachen aus.
Trampel. Du machst doch nichts richtig.
Dann schritt sie aus dem Zimmer, mit der einen Hand im Triumph den Besen
hochhaltend, mit der anderen die Schleppe ihres Kleides nachziehend.
Ich ging in meine Kammer und rollte mich auf dem klumpigen Strohsack zusammen.
Mit kurzen, flachen Atemzügen zog ich mich in ein Nest tauber Fühllosigkeit
zurück.
So leer,
so eisig,
so vetraut.
Morgen würde mich das schwarze Männchen abholen. Es wäre
schön, heute zu sterben.
Mitten in der Nacht schoß
ich hoch aus unruhigem Schlaf, einen schrecklichen Augenblick lang des
vertrauten Gewebes aus Erinnerungen, Bildern, Gefühlen und Körperempfindungen
beraubt, das ein Ich erkennbar macht. Hellwach horchte ich in die dichtgewobene
Finsternis.
Es war vollkommen still, doch der schwingende Nachhall eines lauten Geräuschs
stand noch im Raum.
Erschauernd setzte ich meine nackten Füße auf den kalten Steinboden,
erhob mich und tappte in die Küche. Das Herdfeuer glimmte noch, doch
sonst war das Haus in tiefste Schwärze getaucht. Der Vater erlaubte
keine der kostbaren Kerzen in der Nacht, und es war Neumond.
Ich schlich ins Zimmer meiner Schwestern. Näher an Jades Bett tretend,
tastete ich nach einem Körper. Beine, ein Arm, eine leblos herabhängende
Hand. Die weiche Masse der Haare. Scheu beugte ich mich über ihr
Gesicht und lauschte. Ihr Atem, unhörbar. Beugte mich tiefer, sodaß
ihre kühlen, spröden Lippen meine Wange berührten. Kein
Hauch streifte mich.
Ich zog mich zurück.
Lautes Gurgeln ließ mich in der Bewegung innehalten. Es kam aus
dem Zimmer des Vaters. Gequältes Ächzen, Schluchzen, das Hin-und
Herwerfen eines schweren Körpers.
Mir fiel ein, daß auf dem Tisch eine Kerze stand. Ich ging in die
Küche, zog ein glimmendes Holzstück aus dem Feuer, lief in sein
Zimmer und zündete die Kerze an.
Er lag mit verrenkten Gliedern und verzerrtem Gesicht auf dem Bett, gepeinigt
von unsichtbaren Mächten. Erneutes Ächzen, Aufbäumen, dann
entspannte sich sein Körper ein wenig, der Kopf rollte zur Seite.
Ich wandte meinen Blick von ihm ab und sah auf den beleuchteten Tisch.
Eine verstörende Vielfalt von Formen ließ mich nähertreten.
Es war ein Haufen bearbeiteter Holzstücke.
Behutsam nahm ich eines hoch, betastete es. Kopf, vier Beine, ein Schwanz.
Griff nach einem anderen. Flügel. Ein Schnabel. Ich fuhr mit beiden
Händen durch die Figuren, streifte dabei die Schneide eines Messer.
Das war es also.
Manchmal zog der Vater sich für Stunden in sein Zimmer zurück,
ohne daß wir wußten, was er tat. Opal und Jade kümmerten
sich nicht darum, doch ich hatte schon oft mein Ohr gegen die Tür
gepreßt und gelauscht. Doch immer war es still gewesen, bis auf
das Knarren eines Stuhls, der Aufschlag eines fallenden Gegenstands, ein
Räuspern. Ich hatte nie gefragt, was er in dieser Abgeschiedenheit
tat, weil ich wußte, daß er wieder mit Schweigen antworten
würde. Nun war das Geheimnis enthüllt.
Er machte Tiere.
Ich überlegte, warum er sich dieser mühevollen Arbeit unterzog.
Natürlich - zum Umtauschen. Damit er in den Ländern jenseits
der Ebene all die Dinge, die wir brauchten, bekommen konnte. Er war ein
Jäger, er wußte, wie die Tiere aussahen, die wir nur als Tote
kannten. Doch woraus schnitzte er die Figuren?
Ich betrachtete ein großes, vom Messer mehrfach verletztes Stück
Holz von unregelmäßiger Form. Dies war nicht das knotige, narbige
Holz unserer Bäumchen, und es war auch nicht einer der glatten, ebenmäßig
gemaserten Äste, die er aus dem Wald zum Feuermachen heimbrachte.
Wo kam es her?
Dann fiel mein Blick auf etwas, dessen Bild so tief in mir vergraben war,
daß ich es zunächst verständnislos anstarrte.
Ein Stein.
Ein spitzer, weißer Stein, der auf ein neues Lederband aufgefädelt
worden war.
Der Stein.
Ich machte eine heftige Bewegung und stieß dabei das Messer mit
dem Ellenbogen an. Es fiel klirrend zu Boden. Sofort sprang ich zurück,
doch der Vater war schon wach.
Er fuhr hoch und stierte mich einen Augenblick lang ohne jedes Erkennen
aus wilden Augen an. Dann wanderte sein Blick vom Tisch zu meiner Hand,
in der ich das Lederband hielt.
Zuerst dachte ich, er würde aus dem Bett springen und mich schlagen.
Doch die Wut, die durch seine Augen gezuckt war, verlöschte und machte
einer brennenden Kälte Platz. Er sah über meinen Kopf hinweg,
als er sprach.
Ich wünschte, du wärest nie geboren, Mara.
Weg, davon, hinaus in die Umarmung der mondlosen Nacht. Ich lehnte mich
gegen die spröde Hausmauer und rutschte langsam auf die Erde.
Wie konnte er es wagen. Er hatte kein Recht dazu. Nicht dies, niemals
dies, nicht den Stein. Nicht den Stein.
Ich schloß die Augen.
Es hockte.
Es brütete.
Es wuchs...
Ich zuckte zusammen und öffnete die Augen. Ein Geräusch, wie
ich es noch nie gehört hatte, durchbrach die hohle Stille der Ebene.
Ein resonantes, rhythmisches Schlagen, schnell, weich und anschwellend.
Ich suchte den Horizont ab. Ein gleißender Streifen hatte sich über
der Ebene gebildet, darüber lag, scharf getrennt von der Helle, noch
die Schwärze der Nacht. Mit einem Wimpernschlag würde die Nacht
verschwunden sein, so als wäre sie nie dagewesen.
Die Tage brachen schnell und gleichgültig an in unserem Land.
Doch dann geschah etwas, was ich noch nie gesehen hatte: Die scharfe Trennung
zwischen Hell und Dunkel verschwamm, zerfaserte in horizontale Linien,
flächige Grau-Schattierungen.
Das Schlagen wurde lauter, schneller, dringlicher. Verstummte.
Dann riß der Horizont wie von Riesenhänden auseinandergezogen
auf, eine rauhe, kugelige Form stülpte sich heraus und schoß
direkt auf mich zu.
Ich heulte auf und schlug die Hände vors Gesicht.
Eine männliche Stimme formte Worte in meinem Kopf.
Ich bin gekommen dich zu holen.
Ich ließ die Hände sinken - und fuhr zurück.
Ein lebendiges, atmendes Tier stand vor mir. Es hatte ein dichtes, weißes
Fell, eine lange Schnauze. Die Ohren waren aufgestellt, der Schwanz nach
oben gebogen. Glänzende, tiefschwarze Augen blickten direkt in meine.
Nein, kreuchte ich. Nein, nein, nein.
Ich bin Wolf, hörte ich die Gedanken des Tiers.
Schweißnaß drückte ich mich gegen die kühlen Steine
der Hausmauer. Würde ich es schaffen, ins Haus zu laufen? Oder sollte
ich mich lieber im Schuppen verstecken?
Ich werde dich zum Glasberg bringen, hörte ich wieder. Dort wirst
du das kleine schwarze Männchen treffen.
Verwirrt sah ich in die leuchtenden Augen des Tiers. Sein starrer Blick
wurde weich, umfing mich mit zarter Fürsorglichkeit.
Mein Herz begann zu klopfen und ich wandte mich hastig ab. Noch nie hatte
mich jemand so angesehen. Ich konnte es nicht ertragen.
Ja, ich würde das kleine schwarze Mänchen heiraten. Es wohnte
offenbar in einem Glasberg, warum auch nicht. Trostloser als unser Haus
konnte ein Glasberg nicht sein. Sicher war es nicht zu anspruchsvoll und
würde mich besser behandeln als meine Familie. Ich würde kochen
und putzen und mich in meine eigene Welt einspinnen.
Beruhigt blinzelte ich in die vertraute gleißende Helle des Tages,
der nun angebrochen war und stand auf.
Der weiße Wolf öffnete sein Maul, ließ die Zunge heraushängen
und stellte die Ohren nach vorne. Wie freundlich er jetzt aussah.
Setz dich auf meinen Rücken.
Vorsichtig trat ich ein paar Schritte näher, streckte eine Hand aus
und berührte sein Fell. Es war weich und schimmernd und pulsierte
in unsichtbaren Schwingungen. Nie hatte sich das Fell der Toten so angefühlt.
Ich streifte das Lederband, an dem der spitze, weiße Stein hing
über meinen Kopf, schwang mich auf den Rücken des Wolfs und
krallte meine Hände in sein dichtes Nackenfell.
Augenblicklich sprang er mit einem riesigen Satz nach vorne und rannte
los.
Wir rasten durch einen Tunnel.
Rechts und links schossen derbe, kalte Fetzen an mir vorbei, schlugen
gegen meine Beine, streiften mit eisiger Schärfe die Haut meiner
Arme, zerrten an fliegenden Haaren. Die Fetzen gaben zischende, scharfe
Töne von sich, so als seien sie ärgerlich, daß ich im
Weg war. Dann klatschte etwas frontal gegen mein Gesicht.
Au! schrie ich wütend. Wenn wir doch bloß anhalten würden.
Doch die vorwärts drängenden Bewegungen des Wolfs waren stetig,
unbeirrt. Wußte er überhaupt noch, daß ich auf seinem
Rücken saß? Ich zog den Kopf ein und krallte mich fester in
sein Fell. Wie war es nur möglich, daß die Knochen in seinem
Rücken immer härter und spitzer wurden?
Dann ein knirschendes, mahlendes Geräusch, und der enge Tunnel riß
auf. Wir liefen wieder über vertrautes Gelände, die steinige
Leere der Ebene.
Plötzlich begann sich der Boden zu heben,wurde in Wellen und Schichten
zusammengequetscht. Riesige gezackte Flächen drückten nach oben,
barsten, brachen, krachten in Stücke.
Halt an! schrie ich, doch der weiße Wolf lief beharrlich weiter
über den unsteten, tobenden Boden, sicher getragen von etwas, an
das ich nicht glauben konnte.
Ich schloß die Augen, Übelkeit stieg siedend in mir hoch.
Ist es noch weit? rief ich. Ist es noch weit bis zum Glasberg?
Der Wolf blieb so abrupt stehen, daß ich fast von seinem Rücken
geschleudert wurde. Ich spürte unter meinen Händen wie sich
sein Nackenfell sträubte, die Ohren voll aufrichteten. Er rümpfte
die Nase, öffnete das Maul und bleckte die Zähne. Ein drohendes
Knurren drang tief aus seiner Kehle.
Wenn du das noch einmal fragst, werfe ich dich ab.
Ich preßte die Lippen zusammen. In dieser Irrwelt wollte ich bestimmt
nicht allein gelassen werden.
Der Wolf nahm seinen drängenden Lauf wieder auf und jagte über
die Ebene, die sich nun unter heulenden Gebrause in Wirbel und Verknotungen
zusammenrollte, streckte, auseinanderriß. Schrille Töne stülpten
Wortfetzen aus, die sich wie Pfeile in meine Ohren bohrten.
Plötzlich war es totenstill. Nur das leise, rhythmische Tappen der
Wolfspfoten auf trockenem Grund war zu hören. Vorsichtig öffnete
ich meine zusammengekniffenen Augen.
Ich erschrak so, daß ich fast die Balance verloren hätte und
klammerte mich an Wolfs Fell fest.
Die vertraute beingraue Fläche der Ebene war mit einem Schlag wiederhergestellt,
ja. Doch vor mir schwebte etwas in der Luft. Es war eine graue, dabei
transparente Masse, deren Inneres in wuseliger Bewegung war.
Zunächst konnte ich nicht ausmachen, was sich da bewegte, doch langsam
gewöhnten sich meine Augen daran.
Was ich sah, war ein Dorf, genauer, eine Straße in einem Dorf. Die
grauen Schlieren formten Konturen von Häusern, Menschen. Es war eine
belebter Ort, so wie ich noch keinen gesehen hatte. Karren und Verkaufsstände,
hochbeladen mit Waren aller Art, säumten die Straße. Frauen,
Kinder, Männer gingen betriebsam ihren Geschäften nach.
Was ist das? fragte ich Wolf.
Stille in meinem Kopf.
Ich sah genauer hin. Warum war alles grau in der Masse? Keine einzige
Farbe leuchtete auf in dieser tristen Welt. Angestrengt versuchte ich,
einzelne Gesichter in dem Gewimmel auszumachen.
Da, eine junge Frau, deren dürrer, steifer Körper sich über
ein kleines Mädchen beugte, das gerade aus einem der Häuser
auf die Straße trat. Was war das? Ich bemühte mich, genauer
hinzusehen. Eine Farbfleck. Über dem Kopf des Kindes schimmerte inmitten
all der stumpfen Grautöne ein Fleck von Blau. Ein bezwingendes, reines,
leuchtendes Blau. Die Frau beugte sich tiefer über das Mädchen,
streckte die Arme aus, umfing es und hob es auf. Wie lieb, dachte ich.
Vielleicht die Mutter?
Und dann, mit einer einzigen gierigen, schnellen Bewegung, schlürfte
die Frau den blauen Fleck auf und warf das Kind weg als sei es eine ausgelutschte
Fruchtschale.
Ein eisiger Hauch streifte meinen Nacken.
Wolf, was ist das, es ist ekelhaft, ich will es nicht sehen!
Das ist eins der Länder jenseits der Ebene, kam die Antwort.
Eins der Länder jenseits der Ebene. Da, wo der Vater hinreiste, um
Waren gegen die geschnitzten Holztiere einzutauschen?
Ist es wirklich? fragte ich.
Keine Antwort.
Warum ist alles so grau, und warum sind die Menschen so...so grausam?
Dies ist das glücklichste der Länder jenseits der Ebene, hörte
ich Wolfs Stimme in meinem Kopf. Möchtest du sehen, wo Jade und Opal
nach ihrer Hochzeit leben werden?
Bevor ich etwas sagen konnte, verflüchtigte sich die graue Masse
mit einem leisen, unangenehmen Zischen und eine neue bildete sich an ihrer
Stelle.
Es dauerte eine Weile, bis ich mich in den schrillen, gleißenden
Farben und drohenden Formen zurechtfand. Schließlich konnte ich
die Szene ausmachen.
Ein Zimmer. Ein Zimmer, das meinen Atem in Stößen kommen ließ,
so gewalttätig wüst, verkehrt, verdreht war es. Der Raum bestand
aus zersplitterten Spiegeln. Tausende von spitzen Scherben waren gegeneinander
gesetzt, ineinandergerammt. Grelle Fabblitze zuckten auf, verlöschten.
In der Mitte des Raumes konnte ich einen großen, schweren Mann mit
wallenden giftgrünen Haaren ausmachen. Er trug eine Art Rüstung,
die ebenfalls aus Spiegelscherben bestand. Der Mann stand, Fäuste
in die Hüften gerammt, breitbeinig da und sah auf eine Frau hinab,
die zu seinen Füßen kniete. Es war Jade, in zerlumpter Kleidung,
das Haar zerzaust, mit tränenüberströmtem Gesicht. Sie
hielt einen Lappen in der Hand und polierte die spitzen Spiegelscherben
auf den Stiefeln des Mannes. Sie schnitt sich jedesmal, Blut strömte
von ihren Händen, lief an ihren Armen herunter.
Ich will es nicht sehen! schrie ich.
Die Masse zerplatzte mit einem Knall, doch sofort formte sich eine neue.
Ich atmete auf. Diese Szene sah freundlich aus. Ein Zimmer in bunten,
fröhlichen Farben. Flauschiges lag herum, auf eine Wand war eine
gelbe Sonne, umrahmt von blauen Wölkchen gepinselt. Ein Mann hockte
auf dem Boden. Er war klein, fett und ganz in Rosa gekleidet. Jetzt legte
er sich auf den Rücken, strampelte mit den kurzen Beinchen und lachte.
Opal trat ins Zimmer. Bleich und ängstlich drückte sie sich
an die Wand, versuchte, an dem Mann vorbeizukommen. Doch er robbte auf
sie zu, hob die Füße und trat sie mit voller Wucht in den Bauch.
Er lachte hell auf und trat sie noch einmal. Opal lief weg, doch er schlidderte
hinter ihr her.
Nein! schrie ich. Ich will nichts mehr sehen, bitte, bitte.
Die Masse schrumpfte zusammen und verschwand.
Ich atmete auf. Nichts war zu sehen außer der leeren Ebene. Fade
Alltäglichkeit, so trostreich.
Wolf lief und lief. Mein Kopf sackte nach vorne, Arme und Beine wurden
schwer, mein Rücken schmerzte.
Wie weit ist es noch bis zum Glasberg? fragte ich.
Wolf blieb abrupt stehen. Sein Nackenfell sträubte sich, die Ohren
waren voll aufgerichtet. Er rümpfte die Nase, öffnete das Maul
und bleckte die Zähne. Ein drohendes Knurren drang tief aus seiner
Kehle. Ich warne dich zum letzten Mal: Wenn du noch einmal fragst, werfe
ich dich ab.
Ich seufzte heimlich, als er sich wieder in Bewegung setzte. Vielleicht
wäre das gar nicht so schlecht, so weh wie mir jetzt jeder Knochen
im Leib tat.
Ich würde nicht wie Opal und Jade enden, das stand fest. Ich wollte
nicht, daß sie so leiden mußten, aber ein kleines bißchen
schlechte Behandlung hatten sie verdient, die Prunkenden, die Prächtigen.
Ich würde es besser haben. Das schwarze Männchen war nicht wie
diese beiden schrecklichen Männer, es war gutmütig. Schließlich
hatte es dem Vater geholfen. Vielleicht war es ein bißchen beschränkt,
das konnte mir nur recht sein. Ich würde es lenken können. Und
dann führte ich Jade und Opal vor, daß ich den besten Ehemann
von uns allen bekommen hatte. Daß mußte für immer an
ihren Herzen nagen.
Verstört vom jähen Wechsel eines gewohnten Sinnenreizes, blickte
ich zu Boden. Eben noch durch den endlosen Lauf des Wolfs trancehaft auf
die helle Fläche der Ebene fixiert, war der Grund plötzlich
schwarz.
Schwarz ohne Unebenheiten.
Schwarz ohne Lichtbrechung,
Schwarz ohne Festigkeit.
Mein Bauch verstand, bevor mein Kopf den Gedanken fassen konnte.
Wolf war vom Rand der Ebene in einen Abgrund gesprungen.
Erstes Kapitel von insgesamt sechs Kapiteln
Bisher gab es an dieser Stelle
eine gekürzte Fassung zu lesen; nun liegt der Originaltext mit dem
Titel "Die Wolfsbraut" vor. (Anm.d.Red.)
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