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Die Marionette

Ingrid Ullmann

   

 

Es war einmal eine wunderschöne Marionette. Sie hatte goldenes Haar und trug ein blaues Samtkleid mit weißem Kragen und einer vornehmen, goldenen Borte am Kleidersaum. An ihren zierlichen Füßen hatte sie stets rote Lackschuhe, die der Meister immer persönlich zu putzen pflegte. Ach, der Meister! Der Meister war gütig, wenigstens meistens. Aber er konnte auch grimmig brummen, wenn sich die Fäden verheddert hatten oder die roten Schuhe schwarze Striemen vom Tanzen zeigten. Immer, wenn er die Schuhchen vorsichtig mit seiner Fingerkuppe eincremte, murmelte er zärtliche Worte in seinen Bart. Es klang wie „Mein Kleines, Du bist mir die Allerliebste von allen!“

Diese vertrauten Worte gefielen der Marionette. Sie gehörten zu ihrem Leben wie der allabendliche Auftritt auf der mit schwarzem Samt ausgeschlagenen Bühne. So gingen die Jahre dahin. Morgens träges Aushängen, Hin- und Herbaumeln mit den anderen Marionetten, dann die aufregende Vorbereitung auf den Auftritt, die Kontrolle der Fäden, des Meisters Fingerkuppe auf den großen, schwarzen Augenwimpern und das sorgfältige Reinigen der Schuhchen – dazu das Murmeln der altvertrauten Worte. Dabei bemerkte die Marionette gar nicht, daß im Laufe der Jahre der Bart des Meisters langsam grau und schließlich schlohweiß geworden war.

Eines Tages kam der Meister nicht mehr. Das träge langweilige Hin- und Herbaumeln wollte kein Ende nehmen. Und die Marionette sehnte sich nach seiner Stimme, dem ausgelassenen Tanz auf der Bühne und nach dem Applaus – ja, auch nach dem Applaus. Aber am meisten fehlte ihr die tiefe Stimme des Meisters. Und je verzweifelter sie darum kämpfte, sich diesen Klang wieder in Erinnerung zu rufen, desto ferner und ferner verhallte er wie das Grollen eines Gewitterdonners. Und dann wurde es ganz still.

Als die Marionette schon gar kein Gefühl mehr für die bisher vergangene Zeit hatte, wurde sie plötzlich durch eine ganz andere, helle Knabenstimme aus ihrem bleiernen Schlaf geweckt. „Wer bist Du denn?“ fragte die helle Stimme. „Ich bin eine Marionette“ antwortete die Puppe stolz „und ich gehöre dem Meister. Wenn er wieder kommt, will ich wieder springen und tanzen.“ „Oh, kannst Du denn nicht alleine springen und tanzen?“ fragte der Knabe. „Schau her, ich tanze auch ohne diese komischen Fäden.“ Dabei machte er ein paar drollige Bewegungen, so daß die Marionette lachen mußte. Gleichzeitig fühlte sie ein heftiges Verlangen, auch so unbeschwert herum tollen zu können wie er. Der Knabe hatte das unternehmungslustige Fünkchen in ihren Augen gesehen, zückte rasch sein Taschenmesser und durchschnitt die Fäden. „Komm, tanze mit mir!“ rief er fröhlich. Da richtete sich die Marionette mühsam auf. Alle Glieder taten ihr weh und trotz ihrer zierlichen Gestalt fühlte sie sich bleischwer. Aber sie wollte dem Jungen in nichts nachstehen und unter Aufbietung all ihrer Kräfte tanzte sie – jetzt ebenso unbeholfen und tapsig wie er.

Da rief aus der Nähe eine weiche, menschliche Stimme nach dem Knaben, und er sagte: „Es wird dunkel. Ich muß jetzt heim, morgen komme ich wieder.“ „Dann hänge mich schnell wieder auf“ bat ihn die Marionette. „Bist Du dumm“, antwortete der Knabe „das geht jetzt nicht mehr, ich habe doch alle Fäden abgeschnitten.“ Damit verschwand er eilig.

„Alle Fäden abgeschnitten, alle Fäden abgeschnitten“. Diese Worte des Knaben wiederholten sich tausendfach wie ein kaltes, grausames Echo im Kopf der Marionette. Kraftlos lag sie auf dem kalten Boden im Staub. „Meister“, rief sie mit gellender Stimme „laß mich nicht allein!“ Aber es kam niemand, um ihr zu helfen. Nach Stunden der Einsamkeit erspähte sie endlich durch die erblindeten Fenster die ersten Sonnenstrahlen. Gegen Nachmittag kam der Knabe wieder. Er jauchzte vor Freude als die Marionette ihm auf wackeligen Füßen einige Schritte entgegenkam. „Siehst Du, es geht“ sagte er, „und wenn Du erst richtig laufen kannst, nehme ich Dich mit zu mir.“

Manchmal geschehen auch Wunder. Wirklich saß die Marionette eines Tages wie ein richtiges Menschenmädchen neben dem Knaben am Mittagstisch. Die Mutter lächelte und buk für beide einen dicken Pfannekuchen. „Du armes Kind“, sagte die Mutter, „hast Du denn gar keine Eltern?“ „Oh, doch,“ hauchte die Marionette verlegen, „ ich hatte einen lieben fürsorglichen Meister. Aber jetzt brauche ihn nicht mehr, denn ich stehe auf meinen eigenen Füßen,“ und wischte sich verstohlen eine Träne aus den Augenwinkeln. Denn der Weg von der Marionette zum Menschenkind war doch sehr, sehr schwer gewesen.


Ingrid Ullmann