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Kürbiskern Millionenfünf Ingrid Ullmann |
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Es war einmal ein kleiner Kürbiskern. Er lebte vergnügt mit vielen Geschwistern in dem warmen, weichen Bauch eines riesigen gelben Kürbis. Alle Kürbiskerne fühlten sich kuschelwohl. Am Tage war es ihnen es wohlig warm, weil die Sonne auf die Außenschale schien. In der Nacht aber rückten sie alle zusammen, um sich gegenseitig zu wärmen. "Ihr Glücklichen!“, pflegte der Kürbisbauch zu brummeln. "Wer hat schon hundert Schwestern und Brüder?“ "Wir, wir!“, brüllten die Kürbiskerne im Chor und fühlten sich der ganzen Welt überlegen. Am lautesten schrie unser kleiner Kürbiskern, denn er hatte immer Angst davor, dass man ihn übersah. Eines Tages fuhr ein riesiges, metallisch glänzendes Messer durch den großen Kürbis und spaltete ihn in zwei gleiche Teile. Die vielen Kürbiskerne verstummten vor Schreck. Was hatte das zu bedeuten? Zwar hatte der gutmütige Kürbisbauch immer davon gesprochen, dass ihr Leben einen geheimnisvollen Sinn habe. Doch sei es gerade das Geheimnis, diesen Sinn erst zu erfahren, wenn er im Werden sei. "Sind wir jetzt im Werden?“, flüsterten sich die Kürbiskerne leise zu. Und der kleinste Kürbiskern hätte gern so laut gefragt, wie er früher gebrüllt hatte. Doch er traute sich nicht. Alle Schwestern und Brüder blickten neugierig nach oben. Es fehlten ihnen die Worte zu beschreiben, was sie sahen. Wie sollten sie das Blau des Himmels und das Weiß der Wolken beschreiben, wenn sie bisher immer in Dunkeln gelebt hatten? Auch dieses Gesichtchen über ihnen und das fröhliche Lachen aus einem Kindermund, das konnte nur das Werden sein. Alles war so wunderschön und aufregend. "Worte“, stöhnten sie leise, "ach, hätten wir doch Worte für unser Glück.“ Eine warme weiche Hand erfasste sie und sortierte sie auf einem Holzbrett. "Oh, ist der aber klein“ rief das Mädchen mit dem Lachmund, als es den kleinen Kürbiskern erblickte. "Hab’ keine Angst“, sagte das Kind vertraulich zu ihm, "die Kleinsten werden oft die Größten. Du wirst schon sehen, ich sorge schon dafür.“ Und zärtlich drückte es den kleinen Kürbiskern in seiner Hand. Da rief eine Stimme "Lilith, Lilith, Papa und Dein Bruder Lenni sind da. Komm schnell ins Haus, wir wollen doch Kürbissuppe kochen.“ Da rannte das kleine Mädchen, schnell davon. Ihr Bruder war ein richtiges Süßmaul und die Geschwister hatten sich eine Kürbissuppe mit Schokocrossies als Einlage ausgedacht. Da Kürbissuppe doch so gesund war, konnte die gesundheitsbewusste Mama nichts dagegen einwenden. Im Gegenteil – über soviel Raffinesse der Kinder musste sie selbst herzlich lachen. Kaum war das Kind verschwunden, fingen die Kürbiskerne an, ihre Eindrücke auszutauschen. Die einen sprachen vom geheimnisvollen Werden, die farbige, duftende Welt um sie herum und die anderen von dem Mädchen Lilith. Wie es so herzhaft gelacht und sie so vorsichtig angefasst hatte. Trotzdem vermissten sie auch den dunklen, warmen Kürbisbauch mit der Grummelstimme, aber auch wieder nicht so viel. Denn die Außenwelt war zwar viel kühler und heller, aber auch schöner und aufregender. Langsam wurde es dunkel und die Sterne funkelten zu Millionen an Himmel. Ab und zu sauste in rasender Geschwindigkeit eine Sternschnuppe hernieder. Die Kürbiskerne konnten sich nicht satt sehen und waren erstaunt, dass die Menschen sich vor dem Glanz der Sterne in ihren Häusern versteckten. Freiwillig hätten sie diesen Anblick nicht mehr mit dem Kürbisbauch vertauscht, so überwältigend war er für sie. Am nächsten Morgen kam Lilith wieder. "Ich bringe euch alle in die Sonne“, sagte sie, "damit ihr schön trocken werdet. Und im nächsten Jahr verwandelt ihr euch alle in ein Wunder.“ Die Kerne glaubten dem kleinen Mädchen bedingungslos und schmiegten sich gern in sein warmes Händchen. "Werden, Wunder“, rätselten sie. "Was hatte das alles zu bedeuten?“ Und der kleinste Kürbiskern erzählte jedem stolz, dass er dazu bestimmt sei, der Größte zu werden. Unter solchen Gesprächen trockneten sie lange auf einer Fensterbank vor sich hin. "Ach“, seufzten sie, "wären wir doch schon bald richtig trocken, damit das Wunder endlich beginnen kann.“ Doch zunächst kam es ganz anders. Lilith erschien mit einer leeren Weihnachtskeksdose und ließ die Kerne hineinfallen. Dabei zählte sie eifrig: Eins, fünf, drei, zwölf… bis millionenfünf. Das war der kleinste Kürbiskern. Er lag obenauf und sah noch, wie Lilith einen Deckel ergriff und die Dose energisch verschloss. Durch die Trockenheit waren die Kerne etwas erschöpft. So beschlossen sie gemeinsam, erst einmal zu schlafen und die Hoffnung auf ein Wunder niemals aufzugeben. Das war nicht ganz einfach, denn es dauerte unendlich lange, bis Lilith wieder erschien und die Keksdose öffnete. "Ach, da bist du ja, Millionenfünf“, sagte sie freudig zu dem kleinsten Kern und legte ihn zärtlich zwischen beide Hände. Im Garten hatte sie ein weiches Bett gegraben und legte alle Kerne einzeln in ein warmes feuchtes Erdloch. Sie sprach ernsthaft mit jedem Kern als wäre es eine Puppe oder ein Kind. Neben den Kern Millionenfünf grub sie zusätzlich eine kleine Fahne in die Erde. "Du bist so klein, sonst finde ich Dich ja nicht wieder“, sagte sie besorgt. Nun konnten sich die Kerne nicht mehr miteinander austauschen. Jeder war jetzt für sich ganz allein im Dunkeln und wartete und hoffte gespannt auf etwas Schönes, Unbekanntes… Plötzlich wurden ihre harten Schalen fast gleichzeitig gesprengt, ihre Triebe reckten sich mit Macht aus dem Inneren empor, teilten die Erde und streckten sich als Keimblätter der Sonne entgegen. Kurz danach entwickelten sich noch größere Blätter, richtige große, saftig-grüne Laubdächer für Käfer, Schnecken und Regenwürmer, durch die die Sonne herrlich gedämpft hindurch schien. Jetzt wussten sie es genau – diese wunderschönen schnell wachsenden Blätter, das konnte nur das geheimnisvolle Werden sein, von dem der Kürbisbauch immer gegrummelt hatte. Konnte es denn noch ein größeres Wunder geben? Ja, es konnte! Denn aus den Blättern entwickelten sich herrliche gelbe Blüten. Jeden Tag kam Lilith, um die Pflanzen zu begießen und die Blüten zu bestaunen. Ihr Bruder Lenni half ihr oft bei der Pflege und in Gedanken an die leckere Kürbissuppe mit Schokocrossies leckte er sich jetzt schon die Lippen. Für den Kürbiskern Millionenfünf hatte Lilith immer ein Extra-Kännchen mit flüssigem Dünger dabei. Dadurch erreichte er fast – aber nur fast – die anderen an Größe. Der kleine Kürbiskern war etwas enttäuscht darüber, denn Lilith hatte ihm versprochen, dass er der Größte werden würde. Aber Lilith selbst war mit ihrem Ergebnis sehr zufrieden. So genau hatte sie es nun auch wieder nicht gemeint. Und wenn der kleine Kürbiskern sie nicht gehabt hätte, wäre er doch viel, viel mickriger geworden. Und überhaupt freute sie sich schon darauf, ihren Omas und Opas und ihren Freunden im Herbst prächtige, goldene Kürbisse zu schenken. Und den kleinen Millionenfünf wollte sie in einen gruseligen Gespensterkopf verwandeln und mit einer Kerze im Dunkeln vor die Haustür stellen! Ab und zu kamen größere Kinder in den Garten, die Lilith ärgern wollten.
sangen sie. Oder sie sagten zu ihr: "Zähl mal bis eine Million.“ Dann nahm Lilith ihre Finger zu Hilfe und zählte angestrengt: “Eins, fünf, drei, zwölf… millionenfünf.“ und die Kinder lachten hämisch. Aber Lilith glaubte, dass sie es besonders gut gemacht hätte und strahlte vor Stolz. Die Kinder beschlossen Lilith einen Streich zu spielen. In ihrer Abwesenheit zerstampften sie mit breiten Gummistiefeln die schönen Kürbisblüten. Nur die Blüte von Millionenfünf ließen sie stehen, denn sie war ja etwas kleiner und unter den Blättern nicht so gut zu erkennen. Dann legten die Kinder sich hinter einem Strauch auf die Lauer und warteten bis Lilith kam. Was soll ich Euch sagen, Kinder? Ihr könnt Euch vorstellen, wie traurig Lilith war. Sie weinte bitterlich. Sie weinte um die schönen Blüten, sie weinte um die verloren gegangenen Geschenke und sie weinte um den Kürbis-Gespensterkopf, aber noch mehr weinte sie, weil die großen Kinder ihr so weh getan hatten und auch weh tun wollten. Das hatte sie jetzt begriffen. Da schämten sich die großen Kinder hinter den Büschen. Plötzlich tat es ihnen leid. Sie begriffen, dass es für Lilith nicht nur irgendwelche Pflanzen waren, sondern richtige Lebewesen. Und außerdem – ein viel kleineres Kind zu ärgern, das war wohl doch keine Heldentat. Mit hängenden Köpfen gingen sie stumm davon und kamen sich ziemlich schäbig vor. Einer von ihnen brach das Schweigen und sagte: "Los Leute, wir müssen etwas tun.“ Sie legten ihr Taschengeld zusammen und kauften eine wunderschöne Puppe. Heimlich setzten sie sie zwischen die zerstörten Blüten und hängten ein kleines Schild um ihren Hals. Darauf stand nur ein einziges Wort. Nun, liebe Kinder, könnt Ihr erraten, welches Wort es war? Richtig! Es war das Wort Verzeihung. Dabei entdeckten sie die kleine Kürbisblüte, die ihre Zerstörungswut überlebt hatte. Natürlich war es die Blüte aus Kern Millionenfünf. Sorgfältig richteten sie die Blüte auf und legten sie in die Arme der Puppe. Dann glätteten sie die zerkickten Blätter der Pflanze, banden ihren Stängel sicherheitshalber an der kleinen Fahnenstange fest und gaben vorsorglich noch etwas Wasser in die Erde. Auch der Kürbiskern Millionenfünf war sehr, sehr traurig. Er war jetzt der Größte von allen, wie er es sich immer so sehnlich gewünscht hatte. Aber dafür war er allein. Und dann macht es keine Freude mehr, etwas Besonderes zu sein. Lieber wäre er kleiner geblieben, aber dafür mit den anderen zusammen. Auch Lilith war weinend davon gelaufen, ohne ihn zu entdecken. Zu gern hätte er sie getröstet, aber er war ja nun mal fest in der Erde verwurzelt und konnte ihr nicht helfen. Viele Stunden vergingen, bevor Lilith an der Hand ihrer Mutter zusammen mit ihrem Bruder Lenni doch noch einmal zurückkam. Beide sollten sehen, wie übel das Kürbisbeet zugerichtet war. Die Mutter versuchte Lilith zu trösten. "Die Kinder, die es getan haben, fühlen sich jetzt stark. Aber es ist eine erbärmliche Stärke, und im Grunde ihres Herzens wissen sie es auch.“ – Da entdeckte Lenni die schöne Puppe mit dem Schild Verzeihung und der einzigen unzerstörten Kürbisblüte auf ihrem Schoß. Die Geschwister konnten das Wort noch nicht lesen. Doch die Mutter las es den Kindern vor und alle drei atmeten erleichtert auf. Wenn jemand um Verzeihung bat, das war toll und tat richtig gut. Es war so, als wenn der Schmerz nachlässt, wenn man sich in den Finger geschnitten hatte. Erleichtert und dankbar presste Lilith die Puppe an sich. Und dass der Kürbiskern Millionenfünf überlebt hatte, war überhaupt das Höchste. Jeden Tag bekam er abwechselnd Besuch von Lilith oder Lenni. Er wurde von ihnen gehegt und gepflegt und täglich berichteten sie sich gegenseitig von seinem erstaunlichen Wachstum. So entstand allmählich aus der Blüte erst eine grüne Frucht und dann unaufhaltsam eine wunderschöne dicke, rotgelbe Kürbiskugel, so groß wie ein bunter Wasserball, aber viel, viel schwerer! Und im Wachsen spürte der Kern Millionenfünf das geheimnisvolle Wunder des Werdens, genauso wie es der gutmütige Kürbisbauch ihm versprochen hatte, als er noch ein ganz kleiner Kern war. Er beeilte sich, den neu entstehenden Kernen in seinem Inneren davon Mitteilung zu machen und sie auf die Zeit der Wunder vorzubereiten. Nur eines konnte er nicht ausstehen – wenn nämlich jemand seine Größe erwähnte. Auch wenn er nun wirklich nicht mehr zu übersehen war, wollte er um nichts in der Welt der größte Kürbis sein. Dieser dumme Stolz war ihm gründlich vergangen. Doch eines Tages war es wieder soweit. Die Bäume verfärbten sich rot, gelb und braun, die Felder waren abgeerntet und die Zeit für Kürbisgespensterköpfe und Kürbissuppe mit einer Einlage aus Schokocrossies war wieder gekommen. Der Vater hob den schweren Kürbis Millionenfünf aus dem Garten und gemeinsam höhlten sie ihn sorgfältig aus. "Tut es ihm auch nicht weh, Papa?“, fragte Lilith ängstlich, als sie das Knirschen des Messers in seinem Fruchtfleisch hörte. "Aber nein“, antwortete dieser, "das ist doch der Sinn seines Lebens. Wenn Du mich fragst, ich glaube, er freut sich sogar darüber. Und schau die vielen Kerne in ihm. Die legen wir zum Trocknen auf die Fensterbank …“ "… und dann wachsen wieder viele neue Kürbisse!“, ergänzte Lenni, das Süßmaul und dachte dabei an die leckere, gesunde Schokocrossie-Kürbissuppe. Der Kürbiskern Millionenfünf aber wurde der schönste Kürbisgespensterkopf mit Kerzenbeleuchtung weit und breit. Das sagten nicht nur Lilith und Lenni, sondern auch reumütig die Kinder, die ihn beim Zertreten übersehen hatten. Und dann musste es doch wohl stimmen.
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