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Die Geschichte vom neugierigen, klitzekleinen Hühnchen

Ingrid Ullmann

   

 

Es war einmal ein klitzekleines Hühnchen, mit klitzekleinen schwarzen Äugelchen und einem klitzekleinen roten Hühnchenkamm und gelben Flaumfedern. Was sagt ihr, Kinder? Das ist gar kein Hühnchen? Das ist ein Küken! Na gut, na gut. In jedem kleinen Küken steckt doch eine echte Hühnchenpersönlichkeit, das ist meine Meinung dazu, jawohl!

Das kleine Hühnchen war sehr neugierig und trotz der Warnungen der älteren Hühner krabbelte es einfach unter dem Zaun vom Hühnerstall hervor und sah sich in der Welt um. Oh, wie interessant war das Leben außerhalb des Zaunes! Es gab weiches, grünes Gras, wohlschmeckende Würmer und Käfer und wunderschöne Blumen mit einem herrlichen Duft. "Oh, wie klug bin ich doch", dachte das kleine Hühnchen, "und wie dumm sind die anderen, weil sie sich freiwillig einsperren lassen." – In demselben Moment kam ein riesiger Hühnerhabicht angeflogen. Er hatte nur eines im Sinn, er wollte das kleine Hühnchen fressen – und zwar auf der Stelle!

Neben dem Hühnerstall lag ein schwarzer, wuscheliger Hund in der Sonne und blinzelte müde aus seinen Augen. Für ihn gab es nichts Herrlicheres, als draußen vor sich hin zu dösen. Aus den Augenwinkeln beobachtete er das kleine Hühnchen. "Tapfer, tapfer", dachte er, "wenn ich so klein wäre und nicht einmal bellen könnte, würde ich solche Ausflüge nicht unternehmen." Im gleichen Moment hörte er das unheilvolle Rauschen der Habichtsflügel und sah, wie ein mächtiger Schatten sich über das kleine, gelbe Küken legte. Noch bevor sich seine Nackenhaare sträuben konnten, sprang er dazwischen und vertrieb den Hühnerhabicht mit empörtem Gebell und hohen Sprüngen. Das klitzekleine Hühnchen lag wie tot im Gas. Der schwarze, wuschelige Hund stupste es vorsichtig mit seiner Nase. "Bist du jetzt tot?" fragte er traurig. "Nein, nur ohnmächtig", piepste das klitzekleine Hühnchen. "Ich will nie mehr aufstehen und ich will auch nie mehr in den Hühnerstall. Du weißt nicht, wie gemein Hühner sein können. Sie werden mich immer auslachen und mit ihren harten Schnäbeln blutig picken." "Dann komm doch zu mir in mein Hundehäuschen", sagte der schwarze, wuschelige Hund, "ich lebe ganz allein. Oder ... na ja, fast, denn ich habe noch eine nette Familie. Mit denen schmuse ich gern oder spiele oft "Fang-mich-doch". Aber oft sehen sie Fernsehfilme, oder lassen mich allein als Wache hier zurück".

Da legte das klitzekleine Hühnchen seine winzige, gelbe Kralle auf seine schwarze Vorderpfote zum Zeichen ihrer unverbrüchlichen Freundschaft. – Sie hatten eine wunderschöne Zeit miteinander. Das klitzekleine Hühnchen liebte den gutmütigen schwarzen Wuschelhund sehr, und dieser konnte sich sein Leben ohne das muntere Hühnchen nicht mehr vorstellen. Doch eines Tages ließ das klitzekleine Hühnchen traurig den klitzekleinen Kopf hängen. "Was ist los?" fragte der gutmütige, schwarze Wuschelhund besorgt. "Ich bin so abhängig von Dir", sagte das Hühnchen, "ich habe meine ganze Selbständigkeit nur für das bisschen Sicherheit aufgegeben." Der schwarze, wuschelige Hund war sehr verwirrt. Es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, so etwas zu seinem Herrchen oder seinem Frauchen zu sagen. "Aber so sind Hühnchenpersönlichkeiten nun einmal", sagte er sich und seufzte tief. Aber dann kam ihm eine gute Idee. Er besorgte dem klitzekleinen Hühnchen viele, verschiedene Verkleidungen, die man auch noch miteinander kombinieren konnte. "Da", stieß er hervor, "du riesiger Krokofant, du biestiges Eledil, du…du…Hochstapler", und schleuderte ihm einen riesigen Koffer mit Verkleidungen zu Füßen.

Das klitzekleine Hühnchen wusste erst gar nicht, was los war. Neugierig kramte es in dem geheimnisvollen Koffer. Dann klatschte es begeistert mit seinen winzigen Hühnerkrallen, legte sich, hast-Du-nicht-gesehen, einen dicken Krokobauch um den Leib und bemächtigte sich eines grauseligen, grünen Kopfes mit einer roten Schlangenzunge. Erschrocken wich der gutmütige Hund einen Schritt zurück. "Aber Hühnchen, Hühnchen", rief er aus, ";du wirst doch wohl nicht….mich….wie ein Schlange beißen?" Da sprang das Hühnchen vor Freude im Kreis. "Es klappt, es klappt …", rief es ein um das andere Mal aus und warf sich mächtig in Positur. Dann drückte es seinem gutmütigen Hundefreund einen dicken Kuss auf die schwarze Nase und piepste verschwörerisch : "Aber, aber, … es sollen doch nur die anderen Angst vor mir haben!"

Und wirklich - das Eichhörnchen auf dem nächsten Baum raste in Panik auf den höchsten Wipfel, die Spatzen verzogen sich schimpfend im Pulk auf eine hohe Elektroleitung und die Hühner im benachbarten Stall trippelten über die Hühnerleiter aufgeregt in ihr Hühnerhaus. Da wusste das klitzekleine Hühnchen, dass es nur sein Auftreten wechseln musste, um den anderen gehörigen Respekt abzuverlangen. Nie wieder würde der Hühnerhabicht es wagen, sein Leben zu bedrohen! Täglich wechselte es nun seinen Tarnanzug, streckte die Brust heraus, trug die Nase so hoch wie es nur ging und stapfte mit festem Schritt in die Welt hinaus. Und wenn es etwas Neues erlebt hatte, rannte es schnell zurück zu dem gutmütigen, schwarzen Hund und erzählte ihm alles. Dann kuschelten die beiden zusammen, das gelbe klitzekleine Hühnchen und der schwarze Wuschelhund. Viele andere Tiere beneideten sie um ihr Glück. "Tja", pflegte dieser dann stolz zu sagen, "man darf sein Liebstes eben nicht festbinden, dann kommt es schon von selbst wieder zurück." Und wenn sie nicht gestorben sind, dann kuscheln sie noch heute.


Ingrid Ullmann 2005