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1. David
und das Leben in der Wüste
Es war einmal Junge mit Namen David. Er lebte mit seinen Eltern und vielen
Ziegen in der Wüste in einem riesigen, fruchtbaren Wüstental
- allgemein Wadi genannt, das von unterirdischen Quellen gespeist wurde.
Hier wuchsen grünes Gras und viele stachelige Sträucher, von
denen ihre Ziegen gut leben konnten. Alle Kinder tranken viel Ziegenmilch,
aßen Ziegenbutter und Ziegenkäse und wurden damit groß
und stark, außer David, der immer etwas kleiner blieb. Kein Tier
glich dem anderen in der Art wie sein Fell wuchs und wie es sich zu den
anderen Ziegen verhielt. David war nicht nur dankbar für die Nahrung,
die seine Familie durch die Ziegen erhielt. Es machte ihm auch Freude,
sie genau zu beobachten und die Welt um sich herum praktisch mit Ziegenaugen
und – ohren wahrzunehmen. Er staunte über den sicheren Instinkt
der Tiere und fing an die Art und Weise, wie sie sich untereinander verständigten,
zu verstehen. Dadurch erkannte er schneller als andere, wenn ein Wüstensturm
herannahte, ob eine der unheimlichen Überflutungen des Tales drohte
oder wo in Zeiten der Dürre eine Quelle zu finden war. Die Eltern
konnten sich Davids Klugheit nicht erklären, doch sie waren sehr
stolz auf ihn.
In der Wüste bricht die Nacht immer sehr schnell herein. Für
David war dies ein großes Rätsel. Er fragte sich, welche Macht
es war, die die Kraft hatte, den gleißenden Sonnenschein zu bezwingen
und die Kühle und Dunkelheit der Nacht von einer Sekunde zur anderen
über die Erde zu legen? Soviel er auch Himmel und Erde beobachtete,
dieses Rätsel konnte er nicht lösen.
David liebte besonders die erste Stunde der Dunkelheit, wenn die Sterne
wieder und wieder ihre rätselhafte Schönheit entfalteten. Die
Mutter hatte dann für gewöhnlich das Mahl bereitet und der Vater
aus trockenen Reisern ein kleines Feuer entzündet. Sie saßen
in der Kühle der Nacht gemeinsam vor dem schwarzen Familienzelt,
blickten in die sprühenden Flammen und horchten in die plötzliche
Stille - keine johlenden Kinder mehr, keine Raubvogelschreie und auch
kein Grillenzirpen. Das Schnauben der Tiere, das ängstliche Meckern
der Lämmer, ihre Geräusche bei der Schlafplatzsuche und das
Klirren der Kette vom Leittier drangen leise zu ihnen ans Ohr. Dann erzählte
der Vater ihm von seinem Vater und seiner Mutter, wie sie gelebt hatten
und wie diese über ihren Vater und ihre Mutter gesprochen hatten.
Oder er berichtete ihm, wie die Welt entstanden war und daß es einen
Gott gab, der die Men-schen liebte. "Auch die Bösen?"
fragte David. "Ja", sagte der Vater bedächtig, "
ich glaube, auch die Bösen. Aber er will, daß sie gut werden!"
Danach sang seine Mutter gewöhnlich leise für sie ein Lied.
Ihre Stimme war wunderschön.
2. Eine
wundersame Liebe – die Geschichte von David’s Eltern
Eines Tages wollte David von seinen Eltern wissen, wie sie sich kennengelernt
hatten. Und Davids Mutter berichtete: "Schon als kleines Mädchen
habe ich mich in Deinen Vater verliebt, David. Doch meine Eltern hatten
mich schon als Kind einem anderen versprochen. Damals galt es als ganz
und gar unschicklich, dem Wunsch der Eltern zu widersprechen. Denn die
Eltern der Mädchen achteten sehr auf Wohlstand, damit ihre Tochter
und ihre Enkelkinder kein so schweres Leben hätten wie sie selbst.
Jede Generation wollte, daß es der anderen einmal besser gehen sollte.
Ich konnte mir aber das Leben mit einem anderen Mann als Deinen Vater
nicht vorstellen, deshalb fiel mir eine List ein. Ich dichtete und komponierte
ein Lied über eine junge Frau, die den geliebten Freund nicht heiraten
durfte, weil die Eltern andere Pläne hatten. Dieses Lied sang ich
meiner Familie abends am Feuer vor. Und da es mich selbst betraf, klang
das Lied anrührender als alles, was ich bisher gesungen hatte. Mein
Eltern liebten es sehr und ahnten nicht, was es damit auf sich hatte.
Doch mein Lied wurde berühmt, weil viele Frauen und Mädchen
den gleichen Kummer hatten wie ich. Und es kamen immer mehr Menschen aus
der weiteren oder näheren Umgebung, um mich singen zu hören.
Auch dein Vater kam mit seinen Freunden, David, denn ohne daß ich
es wußte, betete auch er mich heimlich an. Als ich ihn sah, sang
ich so ausdrucksvoll wie es mir seither nie wieder gelungen ist. Alle
Zuhörer hörten verzückt zu und vertieften sich in den Schmerz
einer unbekannten verwundeten Seele. Doch als ich geendet hatte, konnte
ich meine Tränen nicht mehr verbergen. Ich hüllte mich in mein
weißes Schultertuch und flüchtete weinend ins Zelt. Allen war
schlagartig klar, warum ich dieses Lied so echt singen konnte. Und niemand
sagte ein Wort – auch Dein Vater nicht, David. Als erster rührte
sich mein versprochener Bräutigam. Er sagte zu Deinem späteren
Vater: "Seit ich diesen Gesang vernommen habe, liebe ich die mir
versprochene Frau noch mehr. Aber ich bin zu stolz, sie zur Frau zunehmen,
wenn ihr Gesang einem anderen gilt. Wenn ihre Eltern einverstanden sind,
trete ich vom Ehevertrag zurück. Über die Einzelheiten verhandeln
wir unter Männern." – Bis heute hatte Davids Vater nicht
verraten, welchen Brautpreis er zahlen mußte, und er wird es auch
sicher niemals tun. Denn was war schon der Besitz von Tieren gegen das
Glück, die geliebte Frau zu gewinnen!. "Das habt Ihr aber gut
gemacht, Mama" sagte David, "denn ohne Dein Lied gäbe
es mich so gar nicht". Denn auch David liebte die Leier und den
Gesang über alles. Vom Vater aber hatte er die Gabe der besonnenen
Überlegung mitbekommen.
3. Die
Geschichte von David’s Geburt
Doch am allerliebsten hörte David die Geschichte von seiner Geburt.
Wie seine Mut-ter noch gar nicht darauf vorbereitet war, aber in jener
Nacht eine ungewöhnlich große Sternschnuppe niederging. Wie
sie ihren Mann um Rat und Deutung bat und diesem – oh, Skandal –
einfach nichts einfallen wollte. Wie die Mutter dann plötzlich mit
Macht das neue heraus drängende Leben spürte und ihren winzigen,
aber voll-kommenen Sohn bald darauf so glücklich in den Armen hielt.
Und wie sein Vater so gar nicht begreifen konnte, was vorgefallen war.
Schließlich hatten die erfahrenen Alten das Kindlein noch längst
nicht angekündigt. Dann konnte es doch wohl noch nicht hier sein
– oder? Der kleine Knabe mußte erst kräftig schreien,
damit sein Vater sich in der neuen Wirklichkeit zurecht finden konnte.
Nach seiner Sterndeutung soll-te er sicher etwas Besonderes werden! Aber
was nur? Er war so klein und zart, zarter als das zarteste Lämmlein,
das er je gesehen hatte. Wenn nicht die verheißungsvolle Sternschnuppe
gewesen wäre, hätte man direkt Angst um ihn haben müssen.
Die Eltern beschlossen ihren Sohn David zu nennen und hüteten ihn
wie einen Aug-apfel. Das hieß aber nicht, daß sie ihn am Zelt
anbanden oder immer hinterher riefen: Paß auf! Sei vorsichtig! Nein,
auf einem kleinen Markt in der nächsten Oase erwar-ben sie von einem
mürrischen Gerber eine stabile Lederhose mit langen Beinen, da-mit
der Kleine überall herum kriechen konnte ohne durch einen Skorpion-Stich
oder Disteln verletzt zu werden. Außerdem folgte ihm auf seinen
Entdeckungsreisen im-mer ein halbwilder Hund wie ein treuer Wächter.
David nannte ihn Samson und draußen in der Wüste gehorchte
er ihm auf’s Wort. Vergebens versuchten die Eltern, das scheue,
schmale Tier durch Nahrung an sich zu binden und seine Fürsorglich-keit
zu belohnen. Doch sowie David das Zeltlager betrat, verschwand der Hund
lautlos in der Wüste, um schon wieder früh am morgen in gehöriger
Entfernung auf David zu warten. Schon in jungen Jahren fing das Kind an,
wie seine Mutter Lieder zu dichten und Leier zu spielen. Manchmal ließ
sich die Mutter dazu hinreißen, mit ihm zusammen zu singen. Dann
hielten alle Menschen ergriffen mit ihrer Tätigkeit inne, egal, welcher
Aufgabe sie gerade nachgingen. Aber das kam nicht oft vor, denn die Mutter
war zu scheu, den Beifall von fremden Menschen entgegen zu nehmen.
4. Eine
Kindheit ohne Liebe – wie Goliath heranwuchs
Jenseits des großen Wadis, in dem seine Eltern bevorzugt umherzogen,
lebte ein Jun-ge mit Namen Goliath. Er war ungewöhnlich groß
und sehr gutmütig. Er übernahm es, die Kakteenfrüchte,
genannt Sabres, für den ganzen Stamm zu pflücken , auch wenn
er sich die Hände dabei blutig machte. Seine Mutter war gestorben
als Goliath noch ziemlich klein war. Sein Vater, ein Gerber, der auch
Lederkleidung nähte und sie in einer nahe gelegenen Oase verkaufte,
war darüber sehr verbittert, denn er mußte noch 5 Jahre für
den Brautpreis arbeiten. Daher tat er kaum noch etwas, vermied den Sonnenschein
und trat nur noch nachts schweigsam aus seinem Zelt hervor. So kam es,
daß Goliath ungeliebt und viel sich selbst überlassen war.
Er war froh und dankbar, wenn er hier und da zum Essen eingeladen wurde
und übernahm dafür gerne auch Pflichten wie Holz sammeln oder
Ziegen hüten. Der Besitzer der Ziegen jedoch hatte einen Blick auf
die Weidegründe von Davids Familie geworfen. Jeden Tag erzählte
er Goliath, daß diese eigentlich ihm gehören müßten.
Von Ferne deutete er auf den kleinen David: "Sie ihn Dir an, den
Winzling. Eine Schande für seinen Stamm und weibisch dazu. Leier
spielen und Lieder singen, bäh! Aber Du, Du bist aus ganz anderem
Holz geschnitzt! Du bist ein richtiger Junge! Eines Tages wirst Du ihn
besiegen." Dieses Lob tat Goliath sehr gut. Und ab und zu spuckte
er in ho-hem Bogen in Richtung des feindlichen Wadis, danach fühlte
er sich noch stärker und besser.
5. Erste
Begegnung von David und Goliath
Wenig später schenkte ihm der Besitzer der Ziegen eine gebratene
Ziegenkeule. Bis dahin hatte Goliath immer nur den Geruch von gebratenem
Fleisch wahrgenommen, aber noch nie davon gekostet. Nach dem ersten Bissen
erschrak er, denn der Ge-schmack war so köstlich wie er es noch nie
erlebt hatte. War er jetzt schon im Para-dies? Eilig rannte er umher,
seine Mutter zu finden. Denn wenn er im Paradies war, mußte sie
auch hier sein, so gut, wie sie immer zu ihm gewesen war. Da lachten die
Leute ihn aus und riefen "Dummkopf! Dummkopf!" Goliath verbarg
sein Gesicht in seinen Händen und weinte bitterlich. Dazu hatte er
die Ziegenkeule neben sich ge-legt. Im Nu war ein wilder Hund an seiner
Seite, schnappte die Keule und rannte davon, Goliath hinter ihm her. Er
rannte und rannte und bemerkte gar nicht, daß er schon längst
in das Gebiet von David und seinem Stamm gelangt war. David saß
auf einem Stein und sang ein Lied. "Hör auf, hinter dem Hund
her zu rennen, " sagte er zu dem keuchenden Goliath. "Du kriegst
ihn nicht. Er hat vier Beine, Du nur zwei." Da stürzte Goliath
sich in den Sand und keuchte sich die Seele aus dem Leib. Dabei zählte
er heimlich seine Beine. Tatsächlich – er hatte nur zwei! Als
er wieder ruhiger atmete, zog David eine kleine Pfeife aus seinem Beutel,
tat einen scharfen Pfiff, der wilde Hund kam eilig angerannt und legte
ihm die Keule schwanzwedelnd zu Fü-ssen. "Hol sie Dir nur",
bedeutete David dem großen Jungen, und sang sein Lied weiter. Stolz
kam Goliath mit der Keule zurück zu seinen Leuten und erzählte
ihnen, was passiert war. "Der Knabe ist vom Bösen beeinflußt"
riefen alle aus, denn jeder mied die wilden Hunde oder trachtete ihnen
nach dem Leben. "Iß besser nicht von der Keule." rieten
sie ihm. Doch Goliaths Appetit war übermächtig. Zum ersten Mal
in seinem Leben wurde er richtig satt. Und er wurde auch nicht krank davon,
wie alle gewarnt hatten. Doch Goliath vergaß schnell, wer ihm zu
diesem Genuß verhol-fen hatte. Von jetzt an brachte ihm der Besitzer
der Ziegenherde öfters eine Fleisch-mahlzeit. Jedes Mal erzählte
er ihm zugleich eine andere Schauergeschichte von David‘s Leuten.
Fehlte ein Lämmlein in der Herde, waren sie die Diebe, regnete es
nicht, hatten sie gesündigt, waren die Frauen aufmüpfig, lag
es an der Mutter des kleinen Winzlings David, die sich einer Hochzeit
widersetzt hatte. Waren zu viele gefährliche Schlangen oder Skorpione
unterwegs, hatte Davids Vater sie mit einer List zu ihnen getrieben. In
dem Maße, wie seine Muskeln mit den reichen Mahlzeiten wuchsen,
wuchs auch sein Haß auf diese unmöglichen Menschen. Täglich
trainierte er mit Keulen, Pfeil und Bogen, um sich für den Gegner
stark zu machen.
6. Ein
Hirtenvolk wird von Krieg bedroht
Natürlich blieb der Familie Davids und seinem Stamm die kriegerische
Wut der Ge-genseite nicht verborgen. Wir sind alle Hirten, was sollen
wir nur tun? grübelten sie. Tat es ihnen doch schon weh, einen Hammel
zu schlachten. Und jetzt sollten sie Menschen angreifen, vielleicht sogar
töten? "Laßt mich mal machen!" beruhigte Da-vid
sie. Da mußten alle über den Kleinen lachen, obwohl ihnen eigentlich
nicht da-nach zu Mute war. David erbat sich von seinen Eltern zu der Lederhose
noch eine Jacke aus dreifachem Leder wie er betonte. Diese wurde eigens
für ihn von dem mür-rischen Gerber in der nahe gelegenen Oase
angefertigt. "Wie kann man nur so klein sein?" sagte er herablassend
zu David und kniff und schubste ihn absichtlich beim Maßnehmen.
"Wie kann man nur so mürrisch und lieblos sein?" antwortete
David, und flitzte begleitet von einem wilden Hund davon, so daß
sein Vater sich für sein vorlautes Mundwerk entschuldigen mußte.
In den einen Hohlraum der Jacke stopfte er Wüstengras, und in den
zweiten Ziegendung. Es stank bestialisch und die Eltern schämten
sich für ihren Sohn. So saß David wieder auf seinem Stein,
sang, stank, schwitzte und wartete auf Goliath. Der Ziegenherdenbesitzer
hatte dem großen Dummkopf eingeschärft: "Wenn Du den
erledigst, haben wir auch die anderen, denn der hat magische Kräfte.
Jetzt bis Du stark genug. Auf ihn mit Gebrüll." Sofort tat
Goliath, was man ihm befohlen hatte. Doch David stank so bestialisch,
daß Goliath nicht nah genug an ihn herangehen konnte. Er mußte
sich die Nase zuhalten und dadurch das furchterregende Brüllen einstellen.
Aber schließlich hatte er ja auch das Keulenschwingen trainiert
wie ein Weltmeister. So drehte sich Goliath mit Macht um seine Achse und
zielte mit seiner Keule genau auf David, der unbeweglich wie eine Zielscheibe
auf dem Stein saß und keine Anstalten machte, davon zu rennen. Als
sie angeflogen kam, sprang der wilde Hund dazwischen und fing die Keule
ab. Goliath schnaubte vor Wut und zog ein noch größeres Exemplar
hervor. Er drehte sich und drehte sich mit Wucht um seine eigene Achse
und setzte dann die Keule erneut mit gewaltiger Kraft ab. Zwar traf er
den Stein, doch im Schleudern hatte er nicht bemerkt, daß David
inzwischen schon fast neben ihn getreten war. "Toll", sagte
der Kleine, "Du bist ja ein richtiges Kraftpaket. Aber Du mußt
elfmal Schleudern, nicht nur zehnmal, dann klappt’s bestimmt."
Goliath hielt sich mit einer Hand die Nase zu und zählte bedächtig
bis elf. Da war David schon ziemlich weit weg. Der Besitzer aller Ziegenherden
beobachtete Goliath aus sicherer Entfernung und tobte vor Wut. "Dafür
habe ich Dich nicht durchgefüttert, Dummkopf! Komm ja nicht zurück,
bevor Du den Winzling erledigt hast." Goliath blieb nichts anderes
übrig, als die Verfolgung aufzunehmen. Dieses Mal ließ er sich
von dem penetranten Ziegendunggestank nicht abhalten und kam schon sehr
nahe an David heran. Vergebens versuchte der wilde Hund ihn anzuspringen
und umzuwerfen. Für den riesigen Goliath war er nicht mehr als eine
kleine Vogelfeder.
7. Das
Schicksal wendet sich
Von Ferne beobachteten Davids Eltern und auch die anderen Stammesmitglieder
den ungleichen Kampf. Davids Vater hatte fest damit gerechnet, daß
sein kleiner, kluger Sohn den Riesen überlisten würde. Doch
als er Goliath jetzt immer näher kommen sah und Samson, der treue
Hund, wegen der brutalen Fußtritten jaulte und winselte, rannte
er zu seinem Sohn, wohl wissend, daß es in Sekundenbruchteilen zu
spät sein könnte. Gerade spannte Goliath mächtig seinen
Bogen und mit gewaltigem Zischen löste sich der Pfeil in Richtung
Davids Rücken und folgte seinem Fluchtweg. "Papa, Papa..Hilfe!."
schrie David vor Angst, und siehe, der mächtige Pfeil prallte an
seiner Lederweste ab. Davids Leute klatschten Beifall und fielen sich
in die Arme. Doch Go-liath’s Leute schrien und tobten, so daß
Goliath erneut den Bogen mit gewaltiger Kraft spannte und seinen Gegner
mit lautem Gebrüll zu erschrecken suchte. Da sprang der wilde Hund
an David hoch und drückte ihm flink einen kleinen Kiesel-stein in
die Hand. In panischer Angst legte David ihn in seine Schleuder und zielte
auf Goliath. Noch bevor dieser den nächsten Pfeil abschicken konnte,
brach er zu-sammen und augenblicklich erstarb sein mächtiges Gebrüll.
In den Lagern von Da-vid und von Goliath wurde es totenstill. Plötzlich
wurde allen bewußt: Hier stirbt ein Mensch! Und Davids Mutter stimmte
mit wehmütigen Rufen die Totenklage für einen zu frühen
Tod an. Als erster war der vierbeinige Samson zur Stelle und schob seinen
Kopf unter Goliaths Kopf wie ein weiches Kissen. Als Nächster erreichte
der kleine David den leblosen Körper des Riesen Goliath. Er warf
sich auf ihn und weinte: "Ich wollte Dich nicht töten, ich
will nicht, daß Du stirbst." "Laß mich ruhig in
der Wüste sterben", flüsterte Goliath mit matter Stimme,
" zurück kann ich jetzt nicht mehr, denn ich habe verloren.
Man wird mich mit Schimpf und Schande verjagen. Wenn ich sterbe, bin ich
wenigstens da, wo meine Mutter ist. Sie war immer so lieb zu mir."
In diesem Moment erreichte auch Davids Vater den Platz des Geschehens.
Er flößte dem Geschlagenen kühlen Kräutertee ein
und tastete seinen Körper nach Verwundungen ab. An der Seitenwange
trat Blut hervor. Davids Vater stillte es mit einem weißen Verband.
Langsam wich die Totenblässe aus dem Antlitz des Getroffenen. Doch
in wenigen Minuten würde es Nacht sein.
8. Vom
Umgang mit den Feinden
"Kann er nicht bei uns bleiben?", fragte David seinen Vater.
"Da müssen wir erst die Mutter fragen", gab dieser zur
Antwort, " vielleicht fürchtet sie sich vor diesem Riesen, und
außerdem hat sie dann noch mehr Arbeit." – Auch die Mutter
hatte sich zum Schauplatz des Geschehens aufgemacht und sah Goliath am
Boden liegen mit dem weinenden David neben sich. Die Frage: "Kann
er nicht bei uns bleiben?" stand eine ganze Weile unbeantwortet zwischen
ihnen Dreien. Vor dem Auge der Mutter zogen viele Bilder vorüber,
was alles passieren könnte, zornige Nachbarn, Grobheiten mit dem
zarten David, schmalere Portionen bei Tisch, heimliche Kontakte zu den
gefürchteten Leuten jenseits des Wadis... Da öffnete Goliath
halb die Augen, erblickte sie und sagte selig lächelnd: "Mutter,
Mutter? Bist Du jetzt da? Bist Du zu mir gekommen, um mich zu holen?"
Instinktiv antwortete sie: "Ja, jetzt bin ich da. Ruhe Dich nur aus.
Du wirst wieder gesund, und dann kannst Du für mich da sein, so wie
ich für Dich da bin." Und dann stimmte sie ein hoffnungsvolles
Lied an, in das auch David einfiel. Ihr lieblicher Gesang erreichte den
eigenen Stamm und die Leute Goliaths in der Ferne. Das Herz der Menschen
wurde besänftigt und alle versammelten sich an den Lagerfeuern, um
das Erlebte zu besprechen. Goliath konnte noch nicht aufstehen, und so
entzündete der Vater ein Lagerfeuer und wachte zusammen mit seinem
Sohn bei ihm bis die Morgenröte kam. Goliath war durch den tiefen,
erholsamen Schlaf wunderbar gekräftigt. Als er die Augen aufschlug,
sah er David und seinen Vater neben sich. Er lächelte, und da seine
Feinde die einzigen Menschen in seiner Nähe waren, erzählte
er ihnen von seinem schönen Traum, in dem er seine Mutter gesehen
hatte. "Ich weiß es bestimmt, sie wird mich holen", sagte
er, "ihr braucht mich nicht zu töten. Sie wird mich zu sich
holen, und dann kann Euch nichts mehr passieren. Der Besitzer der Ziegenherden
hat mich nur zu seinem Werkzeug gemacht, weil er selbst viel zu feige
zum kämpfen ist." Doch Davids Vater fragte ihn: "Was willst
Du tun, Goliath, wenn Deine Mutter Dich holt?" Da antwortete er:
"Ich will für sie da sein, so wie sie für mich da war."
Und in Erinnerung an die längst vergangene Zeit und all das Gehässige,
das er inzwischen ertragen mußte, liefen ihm die Tränen über
das Gesicht. Da wischte Davids Vater dem weinenden Goliath mit seinem
Umhang die Tränen von den Wangen und reichte ihm ein Gefäß
mit würziger Ziegenmilch. Der riesige Knabe konnte seinen Lebenswillen
nun nicht mehr unterdrücken, richtete sich halb auf und schlürfte
den Inhalt mit großem Genuß aus. David freute sich über
das wiederkehrende Leben in seinem früheren Feind, rüttelte
ihn an den Schultern und rief aus: "Goliath, steh auf, unsere Mutter
wartet auf uns. Sie braucht Dich beim Zelt aufstellen und bei der Holzsuche,
dafür bin ich doch nicht stark genug." Goliath konnte Davids
Worte noch nicht begreifen und ließ sich wieder mutlos zu Boden
fallen. Da meldete sich Samson, der scheue Hund, und stupste ihn freundschaftlich
und unmißverständlich mit seiner feuchten Schnauze. Bei soviel
Hartnäckigkeit konnte Goliath nicht widerstehen, stand schwerfällig
auf und ging auf Davids Vater gestützt mit in das Zeltlager, das
er immer für feindlich gehalten hatte. Seine Waffen ließ er
achtlos auf dem Wüstenboden liegen. Die Mutter erwartete sie schon
mit süßem Pfefferminztee und frisch gebackenem Brot. Samson
war ihnen auf Schritt und Tritt gefolgt. Dieses Mal näherte er sich
der menschlichen Behausung bis auf wenige Meter und ließ sich dann
im Schatten der Zelte nieder, so als wollte er darüber wachen, daß
das neue Brüderpaar auch wirklich zusammen blieb...... Im Pferch
meckerten die Ziegen freundlich. Es war höchste Zeit, sie wieder
auf die Weide zu treiben.
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