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Eine Geschichte für David

(K)eine biblische Geschichte

Ingrid Ullmann

   

 

1. David und das Leben in der Wüste


Es war einmal Junge mit Namen David. Er lebte mit seinen Eltern und vielen Ziegen in der Wüste in einem riesigen, fruchtbaren Wüstental - allgemein Wadi genannt, das von unterirdischen Quellen gespeist wurde. Hier wuchsen grünes Gras und viele stachelige Sträucher, von denen ihre Ziegen gut leben konnten. Alle Kinder tranken viel Ziegenmilch, aßen Ziegenbutter und Ziegenkäse und wurden damit groß und stark, außer David, der immer etwas kleiner blieb. Kein Tier glich dem anderen in der Art wie sein Fell wuchs und wie es sich zu den anderen Ziegen verhielt. David war nicht nur dankbar für die Nahrung, die seine Familie durch die Ziegen erhielt. Es machte ihm auch Freude, sie genau zu beobachten und die Welt um sich herum praktisch mit Ziegenaugen und – ohren wahrzunehmen. Er staunte über den sicheren Instinkt der Tiere und fing an die Art und Weise, wie sie sich untereinander verständigten, zu verstehen. Dadurch erkannte er schneller als andere, wenn ein Wüstensturm herannahte, ob eine der unheimlichen Überflutungen des Tales drohte oder wo in Zeiten der Dürre eine Quelle zu finden war. Die Eltern konnten sich Davids Klugheit nicht erklären, doch sie waren sehr stolz auf ihn.
In der Wüste bricht die Nacht immer sehr schnell herein. Für David war dies ein großes Rätsel. Er fragte sich, welche Macht es war, die die Kraft hatte, den gleißenden Sonnenschein zu bezwingen und die Kühle und Dunkelheit der Nacht von einer Sekunde zur anderen über die Erde zu legen? Soviel er auch Himmel und Erde beobachtete, dieses Rätsel konnte er nicht lösen.
David liebte besonders die erste Stunde der Dunkelheit, wenn die Sterne wieder und wieder ihre rätselhafte Schönheit entfalteten. Die Mutter hatte dann für gewöhnlich das Mahl bereitet und der Vater aus trockenen Reisern ein kleines Feuer entzündet. Sie saßen in der Kühle der Nacht gemeinsam vor dem schwarzen Familienzelt, blickten in die sprühenden Flammen und horchten in die plötzliche Stille - keine johlenden Kinder mehr, keine Raubvogelschreie und auch kein Grillenzirpen. Das Schnauben der Tiere, das ängstliche Meckern der Lämmer, ihre Geräusche bei der Schlafplatzsuche und das Klirren der Kette vom Leittier drangen leise zu ihnen ans Ohr. Dann erzählte der Vater ihm von seinem Vater und seiner Mutter, wie sie gelebt hatten und wie diese über ihren Vater und ihre Mutter gesprochen hatten. Oder er berichtete ihm, wie die Welt entstanden war und daß es einen Gott gab, der die Men-schen liebte. "Auch die Bösen?" fragte David. "Ja", sagte der Vater bedächtig, " ich glaube, auch die Bösen. Aber er will, daß sie gut werden!" Danach sang seine Mutter gewöhnlich leise für sie ein Lied. Ihre Stimme war wunderschön.

 

2. Eine wundersame Liebe – die Geschichte von David’s Eltern


Eines Tages wollte David von seinen Eltern wissen, wie sie sich kennengelernt hatten. Und Davids Mutter berichtete: "Schon als kleines Mädchen habe ich mich in Deinen Vater verliebt, David. Doch meine Eltern hatten mich schon als Kind einem anderen versprochen. Damals galt es als ganz und gar unschicklich, dem Wunsch der Eltern zu widersprechen. Denn die Eltern der Mädchen achteten sehr auf Wohlstand, damit ihre Tochter und ihre Enkelkinder kein so schweres Leben hätten wie sie selbst. Jede Generation wollte, daß es der anderen einmal besser gehen sollte. Ich konnte mir aber das Leben mit einem anderen Mann als Deinen Vater nicht vorstellen, deshalb fiel mir eine List ein. Ich dichtete und komponierte ein Lied über eine junge Frau, die den geliebten Freund nicht heiraten durfte, weil die Eltern andere Pläne hatten. Dieses Lied sang ich meiner Familie abends am Feuer vor. Und da es mich selbst betraf, klang das Lied anrührender als alles, was ich bisher gesungen hatte. Mein Eltern liebten es sehr und ahnten nicht, was es damit auf sich hatte. Doch mein Lied wurde berühmt, weil viele Frauen und Mädchen den gleichen Kummer hatten wie ich. Und es kamen immer mehr Menschen aus der weiteren oder näheren Umgebung, um mich singen zu hören. Auch dein Vater kam mit seinen Freunden, David, denn ohne daß ich es wußte, betete auch er mich heimlich an. Als ich ihn sah, sang ich so ausdrucksvoll wie es mir seither nie wieder gelungen ist. Alle Zuhörer hörten verzückt zu und vertieften sich in den Schmerz einer unbekannten verwundeten Seele. Doch als ich geendet hatte, konnte ich meine Tränen nicht mehr verbergen. Ich hüllte mich in mein weißes Schultertuch und flüchtete weinend ins Zelt. Allen war schlagartig klar, warum ich dieses Lied so echt singen konnte. Und niemand sagte ein Wort – auch Dein Vater nicht, David. Als erster rührte sich mein versprochener Bräutigam. Er sagte zu Deinem späteren Vater: "Seit ich diesen Gesang vernommen habe, liebe ich die mir versprochene Frau noch mehr. Aber ich bin zu stolz, sie zur Frau zunehmen, wenn ihr Gesang einem anderen gilt. Wenn ihre Eltern einverstanden sind, trete ich vom Ehevertrag zurück. Über die Einzelheiten verhandeln wir unter Männern." – Bis heute hatte Davids Vater nicht verraten, welchen Brautpreis er zahlen mußte, und er wird es auch sicher niemals tun. Denn was war schon der Besitz von Tieren gegen das Glück, die geliebte Frau zu gewinnen!. "Das habt Ihr aber gut gemacht, Mama" sagte David, "denn ohne Dein Lied gäbe es mich so gar nicht". Denn auch David liebte die Leier und den Gesang über alles. Vom Vater aber hatte er die Gabe der besonnenen Überlegung mitbekommen.

 

3. Die Geschichte von David’s Geburt


Doch am allerliebsten hörte David die Geschichte von seiner Geburt. Wie seine Mut-ter noch gar nicht darauf vorbereitet war, aber in jener Nacht eine ungewöhnlich große Sternschnuppe niederging. Wie sie ihren Mann um Rat und Deutung bat und diesem – oh, Skandal – einfach nichts einfallen wollte. Wie die Mutter dann plötzlich mit Macht das neue heraus drängende Leben spürte und ihren winzigen, aber voll-kommenen Sohn bald darauf so glücklich in den Armen hielt. Und wie sein Vater so gar nicht begreifen konnte, was vorgefallen war. Schließlich hatten die erfahrenen Alten das Kindlein noch längst nicht angekündigt. Dann konnte es doch wohl noch nicht hier sein – oder? Der kleine Knabe mußte erst kräftig schreien, damit sein Vater sich in der neuen Wirklichkeit zurecht finden konnte. Nach seiner Sterndeutung soll-te er sicher etwas Besonderes werden! Aber was nur? Er war so klein und zart, zarter als das zarteste Lämmlein, das er je gesehen hatte. Wenn nicht die verheißungsvolle Sternschnuppe gewesen wäre, hätte man direkt Angst um ihn haben müssen.
Die Eltern beschlossen ihren Sohn David zu nennen und hüteten ihn wie einen Aug-apfel. Das hieß aber nicht, daß sie ihn am Zelt anbanden oder immer hinterher riefen: Paß auf! Sei vorsichtig! Nein, auf einem kleinen Markt in der nächsten Oase erwar-ben sie von einem mürrischen Gerber eine stabile Lederhose mit langen Beinen, da-mit der Kleine überall herum kriechen konnte ohne durch einen Skorpion-Stich oder Disteln verletzt zu werden. Außerdem folgte ihm auf seinen Entdeckungsreisen im-mer ein halbwilder Hund wie ein treuer Wächter. David nannte ihn Samson und draußen in der Wüste gehorchte er ihm auf’s Wort. Vergebens versuchten die Eltern, das scheue, schmale Tier durch Nahrung an sich zu binden und seine Fürsorglich-keit zu belohnen. Doch sowie David das Zeltlager betrat, verschwand der Hund lautlos in der Wüste, um schon wieder früh am morgen in gehöriger Entfernung auf David zu warten. Schon in jungen Jahren fing das Kind an, wie seine Mutter Lieder zu dichten und Leier zu spielen. Manchmal ließ sich die Mutter dazu hinreißen, mit ihm zusammen zu singen. Dann hielten alle Menschen ergriffen mit ihrer Tätigkeit inne, egal, welcher Aufgabe sie gerade nachgingen. Aber das kam nicht oft vor, denn die Mutter war zu scheu, den Beifall von fremden Menschen entgegen zu nehmen.

 

4. Eine Kindheit ohne Liebe – wie Goliath heranwuchs


Jenseits des großen Wadis, in dem seine Eltern bevorzugt umherzogen, lebte ein Jun-ge mit Namen Goliath. Er war ungewöhnlich groß und sehr gutmütig. Er übernahm es, die Kakteenfrüchte, genannt Sabres, für den ganzen Stamm zu pflücken , auch wenn er sich die Hände dabei blutig machte. Seine Mutter war gestorben als Goliath noch ziemlich klein war. Sein Vater, ein Gerber, der auch Lederkleidung nähte und sie in einer nahe gelegenen Oase verkaufte, war darüber sehr verbittert, denn er mußte noch 5 Jahre für den Brautpreis arbeiten. Daher tat er kaum noch etwas, vermied den Sonnenschein und trat nur noch nachts schweigsam aus seinem Zelt hervor. So kam es, daß Goliath ungeliebt und viel sich selbst überlassen war. Er war froh und dankbar, wenn er hier und da zum Essen eingeladen wurde und übernahm dafür gerne auch Pflichten wie Holz sammeln oder Ziegen hüten. Der Besitzer der Ziegen jedoch hatte einen Blick auf die Weidegründe von Davids Familie geworfen. Jeden Tag erzählte er Goliath, daß diese eigentlich ihm gehören müßten. Von Ferne deutete er auf den kleinen David: "Sie ihn Dir an, den Winzling. Eine Schande für seinen Stamm und weibisch dazu. Leier spielen und Lieder singen, bäh! Aber Du, Du bist aus ganz anderem Holz geschnitzt! Du bist ein richtiger Junge! Eines Tages wirst Du ihn besiegen." Dieses Lob tat Goliath sehr gut. Und ab und zu spuckte er in ho-hem Bogen in Richtung des feindlichen Wadis, danach fühlte er sich noch stärker und besser.

 

5. Erste Begegnung von David und Goliath


Wenig später schenkte ihm der Besitzer der Ziegen eine gebratene Ziegenkeule. Bis dahin hatte Goliath immer nur den Geruch von gebratenem Fleisch wahrgenommen, aber noch nie davon gekostet. Nach dem ersten Bissen erschrak er, denn der Ge-schmack war so köstlich wie er es noch nie erlebt hatte. War er jetzt schon im Para-dies? Eilig rannte er umher, seine Mutter zu finden. Denn wenn er im Paradies war, mußte sie auch hier sein, so gut, wie sie immer zu ihm gewesen war. Da lachten die Leute ihn aus und riefen "Dummkopf! Dummkopf!" Goliath verbarg sein Gesicht in seinen Händen und weinte bitterlich. Dazu hatte er die Ziegenkeule neben sich ge-legt. Im Nu war ein wilder Hund an seiner Seite, schnappte die Keule und rannte davon, Goliath hinter ihm her. Er rannte und rannte und bemerkte gar nicht, daß er schon längst in das Gebiet von David und seinem Stamm gelangt war. David saß auf einem Stein und sang ein Lied. "Hör auf, hinter dem Hund her zu rennen, " sagte er zu dem keuchenden Goliath. "Du kriegst ihn nicht. Er hat vier Beine, Du nur zwei." Da stürzte Goliath sich in den Sand und keuchte sich die Seele aus dem Leib. Dabei zählte er heimlich seine Beine. Tatsächlich – er hatte nur zwei! Als er wieder ruhiger atmete, zog David eine kleine Pfeife aus seinem Beutel, tat einen scharfen Pfiff, der wilde Hund kam eilig angerannt und legte ihm die Keule schwanzwedelnd zu Fü-ssen. "Hol sie Dir nur", bedeutete David dem großen Jungen, und sang sein Lied weiter. Stolz kam Goliath mit der Keule zurück zu seinen Leuten und erzählte ihnen, was passiert war. "Der Knabe ist vom Bösen beeinflußt" riefen alle aus, denn jeder mied die wilden Hunde oder trachtete ihnen nach dem Leben. "Iß besser nicht von der Keule." rieten sie ihm. Doch Goliaths Appetit war übermächtig. Zum ersten Mal in seinem Leben wurde er richtig satt. Und er wurde auch nicht krank davon, wie alle gewarnt hatten. Doch Goliath vergaß schnell, wer ihm zu diesem Genuß verhol-fen hatte. Von jetzt an brachte ihm der Besitzer der Ziegenherde öfters eine Fleisch-mahlzeit. Jedes Mal erzählte er ihm zugleich eine andere Schauergeschichte von David‘s Leuten. Fehlte ein Lämmlein in der Herde, waren sie die Diebe, regnete es nicht, hatten sie gesündigt, waren die Frauen aufmüpfig, lag es an der Mutter des kleinen Winzlings David, die sich einer Hochzeit widersetzt hatte. Waren zu viele gefährliche Schlangen oder Skorpione unterwegs, hatte Davids Vater sie mit einer List zu ihnen getrieben. In dem Maße, wie seine Muskeln mit den reichen Mahlzeiten wuchsen, wuchs auch sein Haß auf diese unmöglichen Menschen. Täglich trainierte er mit Keulen, Pfeil und Bogen, um sich für den Gegner stark zu machen.

 

6. Ein Hirtenvolk wird von Krieg bedroht


Natürlich blieb der Familie Davids und seinem Stamm die kriegerische Wut der Ge-genseite nicht verborgen. Wir sind alle Hirten, was sollen wir nur tun? grübelten sie. Tat es ihnen doch schon weh, einen Hammel zu schlachten. Und jetzt sollten sie Menschen angreifen, vielleicht sogar töten? "Laßt mich mal machen!" beruhigte Da-vid sie. Da mußten alle über den Kleinen lachen, obwohl ihnen eigentlich nicht da-nach zu Mute war. David erbat sich von seinen Eltern zu der Lederhose noch eine Jacke aus dreifachem Leder wie er betonte. Diese wurde eigens für ihn von dem mür-rischen Gerber in der nahe gelegenen Oase angefertigt. "Wie kann man nur so klein sein?" sagte er herablassend zu David und kniff und schubste ihn absichtlich beim Maßnehmen. "Wie kann man nur so mürrisch und lieblos sein?" antwortete David, und flitzte begleitet von einem wilden Hund davon, so daß sein Vater sich für sein vorlautes Mundwerk entschuldigen mußte. In den einen Hohlraum der Jacke stopfte er Wüstengras, und in den zweiten Ziegendung. Es stank bestialisch und die Eltern schämten sich für ihren Sohn. So saß David wieder auf seinem Stein, sang, stank, schwitzte und wartete auf Goliath. Der Ziegenherdenbesitzer hatte dem großen Dummkopf eingeschärft: "Wenn Du den erledigst, haben wir auch die anderen, denn der hat magische Kräfte. Jetzt bis Du stark genug. Auf ihn mit Gebrüll." Sofort tat Goliath, was man ihm befohlen hatte. Doch David stank so bestialisch, daß Goliath nicht nah genug an ihn herangehen konnte. Er mußte sich die Nase zuhalten und dadurch das furchterregende Brüllen einstellen. Aber schließlich hatte er ja auch das Keulenschwingen trainiert wie ein Weltmeister. So drehte sich Goliath mit Macht um seine Achse und zielte mit seiner Keule genau auf David, der unbeweglich wie eine Zielscheibe auf dem Stein saß und keine Anstalten machte, davon zu rennen. Als sie angeflogen kam, sprang der wilde Hund dazwischen und fing die Keule ab. Goliath schnaubte vor Wut und zog ein noch größeres Exemplar hervor. Er drehte sich und drehte sich mit Wucht um seine eigene Achse und setzte dann die Keule erneut mit gewaltiger Kraft ab. Zwar traf er den Stein, doch im Schleudern hatte er nicht bemerkt, daß David inzwischen schon fast neben ihn getreten war. "Toll", sagte der Kleine, "Du bist ja ein richtiges Kraftpaket. Aber Du mußt elfmal Schleudern, nicht nur zehnmal, dann klappt’s bestimmt." Goliath hielt sich mit einer Hand die Nase zu und zählte bedächtig bis elf. Da war David schon ziemlich weit weg. Der Besitzer aller Ziegenherden beobachtete Goliath aus sicherer Entfernung und tobte vor Wut. "Dafür habe ich Dich nicht durchgefüttert, Dummkopf! Komm ja nicht zurück, bevor Du den Winzling erledigt hast." Goliath blieb nichts anderes übrig, als die Verfolgung aufzunehmen. Dieses Mal ließ er sich von dem penetranten Ziegendunggestank nicht abhalten und kam schon sehr nahe an David heran. Vergebens versuchte der wilde Hund ihn anzuspringen und umzuwerfen. Für den riesigen Goliath war er nicht mehr als eine kleine Vogelfeder.

 

7. Das Schicksal wendet sich


Von Ferne beobachteten Davids Eltern und auch die anderen Stammesmitglieder den ungleichen Kampf. Davids Vater hatte fest damit gerechnet, daß sein kleiner, kluger Sohn den Riesen überlisten würde. Doch als er Goliath jetzt immer näher kommen sah und Samson, der treue Hund, wegen der brutalen Fußtritten jaulte und winselte, rannte er zu seinem Sohn, wohl wissend, daß es in Sekundenbruchteilen zu spät sein könnte. Gerade spannte Goliath mächtig seinen Bogen und mit gewaltigem Zischen löste sich der Pfeil in Richtung Davids Rücken und folgte seinem Fluchtweg. "Papa, Papa..Hilfe!." schrie David vor Angst, und siehe, der mächtige Pfeil prallte an seiner Lederweste ab. Davids Leute klatschten Beifall und fielen sich in die Arme. Doch Go-liath’s Leute schrien und tobten, so daß Goliath erneut den Bogen mit gewaltiger Kraft spannte und seinen Gegner mit lautem Gebrüll zu erschrecken suchte. Da sprang der wilde Hund an David hoch und drückte ihm flink einen kleinen Kiesel-stein in die Hand. In panischer Angst legte David ihn in seine Schleuder und zielte auf Goliath. Noch bevor dieser den nächsten Pfeil abschicken konnte, brach er zu-sammen und augenblicklich erstarb sein mächtiges Gebrüll. In den Lagern von Da-vid und von Goliath wurde es totenstill. Plötzlich wurde allen bewußt: Hier stirbt ein Mensch! Und Davids Mutter stimmte mit wehmütigen Rufen die Totenklage für einen zu frühen Tod an. Als erster war der vierbeinige Samson zur Stelle und schob seinen Kopf unter Goliaths Kopf wie ein weiches Kissen. Als Nächster erreichte der kleine David den leblosen Körper des Riesen Goliath. Er warf sich auf ihn und weinte: "Ich wollte Dich nicht töten, ich will nicht, daß Du stirbst." "Laß mich ruhig in der Wüste sterben", flüsterte Goliath mit matter Stimme, " zurück kann ich jetzt nicht mehr, denn ich habe verloren. Man wird mich mit Schimpf und Schande verjagen. Wenn ich sterbe, bin ich wenigstens da, wo meine Mutter ist. Sie war immer so lieb zu mir." In diesem Moment erreichte auch Davids Vater den Platz des Geschehens. Er flößte dem Geschlagenen kühlen Kräutertee ein und tastete seinen Körper nach Verwundungen ab. An der Seitenwange trat Blut hervor. Davids Vater stillte es mit einem weißen Verband. Langsam wich die Totenblässe aus dem Antlitz des Getroffenen. Doch in wenigen Minuten würde es Nacht sein.

 

8. Vom Umgang mit den Feinden


"Kann er nicht bei uns bleiben?", fragte David seinen Vater. "Da müssen wir erst die Mutter fragen", gab dieser zur Antwort, " vielleicht fürchtet sie sich vor diesem Riesen, und außerdem hat sie dann noch mehr Arbeit." – Auch die Mutter hatte sich zum Schauplatz des Geschehens aufgemacht und sah Goliath am Boden liegen mit dem weinenden David neben sich. Die Frage: "Kann er nicht bei uns bleiben?" stand eine ganze Weile unbeantwortet zwischen ihnen Dreien. Vor dem Auge der Mutter zogen viele Bilder vorüber, was alles passieren könnte, zornige Nachbarn, Grobheiten mit dem zarten David, schmalere Portionen bei Tisch, heimliche Kontakte zu den gefürchteten Leuten jenseits des Wadis... Da öffnete Goliath halb die Augen, erblickte sie und sagte selig lächelnd: "Mutter, Mutter? Bist Du jetzt da? Bist Du zu mir gekommen, um mich zu holen?" Instinktiv antwortete sie: "Ja, jetzt bin ich da. Ruhe Dich nur aus. Du wirst wieder gesund, und dann kannst Du für mich da sein, so wie ich für Dich da bin." Und dann stimmte sie ein hoffnungsvolles Lied an, in das auch David einfiel. Ihr lieblicher Gesang erreichte den eigenen Stamm und die Leute Goliaths in der Ferne. Das Herz der Menschen wurde besänftigt und alle versammelten sich an den Lagerfeuern, um das Erlebte zu besprechen. Goliath konnte noch nicht aufstehen, und so entzündete der Vater ein Lagerfeuer und wachte zusammen mit seinem Sohn bei ihm bis die Morgenröte kam. Goliath war durch den tiefen, erholsamen Schlaf wunderbar gekräftigt. Als er die Augen aufschlug, sah er David und seinen Vater neben sich. Er lächelte, und da seine Feinde die einzigen Menschen in seiner Nähe waren, erzählte er ihnen von seinem schönen Traum, in dem er seine Mutter gesehen hatte. "Ich weiß es bestimmt, sie wird mich holen", sagte er, "ihr braucht mich nicht zu töten. Sie wird mich zu sich holen, und dann kann Euch nichts mehr passieren. Der Besitzer der Ziegenherden hat mich nur zu seinem Werkzeug gemacht, weil er selbst viel zu feige zum kämpfen ist." Doch Davids Vater fragte ihn: "Was willst Du tun, Goliath, wenn Deine Mutter Dich holt?" Da antwortete er: "Ich will für sie da sein, so wie sie für mich da war." Und in Erinnerung an die längst vergangene Zeit und all das Gehässige, das er inzwischen ertragen mußte, liefen ihm die Tränen über das Gesicht. Da wischte Davids Vater dem weinenden Goliath mit seinem Umhang die Tränen von den Wangen und reichte ihm ein Gefäß mit würziger Ziegenmilch. Der riesige Knabe konnte seinen Lebenswillen nun nicht mehr unterdrücken, richtete sich halb auf und schlürfte den Inhalt mit großem Genuß aus. David freute sich über das wiederkehrende Leben in seinem früheren Feind, rüttelte ihn an den Schultern und rief aus: "Goliath, steh auf, unsere Mutter wartet auf uns. Sie braucht Dich beim Zelt aufstellen und bei der Holzsuche, dafür bin ich doch nicht stark genug." Goliath konnte Davids Worte noch nicht begreifen und ließ sich wieder mutlos zu Boden fallen. Da meldete sich Samson, der scheue Hund, und stupste ihn freundschaftlich und unmißverständlich mit seiner feuchten Schnauze. Bei soviel Hartnäckigkeit konnte Goliath nicht widerstehen, stand schwerfällig auf und ging auf Davids Vater gestützt mit in das Zeltlager, das er immer für feindlich gehalten hatte. Seine Waffen ließ er achtlos auf dem Wüstenboden liegen. Die Mutter erwartete sie schon mit süßem Pfefferminztee und frisch gebackenem Brot. Samson war ihnen auf Schritt und Tritt gefolgt. Dieses Mal näherte er sich der menschlichen Behausung bis auf wenige Meter und ließ sich dann im Schatten der Zelte nieder, so als wollte er darüber wachen, daß das neue Brüderpaar auch wirklich zusammen blieb...... Im Pferch meckerten die Ziegen freundlich. Es war höchste Zeit, sie wieder auf die Weide zu treiben.