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Das Brot

Marec Béla Steffens

   

        

Es war einmal eine Scheibe Brot, die wollte spazierengehen. Denn sie fand es lang­weilig, so auf dem Teller zu liegen und darauf zu warten, daß Carmén, die kleine Schildkröte, sie endlich essen würde. Carmén fand die Scheibe Brot auch langweilig. Sie hatte entdeckt, daß im Kühlschrank noch ein Eis auf sie wartete.

Auch der Kater, der Märchen erzählt, und die liebe Katze waren schon satt. Der Ka­ter hörte im Wohnzimmer von Schubert "Die schöne Müllerin". Das rief in dem Brot ungute Erinnerungen wach. Wenn es nur den Titel hörte, wurde ihm der Teig sauer. 

Da wollte es schon lieber spazierengehen. Es flüsterte "Sesam, öffne mir!" zu dem Brötchen, und das ging tatsächlich zur Wohnungstür und öffnete sie einen Spalt weit, so daß das Brot unbemerkt verschwinden konnte. Und wohin wollte es gehen? In den Brotanischen Garten! Den Weg fand es sofort, in der Wohnung des Katers hatten schließlich genug Stadtpläne herumgelegen. Das Gitter am Garteneingang rümpfte zwar die Nase, als es die Scheibe Brot sah, sagte aber kein Wort. 

Um so mehr zeterten aber die Zedern, die am Eingang standen. Und die Kakteen versperrten den Weg mit ihren langen stachligen Armen und riefen: "Halt! Hier darfst du nicht durch." – "Und warum nicht?" fragte das Brot. "Heute ist doch Mittwoch, da ist der Eintritt frei." – "Darum geht es nicht", verkündete der Oberkaktus. "Du hast kein Recht, unseren Garten zu besuchen. Du gehörst vielleicht in den Zoo, aber nicht hierher zu uns. Denn", und der Oberkaktus senkte bedrohlich die Stimme, "du riechst nach Wurst!" 

"Also, ich gebe zu", antwortete die Scheibe Brot ganz trocken, "ich habe in meiner Verwandtschaft einige Wurstbrote. Anders hätte mich der Kater wohl kaum ins Haus gelassen. Und ich gebe weiter zu, ich bin ein Mischbrot, aus Weizen und Roggen. Aber ich bin von rein brotmäßiger Abstammung. Ich habe keine Tiere unter meinen Vorfahren. Und dann darf ich ja wohl euren Brotanischen Garten besuchen." – "Na, wenn du darauf bestehst, kannst du weitergehen", versetzte der Oberkaktus. "Aber ich habe dich gewarnt." Und er winkte den anderen Kakteen, den Weg freizugeben.

Ein Stücklein weiter hörte die Scheibe Brot lautes Jammern und Klagen: "Wir sind so einsam, niemand besucht uns. Und wir haben solchen Hunger." Bei diesem Stichwort war sich das Brot nicht so sicher, ob es nähertreten sollte. "Ich kann euch etwas zu essen besorgen", bot es an. – "Nein, komm lieber selbst näher", riefen die Stimmen, "du riechst so gut, und wir sind doch so schrecklich einsam." – "Findet ihr, daß ich gut rieche?" wunderte sich das Brot. "Die Kakteen am Eingang waren da aber anderer Meinung." – "Ach, was verstehen die denn davon", raunten die Stimmen. "Die dummen Kakteen versperren allen den Weg. Sie sind schuld daran, daß wir hier so einsam und hungrig sind. Komm zu uns, wir wissen solche wie dich zu schätzen."

Da ging das Brot doch näher zu den Stimmen hin und sah, daß es sehr schöne Pflanzen waren. Doch eine Efeuranke kam dem Brot in den Weg gekrochen und rief: "Kleines Brot, kleines Brot, trau ihnen nicht! Es sind fleischfressende Pflanzen, sie wollen dich fressen!" – "Mich fressen? Warum denn das?" wunderte sich die Scheibe Brot. "Ich bin doch nicht aus Fleisch und Blut! Ich bin von echtem Schrot und Korn." – "Was denn, eine Scheibe trockenes Brot?" knurrten die fleischfressenden Pflanzen empört. "Na, dann mach, daß du wegkommst, du falscher Fuffziger!" Mit der Familie Brot hatten sie schlechte Erfahrungen gemacht. Sie hatten einmal versucht, einen Affenbrotbaum zu verspeisen, weil sie meinten, daß er eine Art Tier sei. Aber da wa­ren ihre Augen größer gewesen als der Magen. – "Es ist doch nicht meine Schuld, daß ich ein bißchen nach Wurst rieche", maulte das Brot kleinlaut. Es war aber froh, dieser Gefahr entronnen zu sein.

"Eigentlich sind diese fleischfressenden Pflanzen aber sehr nützlich", erklärte der Efeu. "Die Gartenverwaltung hat sie hier aufgestellt, damit keine wilden Tiere hier hereinkommen – solche bösen Tiere, die uns Pflanzen auffressen würden." Das verstand die Scheibe Brot wohl. Dennoch wollte sie den auffälligen Wurstgeruch loswer­den und fragte, ob es im Garten nicht vielleicht einen Teich gäbe. - "Teig?" wunderte sich der Efeu. "Ich dachte, da kommst du her?" Das Brot erklärte, was es gemeint hatte, und der Efeu meinte, so etwas müßte es wohl geben. Er sei aber nicht so gut zu Fuß, das läge in der Familie, und deshalb sei er noch nie dort gewesen. Da versuchte es das Brot auf eigene Faust. Es fragte ein paar hohe Bäume nach der Richtung und kam tatsächlich nach einer Weile an dem Teich an.

Erst einmal wusch es sich – aber sachte, um nur a nicht ins Wasser zu fallen, es konnte doch nicht schwimmen. Dann ruhte es sich auf ein paar Lorbeeren aus, auch wenn es nicht seine eigenen waren. Anschließend überlegte es, was es wohl mit den Ruderbroten und Tretbroten auf sich hatte, von denen der Kater manchmal erzählt hatte. Das Brot konnte nichts entdecken, was auch nur ungefähr danach aussah. Da ging es vorsichtig ans Ufer und fragte ein Stöckchen, das im Wasser schwamm, was es denn vom Brotfahren verstünde.

Da hatte das Brot aber den Richtigen getroffen. Ohne auch nur einmal Luft zu holen, erzählte das Stöckchen von der Passagier- und Frachtschiffahrt auf allen sieben Weltmeeren. Schließlich wurde es der Scheibe Brot zu bunt: "Das ist doch alles Seemannsgarn!" rief es ungeduldig. "Ich kann mir auch solche Geschichten ausdenken. Wenn meine Großmutter Räder hätte, wäre sie ein Omnibus!" – "Meine Großmutter hatte aber wirklich Räder", verkündete das Stöckchen stolz, "sie war ein Raddampfer!"

Da mußte die Scheibe Brot zugeben, daß das Stöckchen wohl doch etwas von der Seefahrt verstand. Und sie diskutierten, wie sie das mit dem Brotfahren einrichten könnten. Bei allem Respekt vor dem seemännischen Können des Stöckchens, die Scheibe Brot fand es doch ein wenig zu klein und zu wacklig, um sich ihm anzuvertrauen. Doch das Stöckchen wußte Rat: es besorgte sich ein großes Blatt von einer Seerose. Darauf konnte die Scheibe Brot gemütlich Platz nehmen, und das Stöck­chen schob sie kreuz und quer über den gesamten Teich.

"Wie schön das ist", freute sich die Scheibe Brot. Das Stöckchen meinte zwar, ein Motorbrot wäre praktischer, und wollte einen Außenbrotmotor besorgen. Aber ohne den Motorenlärm war es natürlich viel romantischer. "Ich muß den anderen schreiben, daß sie auch hierherkommen sollen", beschloß die Scheibe Brot. Aber ob die Seerose den Brief verschwinden ließ, weil es nicht noch mehr Blätter an die Stöckchen-Schiffahrtsgesellschaft verlie­ren wollte, oder ob der Brief auf der Post verlorenging – die anderen Brote erfuhren nichts davon, wie schön es im Brotanischen Garten ist. Und das ist vielleicht auch besser so, denn sonst hätten wir kein Brot mehr in unserer Speisekammer.

 

Aus seinem Buch "Die Briefmarke von Dublin und der Grabstein von Prag. Das vierte Buch vom Kater, der Märchen erzählt", Vechta: Geest-Verlag 2006, 11 Euro, zu bestellen bei www.geest-verlag.de .