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Rapunzel - Sucht und Missbrauch

 

 
In der Nachbarschaft einer mächtigen Zauberin lebt ein Ehepaar, das sich schon lange ein Kind wünscht. Nun wird die Frau endlich schwanger und entwickelt Appetit auf etwas ganz Bestimmtes. Aber nicht nach sauren Gurken steht der werdenden Mutter der Sinn, sondern nach den Rapunzeln, dem Feldsalat, der im Garten der Zauberin wächst. Die Lust auf die Rapunzeln aus Nachbars Garten wird so unnatürlich, dass die Frau offensichtlich nichts anderes mehr essen kann. Sie magert ab. Ihr Zustand spitzt sich zu; sie glaubt schließlich, sterben zu müssen, wenn sie nichts von den Rapunzeln bekommt. Der erschrockene Ehemann, der seine Frau und das ungeborene Kind in größter Gefahr sieht, weiß sich keinen anderen Rat, als dem Verlangen seiner Frau nachzugeben. Er lässt sich abends in den nachbarlichen Garten hinab, stiehlt eine Handvoll Rapunzel und kehrt unentdeckt zurück. Seine Frau isst von den Rapunzeln. Doch der Genuss der Speise hat das Verlangen nicht stillen können. Es ist nur noch größer geworden.
Rapunzel gehört nicht zu den Salatpflanzen, sondern gehört der Familie der Baldriangewächse an. Das in ihm enthaltene Baldrianöl soll bei Angst- oder Spannungszuständen beruhigend wirken. Seit über 2000 Jahren ist Baldrian als harmloses Heilmittel bekannt. Nun gehört es zu den Merkmalen dämonischer Wesen im Märchen, dass sie harmlose, alltägliche Gegenstände oder Nahrungsmittel mit gefährlichen Eigenschaften ausstatten können. Ein Apfel wird giftig, Wasser weckt Raubtierinstinkte, und der Feldsalat aus dem Garten der Zauberin erzeugt ein unwiderstehliches Verlangen.
Dämonische Wesen haben die Fähigkeit, harmlose Dinge in etwas Gefährliches umzumünzen. Und daher spielt es auch keine bedeutende Rolle, ob es um den Feldsalat Rapunzel geht oder um die Glockenblume, deren Wurzen man essen kann und die auch heute noch in Frankreich und England als Gemüse kultiviert wird. In den meisten Märchen ist es sogar die Petersilie, die das unstillbare Verlangen auslöst, es können aber auch Fenchel, Äpfel oder Birnen sein. Entscheidend ist, dass all diese harmlosen Nahrungsmittel plötzlich verändert sind, so dass sie ein unstillbares Verlangen auslösen.
In der Erstausgabe der Kinder- und Hausmärchen heißt die Zauberin, die diese Veränderung vermag, noch Fee. Die Wortwahl ist für das Grimm’sche Märchen untypisch und verrät mehr über die wahre Herkunft des Textes, als die Grimms bei seiner Aufnahme ahnten. Denn im Großen und Ganzen ist das Grimm’sche Märchen nichts weiter als eine gelungene Übersetzung eines französischen Textes wie Max Lüthi nachgewiesen hat. 1698 erschien von der französischen Hofdame Madame Charlotte-Rose de Caumont de La Force unter dem Titel “Persinette” ein Feen-Märchen, das ein unstillbares Verlangen nach Petersilie zum Thema macht. Sie selbst hatte zwar angegeben, dass das Märchen ihre eigene freie Schöpfung war. Doch es stimmt im ersten Teil seines Baus zu offenkundig “mit den im Mittelmeerraum verbreiteten, schon durch Basile bezeugten Volkserzählungen” (Max Lüthi, Volksmärchen und Volkssage, Bern 1975, S. 65) überein. Diese Volkserzählungen sind nach Auffassung Walther Scherfs die Märchentypen, in denen Eltern ihre Kinder jenseitigen Wesen versprechen. Eigentümlich sei dem Rapunzeltypus, dass eine Schwangere “von einem unwiderstehlichen Gelüst nach einem Kraut oder nach besonderen Früchten eines den Jenseitigen, einer Hexe oder Feen, gehörigen Gartens erfaßt wird”. (Walther Scherf, Märchenlexikon, München 1995, Bd. 2, S. 970). Der Märchentyp, unter dem Rapunzel nach Aarne/Thompson zu finden ist, heißt AT 310, die Jungfrau im Turm. Der zweite Teil aber soll ganz auf die Fantasie der französischen Hofdame zurückgehen. Dazu später noch mehr.

Zum ersten Mal aufgezeichnet wurde ein Märchen des Typs AT 310 1634 in Basiles berühmter Sammlung Pentamerone mit dem Titel “Petrosinella”. Friedrich Schultz übersetzte Persinette als Rapunzel 1790 ins Deutsche. Allerdings war die französische Vorlage nicht erwähnt. Die Grimms nahmen an, dass das Märchen “ohne Zweifel aus mündlicher Überlieferung” stammte. Mit dieser irrtümlichen Vorgabe wurde es die Grundlage der Nr. 12 der Kinder- und Hausmärchen. (Heinz Rölleke (Hrsg.). Brüder Grimm. Kinder- und Hausmärchen. Stuttgart 2001. Bd. III, S. 22.) Worin die dämonisch veränderte Gefährlichkeit der Rapunzeln besteht, wird gleich am Anfang des Grimm’schen Märchens kurz und prägnant umrissen.

Die Ehefrau kann nach dem ersten Probieren an nichts anderes mehr denken, weder an ihr ungeborenes Kind noch an ihren Ehemann. Das Zentrum ihres Lebens sind Rapunzeln geworden. Der Ehemann muss wiederum den gefahrvollen Weg in den Garten antreten. Diesmal geht die Sache schlecht aus. Die zornige Zauberin entdeckt ihn und macht ihm Vorhaltungen, dass er sich wie ein Dieb in ihren Garten geschlichen habe. Sie erlaubt allerdings, dass er sich so viel Rapunzeln mitnehmen darf, wie er will. Dafür verlangt sie nichts weniger als das Kind, das seine Frau gebären wird. Es gibt keine Alternative: Wenn der Ehemann den Vorschlag nicht annimmt, so sterben seine Frau und mit ihr das ungeborene Kind. Die Situation im Garten der Zauberin ist nun vollends zugespitzt, das Leben von drei Menschen ist in Gefahr, denn auch der Ehemann wird nicht heil aus dem Garten herauskommen, wenn er sich den Wünschen der Zauberin nicht fügt. Und so nimmt er den Handel an.
Im Märchen ist der dreiteilige klassische Verlauf einer Sucht beschrieben:
"Unter Sucht versteht man ein bestimmtes Verhaltensmuster, das mit einem unwiderstehlichen, wachsenden Verlangen nach einem bestimmten Gefühls- und Erlebniszustand beschrieben wird. [...]. Jede Sucht entsteht über den Prozess: Erfahrung - Wiederholung - Gewöhnung (Missbrauch)." (Definition Sucht, http://www.blaues-kreuz.de/bkd/sucht/sucht.htm, 01.10.2001)
Die beiden ersten Etappen auf dem Weg zur Sucht sind im Märchen ganz klar erkennbar: Die schwangere Ehefrau isst einmal von den Rapunzeln (Erfahrung). Ihr Verlangen ist danach nicht gestillt, sondern noch um ein Vielfaches größer geworden. Die Erfahrung muss erneut gemacht werden (Wiederholung). Das Dämonische tritt also genau an der Stelle auf, an der das Verlangen nach den Rapunzeln durch den Genuss nicht gestillt, sondern um ein Vielfaches vergrößert wird.

Autorin: Angelika Dissen

 

Die gesamte Interpretation ist in unserem Shop in Buchform und auf CD-ROM erhältlich.

Walter Crane, Illustration zu Rapunzel (1886)