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Die zwölf Brüder - Alleinherrschaft und ihre Folgen

 

 

Eine Erzählung von einer jüngeren Schwester, die ihre Brüder aus der Tiergestalt erlöst, gibt es gleich drei Mal in den Kinder- und Hausmärchen: "Die zwölf Brüder" (KHM 9), "Die sechs Schwäne" (KHM 49) und "Die sieben Raben" (KHM 25) Diese drei Märchen gehören zum Märchentypus AT 451.

Aarne/Thompson haben in ihrem grundlegenden Werk "The Types of the Folktale" (im folgenden AT abgekürzt) aus den ihnen bekannten Varianten, die vor allem aus Europa stammten, insbesondere aus dem nördlichen Teil, einen Idealtypus konstruiert. In diesem Märchentypus AT 451 ist von zwölf oder auch von sieben Brüdern die Rede, die sterben sollen, falls ihre Mutter eine Tochter zur Welt bringt. Die Brüder können jedoch fliehen. Die Schwester findet sie und lebt mit ihnen zusammen. Entweder durch eine elterliche Verwünschung (”Die sieben Raben“) oder dadurch, dass die jüngere Schwester wie in “Die zwölf Brüder“ zwölf Blumen aus einem verzauberten Garten abpflückt, werden die Brüder in Raben verwandelt. Die Schwester muss sich erneut auf die Suche nach ihnen machen, Sonne, Mond und Sterne befragen und die Brüder in dem Glasberg finden (”Die sieben Raben“) oder sie muss jahrelang stumm sein und Hemden für die Brüder fertigen (”Die zwölf Brüder”). Ein König findet die Stumme und heiratet sie. In der Grimm'schen Version der zwölf Brüder genügen bereits die Verdächtigungen der Schwiegermutter, um sie auf den Scheiterhaufen zu bringen. Im Märchentypus dagegen werden die neugeborenen Kinder der Schwester, die Königin geworden ist, von der Mutter des Königs gestohlen. Die Mutter ist es auch, die die Königin bezichtigt, ihre Kinder getötet zu haben. Erst als die Flammen schon nach der verurteilten Schwester greifen, kommen ihre Brüder als Raben herbeigeflogen und bekommen ihre menschliche Gestalt zurück.
Das Märchen von den zwölf Brüdern stimmt also bis auf den Diebstahl der Kinder vollständig mit dem Typus AT 451 überein.
Das Märchen „Die sieben Raben“ (KHM 25) setzt gleich mit der Verwandlung der Brüder ein. Die sieben Jungen können das Taufwasser für ihre neugeborene Schwester nicht schnell genug vom Brunnen holen und der ärgerliche Vater verwünscht sie in Raben. Auch im Märchen von den sechs Schwänen steht die Verwandlung der Brüder gleich am Anfang. Jedoch gibt der Zusammenhang der Variante "Die sechs Schwäne" (KHM 49) mit den übrigen Ausformungen des Märchentypus der Forschung bis heute noch Rätsel auf. “Die sechs Schwäne“ fällt insoweit aus dem Rahmen, als es nicht um eine vom Vater vorgezogene Tochter geht, um deretwillen ihre Brüder Leid erdulden müssen. Dem zauberischen Anschlag der Stiefmutter, die alle Geschwi-ster loswerden will, die sechs Brüder ebenso wie die Schwester, kann die Schwester nur durch Zufall entrinnen. Aber auch sie macht sich auf die Suche nach ihren Brüdern. Die sechs Schwäne können von ihrer Schwester, wie in den übrigen Varianten auch, durch ein Schweigegebot und die Arbeit an Hemden aus einem bestimmten Material erlöst werden. Ihre Kinder, die sie als Königin gebärt, werden in den sechs Schwänen allesamt gestohlen und sie wird des Mordes angeklagt.

Das erste schriftliche Zeugnis des Märchentypus AT 451 aus dem Jahr 1185 handelt aber nicht, wie die Ausformung des Typus erwarten lassen könnte, von Raben, sondern von Geschwistern, die in Schwäne verwandelt werden. Wie bei Liungman nachzulesen, veröffentlichte sie der Mönch Johannes de Alta Silva unter dem lateinischen Titel Dolophatos. Er orientierte sich an der zu dieser Zeit bereits bekannten Schwanenjungfrausage oder auch an dem Schwanenjungfraumärchen, das bereits 1150 in Frankreich
bekannt war. Das Verbreitungsgebiet des Märchens soll sich vor allem in Mitteleuropa befunden haben. (Vgl. Liungman, Die schwedischen Volksmärchen, Seite 106). Es ist häufig erzählt worden wie bei Bolte/Polivka nachzulesen. (Vgl. Bolte / Polivka, Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Bd. 1, S.70-75.) Die erste literarisch nachgewiesene Rabenform des Märchen erschien erst 1638 im zweiten Band des Pentamerone von Giambattista Basile. (Vgl. Basile, Das Märchen aller Märchen, Bd. 4, S. 104.)

Die folgende Interpretation wird sich insbesondere mit einer Variante befassen, mit dem Märchen "Die zwölf Brüder". Es handelt von einem der bedrückendsten Themen in der Geschichte der Menschheit: von Alleinherrschaft und der gefährlichen Veränderung der Gemeinschaft, die nicht länger eine kooperative und friedliche Lebensweise garantieren kann. Nur vordergründig, das soll die Interpretation zeigen, befasst sich das Märchen mit einem Konflikt zwischen Eltern und Kindern.
Die Eingangsszene von KHM 9 beschreibt ein Königspaar, das bereits zwölf Söhne hat. Als die Frau erneut schwanger wird, tut der werdende Vater etwas höchst Sonderbares kund: Wenn das Kind ein Mädchen wird, soll seine Geburt das Todesurteil für seine zwölf Söhne bedeuten. Dem Mädchen soll sein ganzer Reichtum gehören, die Jungen dagegen den Tod finden.
Die Brüder Grimm hatten das Bedürfnis, die scheinbar so absurde Verfügung des Königs, ein Mädchen zu seiner Nachfolgerin zu machen, zu erklären. In der handschriftlichen Fassung von 1810 der KHM wird die Verfügung des Königs so erläutert: „Es war einmal ein König und eine Königin, die hatten zwölf Kinder zusammen, die waren alle Jungen. Und der König sprach, wenn das dreizehnte ein Mädchen wäre, so wollte er alle seine zwölf Söhne umbringen, wenn es aber wieder ein Sohn wäre, so sollten sie am Leben bleiben.“ In der Erstausgabe von 1812 fügte Wilhelm Grimm erläuternd bei, dass der König seinen Söhnen lieber den Kopf abhauen würde als zuzulassen, dass eine Tochter unter ihnen sei. (Vgl. Rölleke, Die älteste Märchensammlung der Brüder Grimm, S. 65.)
In der kroatischen Variante “Eine Schwester erlöst ihre Brüder“ möchte der König aber unbedingt eine Tochter haben. Dort heißt es: “Es war einmal ein König und eine Königin, die hatten zwölf Söhne, der König wünschte sich aber immer eine Tochter zu bekommen. Als nun wieder Hoffnung auf ein Kind war, sagte er zu der Königin: “Wenn du jetzt eine Tochter bekommst, werde ich um ihretwillen alle zwölf Söhne töten.” (Vgl. Leskien, Balkanmärchen aus Kroatien, S . 154.)
In dem ungarischen Märchen “Die zehn Geschwister“ ist der König darüber zornig, dass er bereits neun Jungen, aber noch keine Tochter hat. Auch hier will der König unbedingt eine Tochter haben. Er droht ebenfalls mit dem Tod der Jungen, wenn die Königin wieder einen Jungen bekommen sollte. (Vgl. Slarek, Ungarische Volksmärchen, S. 84.)

Die Begründungen für die Verfügung des Königs scheinen also recht beliebig zu sein. Einmal wird die Drohung des Königs damit begründet, dass er keine Tochter haben will, das andere Mal damit, dass er die Tochter unbedingt möchte.
 

Autorin: Angelika Dissen

 

Die gesamte Interpretation ist in unserem Shop auf CD-ROM erhältlich.

 

Anne Anderson, Seven Ravens (1923)