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Brüder Grimm Ausgabe letzter Hand von 1857 |
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Es war einmal eine alte Geiß, die hatte sieben junge Geißlein und hatte sie lieb, wie eine Mutter ihre Kinder liebhat. Eines Tages wollte sie in den Wald gehen und Futter holen, da rief sie alle sieben herbei und sprach: "Liebe Kinder, ich will hinaus in den Wald, seid auf eurer Hut vor dem Wolf, wenn er hereinkommt, so frißt er euch alle mit Haut und Haar. Der Bösewicht verstellt sich oft, aber an seiner rauen Stimme und an seinen schwarzen Füßen werdet ihr ihn gleich erkennen." Die Geißlein sagten: "Liebe Mutter, wir wollen uns schon in acht nehmen, Ihr könnt ohne Sorge fortgehen." Da meckerte die Alte und machte sich getrost auf den Weg. Es dauerte nicht lange, so
klopfte jemand an die Haustür und rief: "Macht auf, ihr lieben
Kinder, eure Mutter ist da und hat jedem von euch etwas mitgebracht."
Aber die Geißerchen hörten an der rauhen Stimme, daß
es der Wolf war. "Wir machen nicht auf", riefen sie, "du
bist unsere Mutter nicht, die hat eine feine und liebliche Stimme, aber
deine Stimme ist rauh; du bist der Wolf." Da ging der Wolf fort zu
einem Krämer und kaufte sich ein großes Stück Kreide;
die aß er und machte damit seine Stimme fein. Dann kam er zurück,
klopfte an die Haustür und rief: "Macht auf, ihr lieben Kinder,
eure Mutter ist da und hat jedem von euch etwas mitgebracht." Aber
der Wolf hatte seine schwarze Pfote in das Fenster gelegt, das sahen die
Kinder und riefen: "Wir machen nicht auf, unsere Mutter hat keinen
schwarzen Fuß wie du: du bist der Wolf." Nun ging der Bösewicht zum drittenmal zu der Haustüre, klopfte an und sprach: "Macht mir auf, Kinder, euer liebes Mütterchen ist heimgekommen und hat jedem von euch etwas aus dem Walde mitgebracht." Die Geißerchen riefen: "Zeig uns erst deine Pfote, damit wir wissen, daß du unser liebes Mütterchen bist." Da legte er die Pfote ins Fenster, und als sie sahen, daß sie weiß war, so glaubten sie, es wäre alles wahr, was er sagte, und machten die Türe auf. Wer aber hereinkam, das war der Wolf. Sie erschraken und wollten sich verstecken. Das eine sprang unter den Tisch, das zweite ins Bett, das dritte in den Ofen, das vierte in die Küche, das fünfte in den Schrank, das sechste unter die Waschschüssel, das siebente in den Kasten der Wanduhr. Aber der Wolf fand sie alle und machte nicht langes Federlesen: eins nach dem andern schluckte er in seinen Rachen; nur das jüngste in dem Uhrkasten, das fand er nicht. Als der Wolf seine Lust gebüßt hatte, trollte er sich fort, legte sich draußen auf der grünen Wiese unter einen Baum und fing an zu schlafen. Nicht lange danach kam die alte Geiß aus dem Walde wieder heim. Ach, was mußte sie da erblicken! Die Haustüre stand sperrweit auf: Tisch, Stühle und Bänke waren umgeworfen, die Waschschüssel lag in Scherben. Decke und Kissen waren aus dem Bett gezogen. Sie suchte ihre Kinder, aber nirgend waren sie zu finden. Sie rief sie nacheinander bei Namen, aber niemand antwortete. Endlich, als sie an das jüngste kam, da rief eine feine Stimme: "Liehe Mutter, ich stecke im Uhrkasten." Sie holte es heraus, und es erzählte ihr, daß der Wolf gekommen wäre und die andern alle gefressen hätte. Da könnt ihr denken, wie sie über ihre armen Kinder geweint hat. Endlich ging sie in ihrem
Jammer hinaus, und das jüngste Geißlein lief mit. Als sie auf
die Wiese kam, so lag da der Wolf an dem Baum und schnarchte, daß
die Äste zitterten. Sie betrachtete ihn von allen Seiten und sah,
daß in seinem angefüllten Bauch sich etwas regte und zappelte.
"Ach Gott", dachte sie, "sollten meine armen Kinder, die
er zum Abendbrot hinuntergewürgt hat, noch am Leben sein?" Da
mußte das Geißlein nach Haus laufen und Schere, Nadel und
Zwirn holen. Dann schnitt sie dem Ungetüm den Wanst auf, und kaum
hatte sie einen Schnitt getan, so streckte schon ein Geißlein den
Kopf heraus, und als sie weiter schnitt, so sprangen nacheinander alle
sechse heraus und waren noch alle am Leben und hatten nicht einmal Schaden
gelitten, denn das Ungetüm hatte sie in der Gier ganz hinuntergeschluckt.
Das war eine Freude! Da herzten sie ihre liebe Mutter und hüpften
wie ein Schneider, der Hochzeit hält. Die Alte aber sagte: "Jetzt
geht und sucht Wackersteine, damit wollen wir dem gottlosen Tier den Bauch
füllen, solange es noch im Schlafe liegt."
Und als er an den Brunnen kam und sich über das Wasser bückte und trinken wollte, da zogen ihn die schweren Steine hinein, und er mußte jämmerlich ersaufen. Als die sieben Geißlein das sahen, da kamen sie herbeigelaufen, riefen laut: "Der Wolf ist tot! Der Wolf ist tot!" und tanzten mit ihrer Mutter vor Freude um den Brunnen herum.
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