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Brüder Grimm Ausgabe letzter Hand von 1857 |
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Dat is nu all lang heer, wol twe dusend Johr, do wöör dar en ryk Mann, de hadd ene schöne frame Fru, un se hadden sik beyde sehr leef, hadden awerst kene Kinner, se wünschden sik awerst sehr welke, un de Fru bedd'd so veel dorüm Dag un Nacht, man se kregen keen un kregen keen. Vör erem Huse wöör en Hof, dorup stünn en Machandelboom, ünner dem stunn de Fru eens im Winter un schelld sik enen Appel, un as se sik den Appel so schelld, so sneet se sik in'n Finger, un dat Blood feel in den Snee. "Ach", säd de Fru, un süft'd so recht hoog up, un seg dat Blood vör sik an, un wöör so recht wehmödig, "hadd ik doch en Kind, so rood as Blood un so witt as Snee." Un as se dat säd, so wurr ehr so recht fröhlich to Mode: ehr wöör recht, as schull dat wat warden. Do güng se to dem Huse, un't güng een Maand hen, de Snee vorgüng; un twe Maand, do wöör dat gröön; und dre Maand, do kömen de Blömer uut der Eerd; un veer Maand, do drungen sik alle Bömer in dat Holt, un de grönen Twyge wören all in eenanner wussen; door süngen de Vögelkens, dat dat ganße Holt schalld, un de Blöiten felen von den Bömern; do wörr de fofte Maand wech, un se stünn ünner dem Machandelboom, de röök so schön, do sprüng ehr dat Hart vör Freuden, un se füll up ere Knee un kunn sik nich laten; un as de soste Maand vorby wöör, do wurren de Früchte dick un staark, do wurr se ganß still; un de söwde Maand, do greep se na den Machandelbeeren un eet se so nydsch, do wurr se trurig un krank; do güng de achte Maand hen, un se reep eren Mann un weend un säd: "Wenn ik staarw, so begraaf my ünner den Machandelboom." Do wurr se ganß getrost un freude sik, bet de neegte Maand vorby wöör, do kreeg se en Kind so witt as Snee un so rood as Blood, un as se dat seeg, so freude se sik so, dat se stürw. Do begroof ehr Mann se ünner den Machandelboom, un he füng an to wenen so sehr; ene Tyd lang, do wurr dat wat sachter, un do he noch wat weend hadd, do hüll he up, un noch en Tyd, do nöhm he sik wedder ene Fru. Mit de tweden Fru kreeg he ene Dochter, dat Kind awerst von der eersten Fru wöör en lüttje Sähn, un wöör so rood as Blood un so witt as Snee. Wenn de Fru ere Dochter so anseeg, so hadd se se so leef, awerst denn seeg se den lüttjen Jung an, un dat güng ehr so dorch't Hart, un ehr düchd, as stünn he ehr allerwegen im Weg, un dachd denn man jümmer, wo se ehr Dochter all dat Vörmägent towenden wull, un de Böse gaf ehr dat in, dat se dem lüttjen Jung ganß gramm wurr un stödd em herüm von een Eck in de anner, un buffd em hier un knuffd em door, so dat dat aarme Kind jümmer in Angst wöör. Wenn he denn uut de School köhm, so hadd he kene ruhige Städ. Eens wöör de Fru up de Kamer gaan, do köhm de lüttje Dochter ook herup un säd: "Moder, gif my enen Appel." "Ja, myn Kind", säd de Fru un gaf ehr enen schönen Appel uut der Kist; de Kist awerst hadd einen grooten sworen Deckel mit en groot schaarp ysern Slott. "Moder", säd de lüttje Dochter, "schall Broder nich ook enen hebben?" Dat vördrööt de Fru, doch säd se: "Ja, wenn he uut de School kummt." Un as se uut dat Fenster wohr wurr, dat he köhm, so wöör dat recht, as wenn de Böse äwer ehr köhm, un se grappst to un nöhm erer Dochter den Appel wedder wech und säd: "Du schalst nich ehr enen hebben as Broder." Do smeet se den Appel in de Kist un maakd de Kist to; do köhm de lüttje Jung in de Döhr, do gaf ehr de Böse in, dat se fründlich to em säd: "Myn Sähn, wullt du enen Appel hebben?" un seeg em so hastig an. "Moder", säd de lüttje Jung, "wat sühst du gräsig uut! Ja, gif my enen Appel." Do wöör ehr, as schull se em toreden. "Kumm mit my", säd se un maakd den Deckel up, "hahl dy enen Appel heruut." Un as sik de lüttje Jung henin bückd, so reet ehr de Böse, bratsch! slöög se den Deckel to, dat de Kopp afflöög un ünner de roden Appel füll. Da äwerleep ehr dat in de Angst un dachd: "Kunn ik dat von my bringen!" Da güng se bawen na ere Stuw na erem Draagkasten un hahl uut de bäwelste Schuuflad enen witten Dook, un sett't den Kopp wedder up den Hals un bünd den Halsdook so üm, dat'n niks sehn kunn, un sett't em vör de Döhr up enen Stohl un gaf em den Appel in de Hand. Do köhm doorna Marleenken to erer Moder in de Kääk, de stünn by dem Führ un hadd enen Putt mit heet Water vör sik, den röhrd se jümmer üm. "Moder", säd Marleenken, "Broder sitt vör de Döhr un süht ganß witt uut un hett enen Appel in de Hand, ik heb em beden, he schull my den Appel gewen, awerst he antwöörd my nich, do wurr my ganß grolich." "Gah nochmaal hen", säd de Moder, "un wenn he dy nich antworden will, so gif em eens an de Oren." Da güng Marleenken hen und säd: "Broder, gif my den Appel. Awerst he sweeg still, do gaf se em eens up de Oren, do feel de Kopp herünn, doräwer vörschrock se sik un füng an to wenen un to roren, un löp to erer Moder un säd: "Ach, Moder, ik hebb mynen Broder den Kopp afslagen", un weend un weend un wull sik nich tofreden gewen. "Marleenken", säd de Moder, "wat hest du dahn! awerst swyg man still, dat et keen Mensch maarkt, dat is nu doch nich to ännern; wy willen em in Suhr kaken." Da nöhm de Moder den lüttjen Jung un hackd em in Stücken, ded de in den Putt un kaakd em in Suhr. Marleenken awerst stünn daarby un weend un weend, un de Tranen füllen all in den Putt, un se bruukden gorr keen Solt. Da köhm de Vader to Huus und sett't sik to Disch un säd: "Wo is denn myn Sähn?" Da droog de Moder ene groote, groote Schöttel up mit Swartsuhr, un Marlee[n]ken weend un kunn sich nich hollen. Do säd de Vader wedder: "Wo is denn myn Sähn?" "Ach", säd de Moder, "he is äwer Land gaan, na Mütten erer Grootöhm: he wull door wat blywen." "Wat dait he denn door? Un heft my nich maal Adjüüs sechd!" "O he wull geern hen un bed my, of he door wol sos Wäken blywen kunn; he is jo woll door uphawen." "Ach", säd de Mann, "my is so recht trurig, dat is doch nich recht, he hadd my doch Adjüüs sagen schullt." Mit des füng he an to äten und säd: "Marleenken, wat weenst du? Broder wart wol wedder kamen." "Ach, Fru", säd he do, "wat smeckt my dat Äten schöön! Gif my mehr!" Un je mehr he eet, je mehr wull he hebben un säd: "Geeft my mehr, gy schöhlt niks door af hebben, dat is, as wenn dat all myn wör." Un he eet un eet, un de Knakens smeet he all ünner den Disch, bet he allens up hadd. Marleenken awerst güng hen na ere Commod und nöhm ut de ünnerste Schuuf eren besten syden Dook un hahl all de Beenkens und Knakens ünner den Disch heruut un bünd se in den syden Dook und droog se vör de Döhr un weend ere blödigen Tranen. Door läd se se ünner den Machandelboom in dat gröne Gras, un as se se door henlechd hadd, so war ehr mit eenmal so recht licht un weend nich mer. Do füng de Machandelboom an, sik to bewegen, un de Twyge deden sik jümmer so recht von eenanner, un denn wedder tohoop, so recht as wenn sik eener so recht freut un mit de Händ so dait. Mit des so güng dar so 'n Newel von dem Boom, un recht in dem Newel, dar brennd dat as Führ, un uut dem Führ dar flöög so 'n schönen Vagel heruut, de süng so herrlich und flöög hoog in de Luft, un as he wech wöör, do wöör de Machandelboom, as he vörhen west wör, un de Dook mit de Knakens wöör wech. Marlee[n]ken awerst wöör so recht licht un vörgnöögt, recht as wenn de Broder noch leewd. Do güng se wedder ganß lustig in dat Huus by Disch un eet. De Vagel awerst flöög wech un sett't sik up enen Goldsmidt syn Huus un füng an to singen:
De Goldsmidt seet in syn Waarkstäd un maakd ene gollne Kede, do höörd he den Vagel, de up syn Dack seet und süng, un dat dünkd em so schöön. Da stünn he up, un as he äwer den Süll güng, da vörlöör he eenen Tüffel. He güng awer so recht midden up de Strat hen, eenen Tüffel un een Sock an: syn Schortfell hadd he vör, un in de een Hand hadd he de golln Kede un in de anner de Tang; un de Sünn schynd so hell up de Strat. Door güng he recht so staan un seeg den Vagel an. "Vagel", secht he do, "wo schöön kanst du singen! Sing my dat Stück nochmaal." "Ne", secht de Vagel, "twemaal sing ik nich umsünst. Gif my de golln Kede, so will ik dy't nochmaal singen." "Door", secht de Goldsmidt, "hest du de golln Kede, nu sing my dat nochmaal." Do köhm de Vagel un nöhm de golln Kede so in de rechte Poot un güng vor den Goldsmidt sitten un süng:
Da flög de Vagel wach na enem Schooster, und sett't sik up den syn Dack un süng:
De Schooster höörd dat und leep vör syn Döhr in Hemdsaarmels un seeg na syn Dack un mussd de Hand vör de Ogen hollen, dat de Sünn em nich blend't. "Vagel", secht he, "wat kannst du schöön singen." Do rööp he in syn Döhr henin: "Fru, kumm mal heruut, dar is een Vagel: süh mal den Vagel, de kann maal schöön singen." Do rööp he syn Dochter un Kinner un Gesellen, Jung un Maagd, un se kömen all up de Strat un seegen den Vagel an, wo schöön he wöör, un he hadd so recht rode un gröne Feddern, un üm den Hals wöör dat as luter Gold, un de Ogen blünken em im Kopp as Steern. "Vagel", sägd de Schooster, "nu sing my dat Stück nochmaal." "Ne", secht de Vagel, "tweemal sing ik nich umsünst, du mussd my wat schenken." "Fru", säd de Mann, "gah na dem Bähn: up dem bäwelsten Boord, door staan een Poor rode Schö, de bring herünn." Do güng de Fru hen un hahl de Schö. "Door, Vagel", säd de Mann, "nu sing my dat Stück nochmaal." Do köhm de Vagel und nöhm de Schö in de linke Klau, un flöög wedder up dat Dack un süng:
Un as he uutsungen hadd, so
flöög he wech: de Kede hadd he in de rechte und de Schö
in de linke Klau, un he flöög wyt wech na ene Mähl, un
de Mähl güng klippe klappe, klippe klappe, klippe klappe. Un
in de Mähl, door seeten twintig Mählenburßen, de hauden
enen Steen und hackden hick hack, hick hack, hick hack, un de Mähl
güng klippe klappe, klippe klappe, klippe klappe." Do güng
de Vagel up enen Lindenboom sitten, de vör de Mähl stünn,
un süng: "Mein Mutter, der mich schlacht", do höörd
een up, "mein Vater, der mich aß," do höörden
noch twe up un höörden dat, "mein Schwester, der Marlenichen",
do höörden wedder veer up, "sucht alle meine Benichen,
bind't sie in ein seiden Tuch", nu hackden noch man acht, "legt's
unter", nu noch man fyw, "den Machandelbaum", Da hüll de lezte ook up und hadd dat lezte noch höörd. "Vagel", secht he, "wat singst du schöön! Laat my dat ook hören, sing my dat nochmaal." "Ne", secht de Vagel, "twemaal sing ik nich umsünst, gif my den Mählensteen, so will ik dat nochmaal singen." "Ja", secht he, "wenn he my alleen tohöörd, so schullst du em hebben." "Ja", säden de annern, "wenn he nochmaal singt, so schall he em hebben." Do köhm de Vagel herünn, un de Möllers saat'n all twintig mit Böhm an un böhrden Steen up, hu uh uhp, hu uh uhp, hu uh uhp! Da stöök de Vagel den Hals döör dat Lock un nöhm em üm as enen Kragen, un flöög wedder up den Boom un süng:
Un as he dat uutsungen hadd, do deed he de Flünk von eenanner, un hadd in de rechte Klau de Kede un in de linke de Schö un üm den Hals den Mählensteen, un floog wyt wech na synes Vaders Huse. In de Stuw seet de Vader, de Moder un Marleenken by Disch, un de Vader säd: "Ach, wat waart my licht, my is recht so good to Mode." "Nä", säd de Moder, "my is recht so angst, so recht, as wenn en swoor Gewitter kummt." Marleenken awerst seet un weend un weend, da köhm de Vagel anflegen, un as he sik up dat Dack sett't: "Ach", säd de Vader, "my is so recht freudig, un de Sünn schynt buten so schöön, my is recht, as schull ik enen olen Bekannten weddersehn." "Ne", säd de Fru, "my is so angst, de Täne klappern my, un dat is my as Führ in den Adern." Un se reet sik ehr Lyfken up un so mehr, awer Marleenken seet in en Eck un weend, und hadd eren Platen vör de Ogen un weend den Platen ganß meßnatt. Do sett't sik de Vagel up den Machandelboom un süng:
Do hüll de Moder de Oren to un kneep de Ogen to un wull nich sehn un hören, awer dat bruusde ehr in de Oren as de allerstaarkste Storm, un de Ogen brennden ehr un zackden as Blitz.
"Ach, Moder", secht de Mann, "door is en schöön Vagel, de singt so herrlich, de Sünn schynt so warm, un dat rückt as luter Zinnemamen."
Do läd Marleenken den Kopp up de Knee un weend in eens wech, de Mann awerst säd: "Ik ga henuut, ik mutt den Vagel dicht by sehn." "Ach, gah nich", säd de Fru, "my is, as beewd dat ganße Huus un stünn in Flammen." Awerst de Mann güng henuut un seeg den Vagel an.
Mit des leet de Vagel de gollne Kede fallen, un se feel dem Mann jüst um'n Hals, so recht hier herüm, dat se recht so schöön passd. Do güng he herin un säd: "Süh, wat is dat vör'n schöön Vagel, heft my so ne schöne gollne Kede schenkd un süht so schöön uut." De Fru awerst wöör so angst un füll langs in de Stuw hen, un de Mütz füll ehr von dem Kopp. Do süng de Vagel wedder:
"Ach, dat ik dusend Föder ünner de Eerd wöör, dat ik dat nich hören schull!"
Do füll de Fru vör dood nedder.
"Ach", säd Marleenken, "ik will ook henuut gahn un sehn, of de Vagel my wat schenkt." Do güng se henuut.
Do smeet he ehr de Schö herünn.
Do wöör ehr so licht un fröhlich. Do truck se den neen roden Schö an, un danssd un sprüng herin. "Ach", säd se, "ik wöör so trurig, as ick henuut güng, un nu is my so licht, dat is maal en herrlichen Vagel, hett my en Poor rode Schö schenkd." "Ne", säd de Fru und sprüng up, un de Hoor stünnen ehr to Baarg as Führsflammen, "my is, as schull de Welt ünnergahn, ik will ook henuut, of my lichter warden schull." Un as se uut de Döhr köhm, bratsch! smeet ehr de Vagel den Mählensteen up den Kopp, dat se ganß tomatscht wurr. De Vader un Marleenken höörden dat un güngen henuut; do güng en Damp un Flamm un Führ up von der Städ, un as dat vorby wöör, do stünn de lüttje Broder door, un he nöhm synen Vader un Marleenken by der Hand, un wören all dre so recht vergnöögt un güngen in dat Huus by Disch un eeten. Von dem Machandelbaum Hochdeutsche FassungDas ist nun lange her, wohl an die zweitausend Jahre, da war einmal ein reicher Mann, der hatte eine schöne fromme Frau, und sie hatten sich beide sehr lieb, hatten aber keine Kinder. Sie wünschten sich aber sehr welche, und die Frau betete darum Tag und Nacht; aber sie kriegten und kriegten keine. Vor ihrem Hause war ein Hof, darauf stand ein Machandelbaum. Unter dem stand die Frau einstmals im Winter und schälte sich einen Apfel, und als sie den Apfel so schälte, da schnitt sie sich in den Finger, und das Blut fiel in den Schnee. "Ach", sagte die Frau und seufzte so recht tief auf, und sah das Blut vor sich an, und war so recht wehmütig: "Hätte ich doch ein Kind, so rot wie Blut und so weiß wie Schnee." Und als sie das sagte, da wurde ihr so recht fröhlich zumute: Ihr war so, als sollte es etwas werden. Dann ging sie nach Hause, und es ging ein Monat hin, da verging der Schnee; und nach zwei Monaten, da wurde alles grün; nach drei Monaten, da kamen die Blumen aus der Erde; und nach vier Monaten, da schossen alle Bäume ins Holz, und die grünen Zweige waren alle miteinander verwachsen. Da sangen die Vöglein, daß der ganze Wald erschallte, und die Blüten fielen von den Bäumen, da war der fünfte Monat vergangen, und sie stand immer unter dem Machandelbaum, der roch so schön. Da sprang ihr das Herz vor Freude, und sie fiel auf die Knie und konnte sich gar nicht lassen. Und als der sechste Monat vorbei war, da wurden die Früchte dick und stark, und sie wurde ganz still. Und im siebenten Monat, da griff sie nach den Machandelbeeren und aß sie begehrlich; und da wurde sie traurig und krank. Da ging der achte Monat hin, und sie rief ihren Mann und weinte und sagte: "Wenn ich sterbe, so begrabe mich unter dem Machandelbaum." Da wurde sie ganz getrost und freute sich, bis der neunte Monat vorbei war: da kriegte sie ein Kind so weiß wie der Schnee und so rot wie Blut, und als sie das sah, da freute sie sich so, daß sie starb. Da begrub ihr Mann sie unter dem Machandelbaum, und er fing an, so sehr zu weinen; eine Zeitlang dauerte das, dann floßen die Tränen schon sachter, und als er noch etwas geweint hatte, da hörte er auf, und dann nahm er sich wieder eine Frau. Mit der zweiten Frau hatte er eine Tochter; das Kind aber von der ersten Frau war ein kleiner Sohn, und war so rot wie Blut und so weiß wie Schnee. Wenn die Frau ihre Tochter so ansah, hatte sie sie sehr lieb; aber dann sah sie den kleinen Jungen an, und das ging ihr so durchs Herz, und es dünkte sie, als stünde er ihr überall im Wege, und sie dachte dann immer, wie sie ihrer Tochter all das Vermögen zuwenden wollte, und der Böse gab es ihr ein, daß sie dem kleinen Jungen ganz gram wurde, und sie stieß ihn aus einer Ecke in die andere, und puffte ihn hier und knuffte ihn dort, so daß das arme Kind immer in Angst war. Wenn er dann aus der Schule kam, so hatte er keinen Platz, wo man ihn in Ruhe gelassen hätte. Einmal war die Frau in die Kammer hoch gegangen; da kam die kleine Tochter auch herauf und sagte: "Mutter, gib mir einen Apfel." "Ja, mein Kind", sagte die Frau und gab ihr einen schönen Apfel aus der Kiste; die Kiste aber hatte einen großen schweren Deckel mit einem großen scharfen eisernen Schloß. "Mutter", sagte die kleine Tochter, "soll der Bruder nicht auch einen haben?" Das verdroß die Frau, doch sagte sie: "Ja, wenn er aus der Schule kommt." Und als sie ihn vom Fenster aus gewahr wurde, so war das gerade, als ob der Böse in sie gefahren wäre, und sie griff zu und nahm ihrer Tochter den Apfel wieder weg und sagte: "Du sollst ihn nicht eher haben als der Bruder." Da warf sie den Apfel in die Kiste und machte die Kiste zu. Der kleine Junge kam in die Tür; da gab ihr der Böse ein, daß sie freundlich zu ihm sagte: "Mein Sohn, willst du einen Apfel haben?" und sah ihn so jähzornig an. "Mutter", sagte der kleine Junge, "was siehst du so gräßlich aus! Ja, gib mir einen Apfel!" "Komm mit mir", sagte sie und machte den Deckel auf, "hol dir einen Apfel heraus!" Und als der kleine Junge sich hineinbückte, da riet ihr der Böse; bratsch! schlug sie den Deckel zu, daß der Kopf flog und unter die roten Äpfel fiel. Da überlief sie die Angst, und sie dachte: "Könnt ich das von mir bringen!" Da ging sie hinunter in ihre Stube zu ihrer Kommode und holte aus der obersten Schublade ein weißes Tuch und setzt den Kopf wieder auf den Hals und band das Halstuch so um, daß man nichts sehen konnte und setzt ihn vor die Türe auf einen Stuhl und gab ihm den Apfel in die Hand. Danach kam Marlenchen zu ihrer Mutter in die Küche. Die stand beim Feuer und hatte einen Topf mit heißem Wasser vor sich, den rührte sie immer um. "Mutter", sagte Marlenchen, "der Bruder sitzt vor der Türe und sieht ganz weiß aus und hat einen Apfel in der Hand. Ich hab ihn gebeten, er soll mir den Apfel geben, aber er antwortet mir nicht; das war mir ganz unheimlich." "Geh noch einmal hin", sagte die Mutter, "und wenn er dir nicht antwortet, dann gib ihm eins hinter die Ohren." Da ging Marlenchen hin und sagte: "Bruder, gib mir den Apfel!" Aber er schwieg still; da gab sie ihm eins hinter die Ohren. Da fiel der Kopf herunter; darüber erschrak sie und fing an zu weinen und zu schreien und lief zu ihrer Mutter und sagte: "Ach, Mutter, ich hab meinem Bruder den Kopf abgeschlagen", und weinte und weinte und wollte sich nicht zufrieden geben. "Marlenchen", sagte die Mutter, "was hast du getan! Aber schweig nur still, daß es kein Mensch merkt; das ist nun doch nicht zu ändern, wir wollen ihn in Sauer kochen." Da nahm die Mutter den kleinen Jungen und hackte ihn in Stücke, tat sie in den Topf und kochte ihn in Sauer. Marlenchen aber stand dabei und weinte und weinte, und die Tränen fielen alle in den Topf, und sie brauchten kein Salz. Da kam der Vater nach Hause und setzte sich zu Tisch und sagte: "Wo ist denn mein Sohn?" Da trug die Mutter eine große, große Schüssel mit Schwarzsauer auf, und Marlenchen weinte und konnte sich nicht halten. Da sagte der Vater wieder: "Wo ist denn mein Sohn?" "Ach", sagte die Mutter, "er ist über Land gegangen, zu den Verwandten seiner Mutter; er wollte dort eine Weile bleiben." "Was tut er denn dort? Er hat mir nicht mal Lebewohl gesagt!" "Oh, er wollte so gern hin und bat mich, ob er dort wohl sechs Wochen bleiben könnte; er ist ja gut aufgehoben dort." "Ach", sagte der Mann, "mir ist so recht traurig zumute; das ist doch nicht recht, er hätte mir doch Lebewohl sagen können." Damit fing er an zu essen und sagte: "Marlenchen, warum weinst du? Der Bruder wird schon wiederkommen." "Ach Frau", sagte er dann, "was schmeckt mir das Essen schön! Gib mir mehr!" Und je mehr er aß, um so mehr wollte er haben und sagte: "Gebt mir mehr, ihr sollt nichts davon aufheben, das ist, als ob das alles mein wäre." Und er aß und aß, und die Knochen warf er alle unter den Tisch, bis er mit allem fertig war. Marlenchen aber ging hin zu ihrer Kommode und nahm aus der untersten Schublade ihr bestes seidenes Tuch und holte all die Beinchen und Knochen unter dem Tisch hervor und band sie in das seidene Tuch und trug sie vor die Tür und weinte blutige Tränen. Dort legte sie sie unter den Machandelbaum in das grüne Gras, und als sie sie dahin gelegt hatte, da war ihr auf einmal ganz leicht, und sie weinte nicht mehr. Da fing der Machandelbaum an, sich zu bewegen, und die Zweige gingen immer so voneinander und zueinander, so recht, wie wenn sich einer von Herzen freut und die Hände zusammenschlägt. Dabei ging ein Nebel von dem Baum aus, und mitten in dem Nebel, da brannte es wie Feuer, und aus dem Feuer flog so ein schöner Vogel heraus, der sang so herrlich und flog hoch in die Luft, und als er weg war, da war der Machandelbaum wie er vorher gewesen war, und das Tuch mit den Knochen war weg. Marlenchen aber war so recht leicht und vergnügt zumute, so recht, als wenn ihr Bruder noch lebte. Da ging sie wieder ganz lustig nach Hause, setzte sich zu Tisch und aß. Der Vogel aber flog weg und setzte sich auf eines Goldschmieds Haus und fing an zu singen:
Der Goldschmied saß in seiner Werkstatt und machte eine goldene Kette; da hörte er den Vogel, der auf seinem Dach saß und sang, und das dünkte ihn so schön. Da stand er auf, und als er über die Türschwelle ging, da verlor er einen Pantoffel. Er ging aber so recht mitten auf die Straße hin, mit nur einem Pantoffel und einer Socke; sein Schurzfell hatte er vor, und in der einen Hand hatte er die goldene Kette, und in der anderen die Zange; und die Sonne schien so hell auf die Straße. Da stellte er sich nun hin und sah den Vogel an. "Vogel", sagte er da, "wie schön kannst du singen! Sing mir das Stück noch mal!" "Nein", sagte der Vogel, "zweimal sing ich nicht umsonst. Gib mir die goldene Kette, so will ich es dir noch einmal singen." "Da", sagte der Goldschmied, "hast du die goldene Kette; nun sing mir das noch einmal!" Da kam der Vogel und nahm die goldene Kette in die rechte Kralle, setzte sich vor den Goldschmied hin und sang:
Da flog der Vogel fort zu einem Schuster, und setzte sich auf sein Dach und sang:
Der Schuster hörte das und lief in Hemdsärmeln vor seine Tür und sah zu seinem Dach hinauf und mußte die Hand vor die Augen halten, daß die Sonne ihn nicht blendete. "Vogel", sagte er, "was kannst du schön singen." Da rief er zur Tür hinein: "Frau, komm mal heraus, da ist ein Vogel; sieh doch den Vogel, der kann mal schön singen." Dann rief er noch seine Tochter und die Kinder und die Gesellen, die Lehrjungen und die Mägde, und sie kamen alle auf die Straße und sahen den Vogel an, wie schön er war; und er hatte so schöne rote und grüne Federn, und um den Hals war er wie lauter Gold, und die Augen blickten ihm wie Sterne im Kopf. "Vogel", sagte der Schuster, "nun sing mir das Stück noch einmal!" "Nein", sagte der Vogel, "zweimal sing ich nicht umsonst, du mußt mir etwas schenken." "Frau", sagte der Mann, "geh auf den Boden, auf dem obersten Wandbrett, da stehen ein paar rote Schuh, die bring mal her!" Da ging die Frau hin und holte die Schuhe. "Da, Vogel", sagte der Mann, "nun sing mir das Lied noch einmal!" Da kam der Vogel und nahm die Schuhe in die linke Kralle und flog wieder auf das Dach und sang:
Und als er ausgesungen hatte, da flog er weg; die Kette hatte er in der rechten und die Schuhe in der linken Kralle, und er flog weit weg, bis zu einer Mühle, und die Mühle ging: Klippe klappe, klippe klappe, klippe klappe. Und in der Mühle saßen zwanzig Mühlknappen, die klopften einen Stein und hackten: Hick hack, hick hack, hick hack; und die Mühle ging klippe klappe, klippe klappe, klippe klappe. Da setzte sich der Vogel auf einen Lindenbaum, der vor der Mühle stand und sang: "Mein Mutter, der mich schlacht", da hörte einer auf; "mein Vater,der mich aß", da hörten noch zwei auf und hörten zu; "mein Schwester, der Marlenichen" da hörten wieder vier auf; "sucht alle meine Benichen, bindt sie in ein seiden Tuch", nun hackten nur acht; "legt’s unter", nun nur noch fünf; "den Machandelbaum", nun nur noch einer; "Kiwitt, kiwitt, wat vör’n schöön Vagel bün ik!" Da hörte der letzte auch auf, und er hatte gerade noch den Schluß gehört. "Vogel", sagte er, "was singst du schön!" Laß mich das auch hören, sing mir das noch einmal!" "Nein", sagte der Vogel, "zweimal sing ich nicht umsonst; gib mir den Mühlenstein, so will ich das noch einmal singen." "Ja", sagte er, "wenn er mir allein gehörte, so solltest du ihn haben." "Ja", sagten die anderen, "wenn er noch einmal singt, so soll er ihn haben." Da kam der Vogel heran und die Müller faßten alle zwanzig mit Bäumen an und hoben den Stein auf, hu uh uhp, hu uh uhp, hu uh uhp! Da steckte der Vogel den Hals durch das Loch und nahm ihn um wie einen Kragen und flog wieder auf den Baum und sang:
Und als er das ausgesungen hatte, da tat er die Flügel auseinander und hatte in der rechten Kralle die Kette und in der linken die Schuhe und um den Hals den Mühlenstein, und flog weit weg zu seines Vaters Haus. In der Stube saß der Vater, die Mutter und Marlenchen bei Tisch, und der Vater sagte: "Ach, was wird mir so leicht, mir ist so recht gut zumute." "Nein", sagte die Mutter, "mir ist so recht angst, so recht, als wenn ein schweres Gewitter käme." Marlenchen aber saß und weinte und weinte. Da kam der Vogel angeflogen, und als er sich auf das Dach setzte, da sagte der Vater: "Ach, mir ist so recht freudig, und die Sonne scheint so schön, mir ist ganz, als sollte ich einen alten Bekannten wiedersehen!" "Nein", sagte die Frau, "mir ist angst, die Zähne klappern mir und mir ist, als hätte ich Feuer in den Adern." Und sie riß sich ihr Kleid auf, um Luft zu kriegen. Aber Marlenchen saß in der Ecke und weinte, und hatte ihre Schürze vor den Augen und weinte die Schürze ganz und gar naß. Da setzte sich der Vogel auf den Machandelbaum und sang:
Da hielt sich die Mutter die Ohren zu und kniff die Augen zu und wollte nicht sehen und hören, aber es brauste ihr in den Ohren wie der allerstärkste Sturm und die Augen brannten und zuckten ihr wie Blitze.
"Ach Mutter", sagte der Mann, "da ist ein schöner Vogel, der singt so herrlich und die Sonne scheint so warm, und das riecht wie lauter Zinnamom."
Da legte Marlenchen den Kopf auf die Knie und weinte in einem fort. Der Mann aber sagte: "Ich gehe hinaus; ich muß den Vogel in der Nähe sehen." "Ach, geh nicht", sagte die Frau, "mir ist, als bebte das ganze Haus und stünde in Flammen." Aber der Mann ging hinaus und sah sich den Vogel an.
Damit ließ der Vogel die goldene Kette fallen, und sie fiel dem Mann gerade um den Hals, so richtig herum, daß sie ihm ganz wunderschön paßte. Da ging er herein und sagte: "Sieh, was ist das für ein schöner Vogel, hat mir eine goldene Kette geschenkt und sieht so schön aus." Der Frau aber war so angst, daß sie lang in die Stube hinfiel und ihr die Mütze vom Kopf fiel. Da sang der Vogel wieder:
"Ach, daß ich tausend Klafter unter der Erde wäre, daß ich das nicht zu hören brauchte!"
Da fiel die Frau wie tot nieder.
"Ach", sagte Marlenchen, "ich will doch auch hinausgehen und sehn, ob mir der Vogel etwas schenkt?" Da ging sie hinaus.
Da warf er ihr die Schuhe herunter.
Da war ihr so leicht und fröhlich. Sie zog sich die neuen roten Schuhe an und tanzte und sprang herein. "Ach", sagte sie, "mir war so traurig, als ich hinausging, und nun ist mir so leicht. Das ist mal ein herrlicher Vogel, hat mir ein Paar rote Schuhe geschenkt!" "Nein", sagte die Frau und sprang auf, und die Haare standen ihr zu Berg wie Feuerflammen, "mir ist, als sollte die Welt untergehen; ich will auch hinaus, damit mir leichter wird." Und als sie aus der Tür kam, bratsch! warf ihr der Vogel den Mühlstein auf den Kopf, daß sie ganz zerquetscht wurde. Der Vater und Marlenchen hörten das und gingen hinaus. Da ging ein Dampf und Flammen und Feuer aus von der Stätte, und als das vorbei war, da stand der kleine Bruder da, und er nahm seinen Vater und Marlenchen bei der Hand und waren alle drei so recht vergnügt und gingen ins Haus, setzten sich an den Tisch und aßen.
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