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Eskimo MärchenDie Bärengeschichteübersetzt von Paul Sock (Grafik: Geraldine Morgan) |
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Vor langer Zeit fand einmal
eine Frau einen zwei bis drei Tage alten Bären. Da sie so einen Liebling
schon lange vermißt hatte, widmete sie ihm ihre innigste Fürsorge,
als ob es ihr eigener Sohn wäre, hätschelte ihn, machte ihm
neben ihrem eigenen ein weiches, warmes Bett zurecht und sprach mit ihm
wie eine Mutter mit ihrem Kind. Sie hatte keine lebenden Anverwandte mehr
und bewohnte mit dem Bären allein das Haus. Als Kunikdjuaq herangewachsen
war, bewies er der Frau, daß sie ihn nicht umsonst erzogen hatte,
denn er begann bald Seehunde und Lachse zu jagen, die er, bevor er selbst
davon aß, seiner Mutter brachte, und erst aus ihren Händen
empfing er seinen Anteil davon. Auf einer Hügelspitze wartete sie
immer auf seine Rückkehr und wenn sie sah, daß er kein Glück
gehabt hatte, bettelte sie bei den Nachbarn um Walfischspeck für
ihn. Sie konnte das von ihrem Ausguck aus beobachten, denn wenn er Erfolg
gehabt, kam er in derselben Spur zurück, die er beim Auszug gemacht
hatte, wenn er aber keinen Erfolg gehabt hatte — immer auf einer
anderen. Da er die Inuit auf der Jagd zu übertreffen wusste, erregte
er ihren Neid und so wurde nach langen Jahren treuen Dienstes sein Tod
beschlossen. Als die alte Frau das hörte, erbot sie sich, von Gram
überwältigt, ihr eigenes Leben herzugeben, wenn dafür nur
der verschont wurde, der sie so lange erhalten hatte. Ihr Angebot wurde
kurzweg abgewiesen. Als sich alle seine Feinde in ihre Hütten zurückgezogen
hatten, hielt die Frau mit ihrem Sohn, der jetzt schon zu Jahren gekommen
war, ein langes Gespräch und sagte ihm, daß böse Männer
darauf aus wären ihn umzubringen, und daß es für ihn nur
eine Möglichkeit gebe, sein und ihr Leben zu retten, nämlich
auf und davonzugehen und nicht mehr zurückzukommen. Zugleich bat
sie ihn aber, sich nicht weiter zu entfernen, als daß sie weggehen
und ihn treffen könnte, um einen Seehund und sonst dergleichen, was
sie brauche, zu bekommen. Nachdem der Bär auf das gehört, was
sie ihm unter Tränen, die auf ihre runzeligen Wangen fielen, gesagt
hatte, legte er freundlich seine großen Tatzen auf ihren Kopf, umschlang
dam ihren Nacken und sagte: "Gute Mutter, Kunikdjuaq wird immer
auf Ausschau sein nach dir und dir, so gut er kann, dienen." Nachdem
er das gesagt, befolgte er ihren Rat und ging zum Kummer der Dorfkinder
und der Mutter fort. |