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Es waren einmal sieben Schwaben,
die wollten große Helden sein und auf Abenteuer wandern durch die
ganze Welt. Damit sie aber ein gut Gewaffen hätten, zogen sie zunächst
in die weltberühmte Stadt Augsburg und gingen sogleich zu dem geschicktesten
Meister allda, um sich mit Wehr und Waffen zu versehen. Denn sie hatten
nichts Geringeres im Sinne, als das gewaltige Ungetüm zu erlegen,
das zur selben Zeit in der Gegend des Bodensees gar übel hausete.
Der Meister staunte schier, als er die sieben sah, öffnete aber flugs
seine Waffenkammer, die für die wackeren Gesellen eine treffliche
Auswahl bot. "Bygott!" rief der Allgäuer, "send des
au Spieß? So oaner wär mer grad reacht zume Zahnstihrer. For
mi ischt e Spieß von siebe Mannslengen noh net lang gnueg."
- Drob schaute ihn der Meister wiederum an mit einem Blick, der den Allgäuer
beinahe verdroß. Denn dieser lugte zurück mit grimmigen Augen,
und bei einem Haar hätt's etwas gegeben, wenn der Blitzschwab nicht
just zur rechten Zeit sich ins Mittel gelegt. "Hotz Blitz!"
rief er, "du hoscht Reacht und i merk doin Maining: Wie älle
siebe for oin, so for älle siebe noh oin Spieß." Dem Allgäuer
war dies nicht ganz klar, aber weil's den andern just eben recht, so sagte
er: "Joh." Und der Meister fertigte in weniger als einer Stunde
den Spieß, der sieben Mannslängen maß. - Ehe sie aber
die Werkstatt verließen, kaufte sich jeder noch etwas Apartes, der
Knöpflesschwab einen Bratspieß, der Allgäuer einen Sturmhut
mit einer Feder drauf, der Gelbfüßler aber Sporen für
seine Stiefel, indem er bemerkte: solche seien nicht nur gut zum Reiten,
sondern auch zum Hintenausschlagen. Als der Seehaas sich endlich einen
Harnisch gewählt, pflichtete ihm der Spiegelschwab in solcher Vorsicht
vollkommen bei, meinte aber, es sei besser, den Harnisch hinten als vorn
anzulegen. Und kaufte sich ein altes Barbierbecken aus der Rumpelkammer
des Meisters, groß genug, um seine untere Kehrseite zu bedecken.
"Merk's: han i Curasche und gang i voran, noh brauch i koan Harnisch,
goht's aber hintersche und fällt mer d'Curasche anderswohnah, noh
ischt der Harnisch an seinn reachte Blatz."
Und nachdem die sieben Schwaben wie ehrliche Leute alles richtig bis auf
Heller und Pfennig bezahlt, auch als gute Christen bei St. Ulrich eine
Messe gehört und zuletzt noch beim Metzger am Göppinger Tore
gute Augsburger Würste eingekauft hatten, so zogen sie zum Tor hinaus
ihres Weges weiter. Den Spieß aber hielten sie alle sieben und gingen
in einer Reihe hinter einander, daß sie schier aussahen, wie angespießte
Lerchen. Voran ging der Herr Schulz, der Allgäuer, als der mannlichste
unter ihnen, dann kam der Jockele, genannt der Seehaas, hierauf der Marle,
genannt der Nestelschwab, dem folgte der Jerkle, war der Blitzschwab geheißen,
hernach ging der Michel, Spiegelschwab zubenamset, dann kam der Hans,
Knöpflesschwab, und zuletzt kam Veitle, das war der Gelbfüßler.
Der Herr Schulz wurde der Allgäuer geheißen, weil er aus Allgau
gebürtig war; der Seehaas hatte am Bodensee gesessen; der Nestelschwab
führte darum seinen Namen, weil er statt der Knöpfe Nesteln
hatte, er mußte aber bei den Hosen fast immer mit der Hand nachhelfen
und halten, dieweil die Nesteln oftmalen abgerissen waren. Der Blitzschwab
hieß also, weil er sich die Redensart: "Hotz Blitz!" angewöhnt
hatte. Der Spiegelschwab hatte die Gewohnheit, seine Nase allezeit an
dem Vorderteil seiner Jacke abzuputzen, die davon einen gewissen Spiegelglanz
annahm; das schaffte jenem den saubern Namen. Knöpflesschwab war
ein Mann, der verstand gute Knöpfle oder Spätzle zu kochen,
das ist im baierischen Deutsch Knötel, und im sächsischen Deutsch
Klöße. Der Gelbfüßler endlich war aus der Bopfinger
Landschaft, deren Einwohner die Umwohner Gehlfießler schimpfen.
Darum, daß sie einstmals einen Wagen voll Eier, den sie ihrem Herzog
als Abgabe bringen müssen, recht voll stampfen wollen, und die Eier
mit den Füßen festgetreten, davon denn die Eier etwas weniges
zerbrochen, und die Füße der Bopfinger gegilbt hätten.
Zogen nun die Sieben allesamt gutes Mutes mit ihrem Spieß dahin,
kamen eines Heumondtages in der späten Dämmerung über eine
grüne Wiese, da hob sich eine Horniß nicht weit von ihnen mit
feindlichem Gebrummel hinter einer Dornhecke hervor, und flog vorüber.
Darob erschrak der Schulz, Allgäuer, mächtiglich, und begann
Angstschweiß zu schwitzen, und schrie seinen Kriegsgesellen zu:
"Horchet! der Feind drommelt schoh!" Da schmeckte der Jockele,
der dicht hinter dem Schulzen ging, einen übeln Geruch und rief:
"Wohl! wohl! 's ist ebbes in der Näche! I schmeck schaun 's
Pulver!" Da nahm der Herr Schulz Reißaus, ließ den Spieß
fahren und sprang über einen Zaun, kam aber gerade auf die Zinken
eines Rechens zu springen, und da fuhr ihm der Stiel ins Gesicht und gab
ihm einen ungewaschnen Schlag. Der Schulz vermeinte, der Feind haue auf
ihn ein, und schrie: "Gieb Bardohn! i ergeb me." Die andern
sechs waren nachgesprungen über den Zaun, und da sie ihren Anführer
also schreien hörten, so schrien sie alle: "Ergibscht du de,
noh ergeb i me au! Ergibscht du de, noh ergeb i me au!" Aber es war
niemand vorhanden, der die sieben Schwaben gefangen nehmen wollte; und
da sie das merkten, schämten sie sich ihrer wenigen Herzhaftigkeit
und verschwuren sich, diese ihre erste Heldentat nicht weiter zu erzählen.
Weiter so kamen die sieben Schwaben auf ihrem Zuge in einen Hohlweg, und
wie sie so tapfer darauf losmarschierten, merkten sie nicht, daß
ein großmächtiger Bär im Wege lag, bis der Allgäuer
fast mit der Nase an ihn stieß. Als er ihn nun sah, war er hin vor
Schreck, stolperte und stieß mit dem Spieße geradezu auf den
Bären los, wozu er aber nichts konnte, und schrie dazu gottsjämmerlich:
"E Bär! E Bär!" Vermeinte, sein letztes Brot wäre
gebacken und bereits verzehrt. Doch rührte sich der Bär nicht,
dieweil er maustot war. Des war der Allgäuer hoch erfreut, schaute
nun nach seinen Brüdern, und sah mit neuem Schreck, daß alle
mäusleinstill für tot auf dem Boden lagen, meinte, er habe sie
gar mit dem Spieße hinterrücks erstochen, und erhub ein Wehegeschrei.
Als die am Boden Liegenden vermerkten, daß der Bär den Allgäuer
nicht aufgefressen, denn sie waren nur vor Schreck dahin gepurzelt, lugten
sie vorsichtig in die Höh, und wie sie sahen, daß der Bär
tot war, erhoben sie sich frisch und gesund, traten um den Bären
herum und auf ihn, und untersuchten, wie tief wohl die Wunde sei, die
der Spieß ihm beigebracht, fanden aber keine, und der Blitzschwab
sagte: "Hotz Blitz! Der Bär ischt verreckt und schoh lang tot!"
- "Joh Joh", sprach der Jockele, "mer schmeckt de Brohde."
Wurden eins, dem Bär das Fell abzuziehen und als Siegeszeichen mit
sich zu führen, das Aas aber liegen zu lassen. "Jetzt kennet
d'Schoof de Bäre fresse, wie er d'Schoof gfresse hod!" sprach
einer unter ihnen, und so zogen sie fürbaß mit ihrem Bärenfell
und ihrem Spieß.
Kamen nun just in einen Wald und gerieten tiefer und tiefer in die Stauden
hinein, bis sie darin stecken blieben. Die Bäume standen zuletzt
so dicht, daß des Fortkommens kein Gedanke war, bis der Allgäuer
endlich vor einem derben Stamme stehen blieb, den Spieß erhob und
wie ein Löw brüllte: "Bygott! durch muß e."
Sprach's und rannte den Spieß mit solcher Gewalt zur Seite des Baums
in den Boden, daß der Knöpflesschwab zwischen Baum und Spieß
eingeklemmt wurde, wie ein Treibkeil, und sich weder rühren noch
regen konnte. Und das war eben kein Kinderspiel, denn jetzt stockte der
Zug vollends, konnte keiner vor- noch rückwärts. Zwar machten
die Gesellen einige mächtige Versuche, den Knöpflesschwab aus
der Klemme herauszuziehen, aber es war eitel Mühen: der Hans saß
fest und wankte nicht. Da war es plötzlich, als ob dem Allgäuer
ein großer Gedanke durch das Hirn dämmerte; er lugte um sich
und rief: "Bygott! i mießt 's Teufels sei, wenn mer Gott et
helfe tät!" Und er sagte: "Hui Ochs!" und packte den
Baum mit gewaltiger Faust und riß ihn heraus samt Wurzel, Stumpf
und Stiel. Der Knöpflesschwab, mehr tot als lebendig, schnellte heraus
just wie der Ball beim Pritschenschlagen, flog sechs Klafter himmelanwärts
und plumpte hernieder, daß die Erde drob wackelte. Die fünf
andern aber schauten gar ehrerbietig zu dem Allgäuer empor, denn
erst jetzt ging ihnen ein Licht auf, welchen Fund sie an dem Herrn Schulz
getan.
Um ein weniges weiter, zeigte sich's abermals, daß der Allgäuer
das Herz nicht im Sprungriemen trug, denn als die sieben sich aus den
Stauden herausgefunden, kam ein Bräuer aus München des Wegs,
der trieb ein Rudel Borstenvieh vor sich her und man konnt's ihm auf hundert
Schritt ansehen, wes Landes Kind er war. Blieb groß und breit stehen,
als er die sieben mit dem Spieß erblickte und zog ein Gesicht, als
wollt er die wackern Leut auslachen. Gleich war der Blitzschwab vor ihn
her und fragte protzig: "Was luegscht Gsell? hoscht du noh koan Schwohbe
gseah?" - "O genug", gab jener zurück, "bei mir
daheim auf der Malzdarre laufen sie zu Tausenden herum." Meinte spottweise
die schwarzen Käfer, also geheißen, weiß keine Menschenseele
warum. Das war genug, um dem Blitzschwab, der zu Zeiten giftig war, wie
ein Maifrosch, die Laus über den Grind laufen zu lassen. Machte sich
an den Baier heran, und gab ihm flugs eine Watschel, daß jenem die
Augen hell aufblitzten und die Ohren summten just eben so, wie die große
Horniß. Der Baier, nicht faul, langte mit den Armen weitmächtig
aus, um dem Schwäblein auch eine zu versetzen; und es wär auch
eine gewesen, an die er sein Lebtag gedacht hätte. Nun war aber der
Blitzschwab ein putziges Kerlchen, drehte sich auf einem Beine siebenmal
herum, und hatte sein Lebtag nichts besser gelernt, als das Ausreißen.
So kam es, daß der Baier gar mächtiglich in die Luft schlug,
sich um und um drehte wie ein Kreisel, stolperte und zu Boden stürzte
wie ein Wiesbaum. Das half ihm zum Garaus; der Blitzschwab stürzte
über ihn her wie ein Queckenhamster und packte ihn an der Gurgel,
während die andern Hände und Füße hielten und lustig
darauf lostrommelten. Er wäre ihrer aber doch letztlich noch Herr
geworden, weil er ein großer starker Kerl war, wäre nicht auch
der Allgäuer über ihn hergefallen, wie ein Maltersack. Da mußte
er Abbitte tun, wohl oder übel, denn das Häufein ließ
nicht eher locker und ledig.
Und es geschah, daß die guten Gesellen auf ihrer Weiterreise an
einen weiten blauen See kamen, so dünkete es ihnen, denn es war alleweil
etwas dämmerig geworden, der schlug Wellen im Wind, und droben an
seinem Abhang standen die sieben Schwaben und lugten hinunter, wie sie
wohl am geschwindesten über diesen See kommen möchten. Es war
aber kein Wasser da drunten, sondern ein Feld voll Flachses, der so recht
in seiner schönsten, blauen Blüte stand.
"Hotz Blitz!" rief der Blitzschwab, "was ischt doh z' tuan?
Über des wild Wasser müßet mer nüber."
"Allgäuer, trag du es nüber, wie der hoilich Krischdof
ed Pilgersleut", sagte der Seehaas. - "Bygott!" antwortete
der Allgäuer, "ins Wasser gieng i wohl, wenn's net tiefer gieng
als an de Hals." Der Nestelschwab griff mit der Hand an seinen Hosenbund,
das edle Kleidungsstück fest zu halten, daß es ihm nicht entfalle,
während er mit der andern Hand schwimmen täte; dem Knöpflesschwab
war das Ding gar nicht einerlei, er lugte scharf, ob kein Haifisch, Wallfisch
oder Krokodil im Wasser brause; und so standen auch die andern ganz verlegen
da, bis der Blitzschwab sich hinter ihnen herumdrückte und ein Paar
hinunterstieß, indem er ausrief: "Frisch gwohgt ischt halb
gschwomme." Da die nicht untersanken, faßte sich auch der Gelbfüßler
ein Herz und tat einen Hupf hinunter; ihm folgte der Blitzschwab und der
Nestelschwab mit besserem Vertrauen, und zuletzt ritt der Allgäuer
auf dem Spieße hinab, und plumpte drunten einer auf den andern,
bis sie merkten, daß sie mit der Nase ins Feld gefallen waren, und
allgemach mit etwas gequetschten Rippen sich wieder aufmachten, den Spieß
auffischten und an ihm wiederum fürbaß schritten.
Bis zur Stunde hatten die sieben einträchtig an dem Spieße
gehalten, war weder Unrecht noch Unfried zwischen ihnen vorgekommen. Da
kam der böse Feind und säete Zwietracht zwischen dem Blitzschwab
und dem Spiegelschwab mitten hinein. Das trug sich folgendermaßen
zu. Als die Schar ein gut Stück weiter kam, war es schon Nacht und
der Mond ging eben auf. Da wurde es dem Spiegelschwab wunderlich zu Mute,
just wie daheim und meinte: "Jetzt hent mers gwonne, Memmenge ischt
nemme weit." Lugt ihn der Blitzschwab verwundert an und fragt, wie
er das wissen könne. Der Spiegelschwab lachte pfiffig: "Werd
joh doch de Memmenger Mond kenne." Drob lachte jener, daß ihm
das Wasser aus den Augen rannte, und schrie: "Hotz Blitz! Gsell,
wie bischt du so blitzdumm!" Nun vertrug zwar der Spiegelschwab einen
derben Puff, hatten ihn oft schon kurz und lang geheißen, aber für
dumm gelten wollte er nicht. Das war so eben seine empfindliche Seite.
Dies kaum gesagt, hatte der Blitzschwab daher auch schon seine Dachtel.
Fuhren nun zusammen die beiden, gerade wie ein paar Metzgerhunde und draschen
sich schier um die Wette, den andern zur Kurzweil, bis endlich der Seehaas
den Allgäuer bat, Frieden zu stiften. Der ließ sich nicht lange
bitten, sondern packte sogleich den Blitzschwaben am Hosenbündel
und hielt ihn in der Luft, wie einen Frosch; er mochte zappeln, wie er
wollte. Inzwischen ließ der Spiegelschwab nicht nach, den Blitzschwaben
aufs Brett zu klopfen; daher ergriff der Allgäuer auch diesen und
hielt ihn am Leibe unter der Gurgel so steif und fest, daß er bockstarr
da stand und nicht mucksen konnte. "Bygott!" rief der Herr Schulz,
"i will euch Mores lehre, ihr donnderschlechtige Strohlkerie."
Schüttelte den einen und drosselte den andern immer ärger und
ärger, bis sie endlich einander das Wort gegeben, daß sie wieder
gut Freund sein wollten, was sie denn auch geblieben von der Zeit an bis
an ihren Tod.
Es wies sich auch bald aus, daß der Spiegelschwab gar nicht so dumm
gewesen, wie der Blitzschwab allermeist geglaubt, denn als sie zwei Viertelstunden
Weges gegangen, kamen sie richtig nach Memmingen, wie jener aus dem Monde
prophezeit. Aber als ob just dieses Städtlein dem Spiegelschwaben
heut nur Unglück bringen sollte, so geschah es alsbald wieder, daß
es dem Armen zu Haut und Haaren ging. "Durch Memmenge ganget mer
net", hatte er gesagt und als man ihn ob der Ursache gefragt, hatte
er den Kopf geschüttelt und gemeint, er wisse das selbst am besten!
Gingen deshalb ringsum die Stadtmauer, die sieben, um just am andern Ende
wieder die Heerstraße zu gewinnen. Aber da hat sich's denn wiederum
augenfällig gezeigt, daß der Mensch seinem Schicksal nicht
entgehen könne. Denn ehe sich's der Spiegelschwab versehen, sprang
aus einem Hopfengarten ein Weib auf ihn zu, eine rechte Runkunkel, und
schrie in einem Ton, der durch Mark und Bein ging: "Bischt endlich
wieder doh, du Schlingel? Wo bischt so lang rumkalfaktert, du Galgenstrick?"
Dem Spiegelschwab wurde es grün und gelb vor den Augen und vermeinte,
sein Ende sei gekommen, denn die Alte war niemand anders, als seine liebwerte
Ehehälfte, die er mir nichts dir nichts sitzen gelassen, als er hinausgezogen
war mit den andern Gesellen auf die Wanderschaft. Hier galt's, nicht lange
zu überlegen, war daher flugs mit einem Satze hinüber in die
Hopfengärten zum großen Jubel der andern, die schier bersten
wollten vor Lachen. Aber die Alte, schnell wie eine Bachstelze auf den
spindeldürren Füßen, war hurtig hinterdrein und es hätte
wohl einen argen Strauß gegeben zwischen den beiden, wenn dem Spiegelschwaben
nicht gerade zu guter Stunde ein Schelmenstückchen eingefallen wäre.
Er hatte nichts zu tragen, weil er nichts hatte als das Bärenfell;
das tat ihm nun guten Dienst. Eilig warf er es über den Kopf, schlüpfte
behend in die Tatzen und lief nun auf allen vieren, nicht anders als ein
leibhaftiger Bär, rannte brummend auf das Weib zu, umfing sie mit
den scharfen Krallen und drückte und herzte sie, daß ihr Hören
und Sehen verging. Die Alte war froh, als sie dem Schalk entronnen, der
nun freudig mit den andern von dannen zog. Von Stund an aber schreibt
sich der Brauch, daß böse Männer von ihren Ehehälften
gar häufig Brummbären genannt werden.
"Uf Leid folgt Freid!" rief der Allgäuer und zeigte nach
dem Leutkircher Tor, wo ein Wirtshaus stand, über dessen Tür
zu lesen war: "Hier schenkt man Märzenbier aus!" War keiner
unter den sieben, der nicht gern einen Trunk Bier geschenkt genommen hätte,
richteten daher im Nu ihre Schritte nach dem Wirtshaus und langten mit
dem Spieße in der Hausflur an, in demselben Augenblick, als der
dicke Bräuer vor die Tür trat, nach dem Wetter auszulugen. Als
der die Schar erblickte mit dem furchtbaren Spieß, wurde es ihm
eben nicht warm ums Herz, zog aber schnell sein Käppchen und fragte
höflich nach ihrem Begehr. "Se wellet e bißle sei Bierbrobiere",
sagte der Allgäuer und schritt schnurstracks mit den Gesellen in
die Zechstube. Da ward's dem Wirt klar, daß die Gesandtschaft mit
dem Spieße abgeschickt sei von der schwäbischen Kreisregierung,
wie wohl zu Zeiten geschieht, um das Bier zu kosten und zu prüfen,
ob es preiswürdig sei. Rannte daher spornstreichs in den Keller und
holte ein Körble vom Besten herauf, wie er nur für sich und
seine Leute gebraut. Das Körble war leer im Umsehen, das zweite in
noch kürzerer Zeit, und als die sieben in weniger als zwei Stunden
nahe an einen halben Eimer getrunken, meinte der Wirt, er sehe, daß
es ihnen schmecke. Der Blitzschwab aber, der immer das Maul vorweg hatte,
sagte; "'s kennt besser sei, wenn net z'wenig Malz und Hopfe drin
wär." "Das ist nicht wahr", versetzte der Wirt, der
ein Schalk war, "Hopfen und Malz ist nicht zu wenig darin, aber zu
viel Wasser." Da merkte der Blitzschwab, daß er seinen Mann
gefunden, trank noch ein Mäßle und sagte den Spruch, der ihm
einfiel:
"In Langesalz, in Langesalz
(kennt au Memmenge hoiße, sagte er)
Braut mer drui Bier aus oinem Malz,
Es erschte hoißet se de Kern,
Des drinket d' Burgemoischter gern,
Es andre hoißt es Mittelbier,
Des setzt mer de gmoane Leud fir;
Es dritt des hoißt Covent,
Drink di potz Sapperment!"
Zogen dann allesamt fürbaß
und der Wirt in Memmingen schwört heute noch Stein und Bein, daß
das Häuflein nichts anders gewesen, als des Memminger Kreises Oberbierbeschauer.
"Uf Leid folgt Freid!" hatte der Allgäuer gesagt, ohne
zu bedenken, daß das weise Sprüchlein umgekehrt sich noch bei
weitem häufiger bewahrheitet. Es sollte nun einmal Regen und Sonnenschein
auf der abenteuerlichen Fahrt der sieben Gesellen fast immer abwechseln,
drum war's eben kein Wunder, daß das arme
Häuflein gar bald wieder in die Tinte geriet. Noch drehte und wirbelte
es in ihren Köpfen von dem überreichlich genossenen Märzenbier,
da harrte ihrer schon wieder das tückische Geschick. Zogen eben bei
Kronburg vorüber, da lauschte der gestrenge Herr Junker aus dem Fenster.
Mochte ihm nicht recht geheuer vorkommen mit der lustigen Schar, die auch
dem Äußern nach nicht eben allzu reputierlich einherzog. Er
rief deshalb seinen Schergen und sagte: "Lug einmal nach den Landstreichern
da drüben - scheint mir eine saubere Sippschaft zu sein." Der
Scherg nahm sieben Bullenbeißer mit sich, jeder groß genug,
um zur Not mit einem Bären kämpfen zu können, und stieg
hinab, Jagd auf die unglücklichen Schwaben zu machen. Hatte sie bald
ereilt und da der Blitzschwab schnippisch war, wie immer, machte der Haltmichfest
kurze Sache und nahm das Häuflein mit sich. Zwar wollte der Allgäuer
nicht so ohne weiteres mitgehen, als aber die Hunde gar grimmig knurrten,
da senkte er den Spieß mit den Ohren zugleich und trabte hinterdrein.
Wurden nun sämtlich vor den Junker von Kronburg geführt, der
ein strenges Verhör begann. Der Seehaas machte den Sprecher für
alle und erzählte getreulich: Wie in der Gegend am Bodensee ein schreckliches
Tier hause, und da hätten sie sich denn als brave Landsleute und
biedere Männer zusammengetan aus allen schwäbischen Gauen, um
das Land vom Ungeheuer zu befreien.
Das aber glaubte der Junker nicht, sondern blieb bei seiner Meinung, sie
seien Strolche und Diebsgesindel, und ließ sie in das Häusle,
das ist, ins Gefängnis stecken.
"So geht's in Schnitzlebutz
Heusle,
Doh singet und tanzet die Meusle
Und bellet die Schnecken im Heusle -"
hat der Blitzschwab im Häusle
gesungen, aber ganz still, wie ein Mäusle.
Es hatte aber der Junker erst Tags zuvor, da ihn das Zipperlein plagte,
den löblichen Entschluß gefaßt, ein Zuchthaus zu stiften
zum Schrecken aller Gauner und Tagediebe, zu Nutz und Frommen der Bürgerschaft
und zur Aufklärung des gemeinen Volkes. Da kamen ihm die sieben Schwaben
eben recht. Sonst war er ein gar frommer und milder Herr, der sogar seinen
eigenen Bauern nicht mehr Wolle abschor, als er eben nötig hatte,
um sich selbst warm zu kleiden. Befahl daher auch, daß man den Gefangenen
Nahrung reichen solle, so weit sie des bedürften. Der Spiegelschwab
aber, der ihn wohl kannte und wußte, daß Schmalhans in dessen
Küche und Keller hauste, legte seinen Plan darauf an, welchen er
den Gesellen mitteilte. Wie also der Scherg Mittags eine große Pfanne
voll kleiner Klöße, die sie Milchspätzle nennen, brachte,
sprach der Blitzschwab zum Knöpflesschwaben: "Die ghairet wohl
for di?" Der Scherg meinte, das sei wohl für alle genug. Der
Knöpflesschwab aber sagte, er wolle lugen, ob's für ihn lange,
setzte sich und aß die Pfanne allein aus, so daß kein Krümchen
noch Bröckchen übrig blieb. Der Scherg erschrak und lief zum
Junker, meinend, man müsse für die Landstreicher eine ganze
Braupfanne voll Spätzle auf einmal kochen, und das sei, dünke
ihm, noch nicht genug. Da ging der Junker von und auf Kronburg in sich
und meinte, er sei dem schwäbischen Kreis und der Menschheit kein
so großes Opfer schuldig, daß er sich aushungern lassen sollte
in seinem Schloß um einiger wenigen Strolche willen. Stracks wurden
die sieben in Freiheit gesetzt, nur daß ihnen der Junker noch einen
Steckbrief mit auf den Weg gab, um andere Behörden und Kerkerknechte
pflichtschuldigst vor des Knöpflesschwaben großer Freßsucht
zu warnen.
Nach mehr als einem andern Abenteuer, das zu viel wäre zu erzählen,
gelangten die Schwaben an einen großen See, und da sagte der Seehaas,
der ihn gleich erkannte: "Des ischt der Bodesee." An dessen
Ufer sollte, wie die Sage ging, das gefährliche Ungeheuer hausen,
welches zu bekämpfen und zu erlegen die sieben Schwaben sich bekanntlich
fest vorgenommen hatten. Da sie nun des Sees ansichtig geworden und zugleich
des Waldes, in dem das Ungeheuer sich aufhielt, man wußte nicht,
war es ein greulicher Lindwurm, oder ein feuerspeiender Drache, so fiel
ihnen zumeist das Herz in die Hosen, sie machten Halt und zündeten
ein Feuerlein an, auf daß der Knöpflesschwab noch zu guter
Letzt (denn wer konnte wissen, ob das Untier sie nicht allesamt mit Haut
und Haar verschlingen werde, mit oder ohne Spieß), eine Mahlzeit
Knöpfle oder Spätzle bereite, und stellten während dem
Essen Todesbetrachtungen an. "Joh", sagte der Allgäuer
und seufzte recht von unten 'rauf, "'s ischt e Sach, wenn mer bei
sich so recht bedenkt, daß mer zum letzten Mohl in seim Leben z'Mittag
ißt." Und wieder seufzte er und sagte: "'s ischt e Sach!"
und der Knöpflesschwab fing an still vor sich hin zu flennen, wobei
er jedoch des Essens nicht vergaß. Als aber der Allgäuer zum
dritten Mal ganz erschrecklich tief seufzte und sagte: "'s ischt
e Sach!" da fingen sie alle an so erbärmlich zu flennen und
zu heulen, daß es einen wilden Heiden hätte erbarmen können.
Der Nestelschwab allein ließ sich das Sterben nicht zu Herzen gehen;
denn, sagte er, mein Mutter hat mir oft gesagt, daß mein Stündlein
gar niemals kommen würde. Heulte aber dennoch aus gutem Willen zur
Gesellschaft mit. Als sie aber endlich nicht mehr konnten, fiel's ihnen
doch ein, daß es Zeit sei, ihre Schlachtordnung herzurichten; dabei
gab es aber allerlei Span und Zwietracht. Der Allgäuer sagte, er
sei bislang emmer der vorderscht gwe, 's wär jetzt Zeit, daß
er au emohl der henterscht sei, und es soll der Blitzschwob voran. Der
meinte aber: "Curasche han i gnueg em Leib, aber net Leib gnueg for
d' Curasche und dehs Bescht von Ongheuer." Der Spiegelschwab wischte
sich die Nase am Ärmel und tat den Vorschlag, es solle doch wohl
besser sein, wenn einer für alle sterbe, und meinte, der Knöpflesschwab
können ihnen diesen kleinen Gefallen tun; der aber schrie Zetermordio,
als habe ihn das Ungeheuer schon am Schlafittich. Und so sprachen und
stritten sie noch eine Weile hin und her, bis sie sich friedsam einigten
und hurtiglich mit ihrem Spieße vorwärts schritten, gerade
auf den Wald zu, wo das Untier hausen sollte. Ehe sie den erreichten,
kamen sie an einen Rain davor, da saß ein Has und machte ein Männlein,
und streckte die langen Löffel in die Höh; das war den Schwaben
grauentlich anzuschauen, hemmten darum ihren Schritt, hielten Rat und
besannen sich, ob sie vorwärts rücken und aufs Untier einrücken
sollten mit lang vorgestrecktem Spieß, oder ob sie sich zur Flucht
wenden sollten; doch hielt jeder fest am Spieß. Da nun der Veitle
hinten am meisten in Numero Sicher war, schwoll ihm der Kamm und er schrie
dem Schulzen zu, der vorne stand:
"Stoßt zue in
äller Schwobe Name,
Sonscht wünscht ih, daß ihr möcht erlahme!"
Der Hans, des Veitle Gehlfießlers
Vordermann, Knöpflesschwab, spottete der Curasche des Veitle, indem
er sagte:
"Beim Element, du hoscht
guat schwätze,
Du bischt der letscht beim Drachahetze!"
Dem Michel sträubte die
Herzhaftigkeit das Haar empor, er blickte gar nicht hin nach dem Ungeheuer,
sondern sprach mit abgewandtem Gesicht, indem er den Ärmel seinem
Gesicht näherte:
"Es wird net fehle
um a Hoar,
So ist es wohl der Teufel gar!"
Jergle lugte dem Michel ins
Gesicht, und schauete auch gar nicht hin nach dem Bescht von Ungeheuer,
indem er zaghaft beistimmte:
"Blitz! ischt er's
net, so ischt's sei Mueder,
Oder's Teufels sei Stiefbrueder!"
Dem Marle Nestelschwab, der
sich schon ziemlich weit vorn am Spieß befand, daran die Schwaben
gingen, gefiel sein Platz nicht, und er hatte einen guten Einfall; er
kehrte sich auch um, da er nicht für nötig fand, das Ungeheuer
anzusehen, und rief dem Veit zu:
"Gang, Veitle, gang,
gang du vorahn,
I will dohente for di stahn!"
Veitle drückte aber seine
Ohren auf und tat, als hörte er nicht, worauf der Marle zu Jockele
sagte:
"Gang, Jockele, gang,
gang du vorahn
Du hoscht Sporn und Stiefel ahn,
Daß di der Drach net beiße kahn!"
Aber Jockele fand seinen Trost
darinnen, daß der Allgäuer an der Spitze des Spießes
der sieben Schwaben und des zu bestehenden Abenteuers stand, und sagte:
"Der Schulz, der mueß
der erschte sei,
Denn ehm gebiehrt die Ehr allei."
Schulz Allgäuer faßte
sich ein Herz und sprach mutig, da es nun einmal in die unvermeidliche
Gefahr ging:
"So zieht denn herzhaft
in de Streit,
Dohran erkennt mer tapfre Leut."
Und so ging es in Gottes Namen
und im Sturmschritt auf das Ungeheuer los, und als dem Schulzen das Herz
pfupferte, konnte er sich seiner Angst nicht erwehren und schrie: "Hau
huelhau! Hau, hauhau!" Da erschrak der Has und gab spornstreichs
Fersengeld querfeldein, und lief, was er laufen konnte. Jetzt rief Schulz
Allgäuer freudiglich:
"Potz Veitle, luag,
luag, was ischt das?
Es Ohngeheuer ischt noh e Haas!"
"Hoschts gsehe? Hoschts
gsehe?" fragten sich nun die andern unter einander. "Hotz Blitz!
E Ding wie ne Kalb!" rief der Blitzschwab. Der Nestelschwab tat seinen
größten Fluch: "Mit Verlaub! Daß dih es Meusle beiß'!
E Tier wie ne Mastochs!" "Oho!" rief der Knöpflesschwab:
"En Elefand ischt noh e Katz gegen des Ohntier." "Bygott!"
erwiderte der Allgäuer, "wenn des koa Haas gweh ischt, noh woiß
i de Dreimänner-Wei vom Racheputzer net z' unterschaide!"
"Noh, Noh!" vermittelte der Seehaas: "Haas her! Haas hen!
E Seehaas ischt halt greßer und gremmiger, als älle Haase im
heilige remische Reich." "Wie der Seewei seurer und herber als
älle Wei im heilige remische Reich", sagte hinten der Gehlfüßler,
und über diese Anzüglichkeit hätte ihm der Seehaas fast
ein Paar Watscheln gegeben, denn es kränkte ihn schwer, daß
der Veitle über den Seewein spottete, der ihm von Kindesbeinen an
geschmeckt. Mit den Seeweinen verhält es sich aber also: es gibt
ihrer drei Arten, zum ersten der Sauerampfer, schmeckt nur ein weniges
besser als Essig und verzieht das Maul nur ein bißchen, zumal wenn
man sich daran gewöhnt hat. Die zweite Gattung ist Dreimännerwein
geheißen, steht im Geschmack nach 10 Grad unter Essig und wurde
so getauft, weil man behauptet, daß derjenige, so ihn zu trinken
verurteilt, von zweien gehalten werden muß, während ihn ein
dritter eingießt. Die dritte Sorte ist der Rachenputzer, hat die
rühmliche Eigenschaft, daß er Schleim und alles andere abführt,
tut aber dabei not, daß wer sich mit dem Wein im Leib schlafen legt,
in der Nacht sich wecken lasse, damit er sich umkehren möge, sonst
möchte ihm der Rachenputzer ein Loch in den Magen fressen.
Da nun das Abenteuer mit dem Ungeheuer von den sieben Schwaben so glückhaft
bestanden war, so wurden sie eins nunmehr von ihren Taten auszuruhen und
wieder friedlich heimzuziehen. Zuvor aber tat not, ein Siegeszeichen zu
errichten, das der Mit- und Nachwelt ihren Triumph auf ewige Zeiten vermelde.
Da nun unmöglich war, wie vor Zeiten tapfere Ritter getan, die Drachenhaut
in einer Kirche aufzuhängen, dieweil kein Drache sein Fell zu Markte
getragen und der Has in seinem Balg wohlbehalten entkommen war, so wurden
die guten Gesellen dahin eins, ihr Bärenfell und ihren Spieß
als eine Trophäe in die nächstgelegene Kapelle zu stiften, die
hieß man hernach die Kapell zum schwäbischen Heiland. Dort
wird wohl der Spieß noch hängen, das Bärenfell aber haben
die Motten verzehrt, und die Sperlinge haben die Haare in ihre Nester
getragen.
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