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Es sind einmal sieben Brüder
gewesen, waren arme Waisen, hatten keine Schwester, mußten alles
im Hause selbst tun, das gefiel ihnen nicht, wurden Rates untereinander,
sie wollten heiraten. Nun gab es aber da, wo sie wohnten, keine Bräute
für sie, da sagten die älteren, sie wollten in die Fremde ziehen,
sich Bräute suchen und ihr Jüngster sollte das Haus hüten,
und dem wollten sie eine recht schöne Braut mitbringen. Das war der
Jüngste gar wohl zufrieden und die sechse machten sich fröhlich
und wohlgemut auf den Weg. Unterwegs kamen sie an ein kleines Häuschen,
das stand ganz einsam in einem Walde, und vor dem Häuschen stand
ein alter, alter Mann, der rief die Brüder an und fragte: "Heda!
Ihr jungen Gieke in die Welt! Wohin denn so lustig und so geschwind?"
"Ei, wir wollen uns jeder eine hübsche Braut holen, und unsern
jüngsten Bruder daheim auch eine!" antworteten die Brüder.
"O liebe Jungen!" sprach da der Alte: "ich lebe hier
so mutterseelensternallein, bringt mir doch auch eine Braut mit, aber
eine junge hübsche muß es sein!"
Die Brüder gingen von dannen und dachten: "Hm, was will so ein
alter eisgrauer Hozelmann mit einer jungen hübschen Braut anfangen?"
Da nun die Brüder in eine Stadt gekommen waren, so fanden sie dort
sieben Schwestern, so jung und so hübsch als sie sie nur wünschen
konnten, die nahmen sie und die jüngste nahmen sie für ihren
Bruder mit. Der Weg führte sie wieder durch den Wald, und der Alte
stand wieder vor seinem Häuschen, als wartete er auf sie, und sagte:
"Ei ihr braven Jungen! Das lob ich, daß ihr mir so eine junge
hübsche Braut mitgebracht habt!" - "Nein!" sagten
die Brüder, "die ist nicht für dich, die ist für unsern
Bruder zu Hause, dem haben wir sie versprochen!" -
"So?" sagte der Alte: "Versprochen? Ei, daß dich!
Ich will euch auch versprechen!" und nahm ein weißes Stäbchen
und murmelte ein paar Zauberworte, und rührte die Brüder und
die Bräute mit dem Stäbchen an - bis auf die jüngste -
da wurden sie alle in graue Steine verwandelt. Die jüngste aber von
den Schwestern führte der Mann in das Haus, und das mußte sie
nun beschicken und in Ordnung halten, tat das auch gern, aber sie hatte
immer Angst, der Alte könne bald sterben, und dann werde sie in dem
einsamen Häuschen im wilden öden Walde auch so mutterseelensternallein
sein, wie der Alte zuvor gewesen war. Das sagte sie ihm und er antwortete:
"Hab kein Bangen, fürchte nicht und hoffe nicht, daß ich
sterbe. Sieh, ich habe kein Herz in der Brust! Stürbe ich aber dennoch,
so findest du über der Türe mein weißes Zauberstäbchen,
und rührst damit an die grauen Steine, so sind deine Schwestern und
ihre Freier befreit und du hast Gesellschaft genug."
"Wo aber in aller Welt hast du denn dein Herz, wenn du es nicht
in der Brust hast?" fragte die junge Braut. "Mußt du
alles wissen?" fragte der Alte. "Nun wenn du es denn wissen
mußt, in der Bettdecke steckt mein Herz."
Da nähte und stickte die junge Braut, wenn der Alte fort und seinen
Geschäften nachging, in ihrer Einsamkeit gar schöne Blumen auf
seine Bettdecke, damit sein Herz eine Freude haben sollte. Der Alte aber
lächelte darüber und sagte: "Du gutes Kind, es war ja nur
ein Scherz; mein Herz das steckt - das steckt -" "Nun wo steckt
es denn lieber Vater?" - "Das steckt in der - Stubentür!"
Da hat die junge Frau am andern Tage, als der Alte fort war, die Stubentüre
gar schön geschmückt mit bunten Federn und frischen Blumen und
hat Kränze daran gehangen. Fragte der Alte, als er heimkam, was das
bedeuten solle? sagte sie: "Das tat ich, deinem Herzen was zu Liebe
zu tun." Da lächelte wieder der Alte, und sagte: "Gutes
Kind, ganz woanders, als in der Stubentüre ist mein Herz." Da
wurde die junge Braut sehr betrübt, und sprach: "Ach Vater,
so hast du doch ein Herz, und kannst sterben und ich werde dann so allein
sein." Da wiederholte der Alte alles, was er ihr schon zweimal gesagt,
und sie drang aufs neue in ihn, ihr zu sagen, wo doch eigentlich sein
Herz sei? Da sprach der Alte: "Weit, weit von hier liegt in tiefer
Einsamkeit eine große uralte Kirche, die ist fest verwahrt mit eisernen
Türen, um sie ist ein tiefer Wallgraben gezogen, über den führt
keine Brücke, und in der Kirche da fliegt ein Vogel wohl ab und auf,
der ißt nicht und trinkt nicht und stirbt nicht, und niemand vermag
ihn zu fangen und so lange der Vogel lebt, so lange lebe auch ich, denn
in dem Vogel ist mein Herz."
Da wurde die Braut traurig, daß sie dem Herzen ihres Alten nichts
zu Liebe tun konnte, und die Zeit wurde ihr lang, wenn sie so allein saß,
denn der Alte war fast den ganzen Tag auswärts.
Da kam einmal ein junger Wandergesell am Häuschen vorüber, der
grüßte sie und sie grüßte ihn und sie gefiel ihm,
und er kam näher und sie fragte ihn, wohin er reise, woher er komme?
"Ach!" seufzte der junge Gesell: "Ich bin gar traurig.
Ich hatte noch sechs Brüder, die sind von dannen gezogen sich Bräute
zu holen und mir, dem Jüngsten, wollten sie auch eine mitbringen,
sind aber nimmer wieder gekommen, und da bin ich nun auch fort vom Hause,
und will meine Brüder suchen."
"Ach lieber Gesell!" rief die Braut: "da brauchst du nicht
weiter zu gehen! Erst setze dich und iß und trinke etwas, und dann
laß dir erzählen!" Und gab ihm zu essen und zu trinken,
und erzählte ihm, wie seine Brüder in die Stadt gekommen, und
wie sie ihre Schwestern und sie selbst als Bräute mit sich nach Hause
hätten führen wollen, und daß sie für ihn, ihren
Gast bestimmt gewesen, und wie der Alte sie bei sich behalten, und die
andern in graue Steine verwandelt habe. Das alles erzählte sie ihm
aufrichtig und weinte dazu, und auch, daß der Alte kein Herz in
der Brust habe und daß es weit, weit weg sei in einer festen Kirche
und in einem unsterblichen Vogel. Da sagte der Bräutigam: "Ich
will fort, ich will den Vogel suchen, vielleicht hilft mir Gott, daß
ich ihn fange." "Ja das tue, daran wirst du wohl tun, dann werden
deine Brüder und meine Schwestern wieder Menschen werden!" und
versteckte den Bräutigam, denn es wurde schon Abend, und als am andern
Morgen der Alte wieder fort war, da packte sie dem Wandergesellen viel
zu essen und zu trinken ein, und gab es ihm mit, und wünschte ihm
alles Glück und Gottes Segen auf seine Fahrt.
Als nun der Gesell eine tüchtige Strecke gegangen war, deuchte ihm,
es sei wohl Zeit zu frühstücken, packte seine Reisetasche aus,
freute sich der vielen Gaben und rief: "Holla! nun wollen wir schmausen!
Herbei, wer mein Gast sein will!"
Da rief es hinter dem Gesellen: "Muh!" und wie er sich umsah,
stand ein großer roter Ochse da und sprach: "Du hast eingeladen,
ich möchte wohl dein Gast sein!" "Sei willkommen und lange
zu, so gut ich's habe!" Da legte sich der Ochse gemächlich an
den Boden, und ließ sich's schmecken, und leckte sich dann mit der
Zunge sein Maul recht schön ab, und als er satt war, sagte er: "Habe
du großen Dank und wenn du einmal jemand brauchst, dir in Not und
Gefahr zu helfen, so rufe nur in Gedanken nach mir, deinem Gast."
Und erhob sich und verschwand im Gebüsch. Der Gesell packte seine
Tafelreste zusammen und pilgerte weiter; wieder eine tüchtige Strecke,
da deuchte ihm nach dem kurzen Schatten, den er warf, es müsse Mittag
sein, und seinem Magen deuchte das nämliche. Da setzte er sich an
den Boden hin, breitete sein Tafeltuch aus, setzte seine Speisen und Getränke
darauf, und rief: "Wohlan! Mittagmahlzeit! Jetzt melde sich, was
mittafeln will!" Da rauschte es ganz stark in den Büschen, und
es brach ein wildes Schwein heraus, das grunzte: "Qui, qui, qui",
und sagte: "Es hat hier jemand zum Essen gerufen! Ich weiß
nicht ob du es warst, und ob ich gemeint bin?"
"Immerhin, lange nur zu, was da ist!" sprach der Wandersmann
und da aßen sie beide wohlgemut miteinander und schmeckte beiden
gut. Darauf erhob sich das wilde Schwein und sagte: "Habe Dank, bedarfst
du mein, so rufe dem Schwein!" und damit trollte es in die Büsche.
Nun wanderte der Gesell gar eine lange Strecke, und war schon gar weit
gewandert, da wurde es gegen Abend, und er fühlte wieder Hunger und
hatte auch noch Vorrat, und da dachte er: "Wie wär es mit dem
Vespern? Zeit wär es dächt ich"; und breitete wieder sein
Tuch aus und legte seine Speisen darauf, hatte auch noch etwas zu trinken,
und rief: "Wer Lust hat mit zu essen, der soll eingeladen sein. Es
ist nicht, als wenn nichts da wäre!" Da rauschte über ihm
ein schwerer Flügelschlag und wurde dunkel auf dem Boden, wie vom
Schatten einer Wolke, und es ließ sich ein großer Vogel Greif
sehen, der rief: "Ich hörte jemand hier unten zur Tafel einladen!
Für mich wird wohl nichts abfallen?"
"Warum denn nicht? Lasse dich nieder und nimm vorlieb, viel wird's
nicht mehr sein!" rief der Jüngling, und da ließ sich
der Vogel Greif nieder und aß zur Genüge und dann sagte er:
"Brauchst du mich, so rufe mich!" hob sich in die Lüfte
und verschwand. "Ei", dachte der Geselle: "der hat's recht
eilig; er hätte mir wohl den Weg nach der Kirche zeigen können,
denn so finde ich sie wohl nimmer"; und raffte seine Sachen zusammen,
und wollte vor dem Schlafengehen noch ein Stückchen wandern. Und
wie er gar nicht lange gegangen war, so sah er mit einem Male die Kirche
vor sich liegen und war bald bei ihr, das heißt, am breiten und
tiefen Graben, der sie rings ohne Brücke umzog. Da suchte er sich
ein hübsches Ruheplätzchen, denn er war müde von dem weiten
Weg und schlief, und am andern Morgen da wünschte er sich über
den Graben und dachte: "Schau, wenn der rote Ochse da wär und
hätte rechten Durst, so könnte der den Graben aussaufen und
ich käme trocken hinüber." Kaum war dieser Wunsch getan,
so stand der Ochse schon da und begann den Graben auszusaufen. Nun stand
der Gesell an der Kirchenmauer, die war gar dick und die Türme waren
von Eisen, da dachte er so in seinen Gedanken: "Ach, wer doch einen
Mauerbrecher hätte! Das starke wilde Schwein könnte vielleicht
hier eher etwas ausrichten, als ich." Und siehe, gleich kam das wilde
Schwein daher gerannt und stieß heftig an die Mauer und wühlte
mit seinen Hauern einen Stein los, und wie erst einer los war, so wühlte
es immer mehr und immer mehr Steine aus der Mauer, bis ein großes
tiefes Loch gewühlt war, durch das man in die Kirche einsteigen konnte.
Da stieg nun der Jüngling hinein, und sah den Vogel darin herumfliegen,
vermochte aber nicht ihn zu ergreifen. Da sprach er: "Wenn jetzt
der Vogel Greif da wäre, der würde dich schon greifen, dafür
ist er ja der Vogel Greif!" Und gleich war der Greif da und gleich
griff er den Vogel, in dem des alten Mannes Herz war, und der junge Gesell
verwahrte selbigen Vogel sehr gut, der Vogel Greif aber flog davon. Nun
eilte der Jüngling so sehr er konnte zur jungen Braut, kam noch vor
Abends an und erzählte ihr alles, und sie gab ihm wieder zu essen
und zu trinken und hieß ihn unter die Bettstelle kriechen mitsamt
seinem Vogel, damit ihn der Alte nicht sähe. Dies tat er alsbald,
nachdem er gegessen und getrunken hatte; der Alte kam nach Hause und klagte,
daß er sich krank fühle, daß es nicht mehr mit ihm fortwolle
- das mache, weil sein Herzvogel gefangen war. Das hörte der Bräutigam
unter dem Bette und dachte, der Alte hat dir zwar nichts Böses getan,
aber er hat deine Brüder und ihre Bräute verzaubert, und deine
Braut hat er für sich behalten, das ist des Bösen nicht zu wenig,
und da kneipte er den Vogel, und da wimmerte der Alte: "Ach, es kneipt
mich! Ach, der Tod kneipt mich, Kind - ich sterbe!" Und fiel vom
Stuhl und war ohnmächtig, und ehe sich's der Jüngling versah,
hatte er den Vogel totgekneipt, und da war es aus mit dem Alten. Nun kroch
er hervor, und die Braut nahm den weißen Stab, wie ihr der Alte
gelehrt hatte, und schlug damit an die zwölf grauen Steine, siehe,
da wurden sie wieder die sechs Brüder und die sechs Schwestern, das
war eine Freude und ein Umarmen und Herzen und Küssen, und der alte
Mann war tot und blieb tot, konnt ihn keine Meisterwurz wieder lebendig
machen, wenn sie ihn auch hätten wieder lebendig haben wollen. Da
zogen sie alle miteinander fort, und hielten Hochzeit miteinander und
lebten gut und glücklich miteinander lange Jahre.
Inhaltsverzeichnis
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