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Ludwig BechsteinAusgabe letzter Hand von 1857 |
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Es war einmal eine Mutter und
ein Kind, und die Mutter hatte das Kind, ihr einziges, lieb von ganzem
Herzen, und konnte ohne das Kind nicht leben und nicht sein. Aber da sandte
der Herr eine große Krankheit, die wütete unter den Kindern
und erfaßte auch jenes Kind, daß es auf sein Lager sank und
zum Tod erkrankte. Drei Tage und drei Nächte wachte, weinte und betete
die Mutter bei ihrem geliebten Kinde, aber es starb. Da erfaßte
die Mutter, die nun allein war auf der ganzen Gotteserde, ein gewaltiger
und namenloser Schmerz, und sie aß nicht und trank nicht und weinte,
weinte wieder drei Tage lang und drei Nächte lang ohne Aufhören,
und rief nach ihrem Kinde. Wie sie nun so voll tiefen Leides in der dritten
Nacht saß, an der Stelle, wo ihr Kind gestorben war, tränenmüde
und schmerzensmatt bis zur Ohnmacht, da ging leise die Türe auf,
und die Mutter schrak zusammen, denn vor ihr stand ihr gestorbenes Kind.
Das war ein seliges Engelein geworden und lächelte süß
wie die Unschuld und schön wie in Verklärung. Es trug aber in
seinen Händchen ein Krüglein, das war schier übervoll.
Und das Kind sprach: "O lieb Mütterlein, weine nicht mehr um
mich! Siehe, in diesem Krüglein sind deine Tränen, die du um
mich vergossen hast; der Engel der Trauer hat sie in dieses Gefäß
gesammelt. Wenn du nur noch eine Träne um mich weinest, so wird das
Krüglein überfließen, und ich werde dann keine Ruhe haben
im Grabe und keine Seligkeit im Himmel. Darum, o lieb Mütterlein,
weine nicht mehr um dein Kind, denn dein Kind ist wohlaufgehoben, ist
glücklich, und Engel sind seine Gespielen." Damit verschwand
das tote Kind und die Mutter weinte hinfort keine Träne mehr, um
des Kindes Grabesruhe und Himmelsfrieden nicht zu stören.
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