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Ludwig BechsteinAusgabe letzter Hand von 1857 |
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Es waren einmal in einem Dorfe
ein paar arme Leute, die hatten ein kleines Häuschen und nur eine
einzige Tochter, die war wunderschön und gut über alle Maßen.
Sie arbeitete, fegte, wusch, spann und nähte für sieben, und
war so schön wie sieben zusammen, darum ward sie Siebenschön
geheißen. Aber weil sie ob ihrer Schönheit immer von den Leuten
angestaunt wurde, schämte sie sich, und nahm sonntags, wenn sie in
die Kirche ging - denn Siebenschön war auch frömmer wie sieben
andre, und das war ihre größte Schönheit - einen Schleier
vor ihr Gesicht. So sah sie einstens der Königssohn, und hatte seine
Freude über ihre edle Gestalt, ihren herrlichen Wuchs, so schlank
wie eine junge Tanne, aber es war ihm leid, daß er vor dem Schleier
nicht auch ihr Gesicht sah, und fragte seiner Diener einen: "Wie
kommt es, daß wir Siebenschöns Gesicht nicht sehen?" "Das
kommt daher", antwortete der Diener: "weil Siebenschön
so sittsam ist." Darauf sagte der Königssohn: "Ist Siebenschön
so sittsam zu ihrer Schönheit, so will ich sie lieben mein Leben
lang und will sie heiraten. Gehe du hin und bringe ihr diesen goldnen
Ring von mir und sage ihr, ich habe mit ihr zu reden, sie solle abends
zu der großen Eiche kommen." Der Diener tat wie ihm befohlen
war, und Siebenschön glaubte, der Königssohn wolle ein Stück
Arbeit bei ihr bestellen, ging daher zur großen Eiche und da sagte
ihr der Prinz, daß er sie lieb habe um ihrer großen Sittsamkeit
und Tugend willen, und sie zur Frau nehmen wolle; Siebenschön aber
sagte: "Ich bin ein armes Mädchen und du bist ein reicher Prinz,
dein Vater würde sehr böse werden, wenn du mich wolltest zur
Frau nehmen." Der Prinz drang aber noch mehr in sie, und da sagte
sie endlich, sie wolle sich's bedenken, er solle ihr ein paar Tage Bedenkzeit
gönnen. Der Königssohn konnte aber unmöglich ein paar Tage
warten, er schickte schon am folgenden Tage Siebenschön ein Paar
silberne Schuhe und ließ sie bitten, noch einmal unter die große
Eiche zu kommen. Da sie nun kam, so fragte er schon, ob sie sich besonnen
habe? Sie aber sagte, sie habe noch keine Zeit gehabt sich zu besinnen,
es gebe im Haushalt gar viel zu tun, und sie sei ja doch ein armes Mädchen
und er ein reicher Prinz, und sein Vater werde sehr böse werden,
wenn er, der Prinz, sie zur Frau nehmen wolle. Aber der Prinz bat von
neuem und immermehr, bis Siebenschön versprach, sich gewiß
zu bedenken und ihren Eltern zu sagen, was der Prinz im Willen habe. Als
der folgende Tag kam, da schickte der Königssohn ihr ein Kleid, das
war ganz von Goldstoff, und ließ sie abermals zu der Eiche bitten.
Aber als nun Siebenschön dahin kam, und der Prinz wieder fragte,
da mußte sie wieder sagen und klagen, daß sie abermals gar
zu viel und den ganzen Tag zu tun gehabt, und keine Zeit zum Bedenken,
und daß sie mit ihren Eltern von dieser Sache auch noch nicht habe
reden können, und wiederholte auch noch einmal, was sie dem Prinzen
schon zweimal gesagt hatte, daß sie arm, er aber reich sei, und
daß er seinen Vater nur erzürnen werde. Aber der Prinz sagte
ihr, das alles habe nichts auf sich, sie solle nur seine Frau werden,
so werde sie später auch Königin, und da sie sah, wie aufrichtig
der Prinz es mit ihr meinte, so sagte sie endlich ja, und kam nun jeden
Abend zu der Eiche und zu dem Königssohne - auch sollte der König
noch nichts davon erfahren. Aber da war am Hofe eine alte häßliche
Hofmeisterin, die lauerte dem Königssohn auf, kam hinter sein Geheimnis
und sagte es dem Könige an. Der König ergrimmte, sandte Diener
aus und ließ das Häuschen, worin Siebenschöns Eltern wohnten,
in Brand stecken, damit sie darin anbrenne. Sie tat dies aber nicht, sie
sprang, als sie das Feuer merkte heraus und alsbald in einen leeren Brunnen
hinein, ihre Eltern aber, die armen alten Leute verbrannten in dem Häuschen.
Das hörte der Prinz von weitem, und fiel ihm auf und hielt und fragte: "Ei wer singt doch da so schön?" "Es wird wohl mein Bedienter, der Unglück sein", antwortete der König, "den ich zum Diener angenommen habe." Da hörten sie noch einmal den Gesang:
Da fragte der Prinz noch einmal,
ob das wirklich niemand anders sei als des Königs Diener? Und der
König sagte, er wisse es nicht anders.
Jetzt wartete der Prinz keinen
Augenblick länger, er spornte sein Pferd und ritt wie ein Offizier
längs des ganzen Zugs in gestrecktem Galopp hin, bis er an Unglück
kam, und Siebenschön erkannte. Da nickte er ihr freundlich zu und
jagte wieder an die Spitze des Zuges, und zog in das Schloß ein.
Da nun alle Gäste und alles Gefolge im großen Saal versammelt
war und die Verlobung vor sich gehen sollte, so sagte der Prinz zu seinem
künftigen Schwiegervater: "Herr König, ehe ich mit Eurer
Prinzessin Tochter mich feierlich verlobe, wollet mir erst ein kleines
Rätsel lösen. Ich besitze einen schönen Schrank, dazu verlor
ich vor einiger Zeit den Schlüssel, kaufte mir also einen neuen;
bald darauf fand ich den alten wieder, jetzt saget mir Herr König,
wessen Schlüssel ich mich bedienen soll?" "Ei, natürlich
des alten wieder!" antwortete der König, "das Alte soll
man in Ehren halten, und es über Neuem nicht hintansetzen."
"Ganz wohl Herr König", antwortete nun der Prinz, "so
zürnt mir nicht, wenn ich Eure Prinzessin Tochter nicht freien kann,
sie ist der neue Schlüssel, und dort steht der alte." Und nahm
Siebenschön an der Hand und führte sie zu seinem Vater, indem
er sagte: "Siehe Vater, das ist meine Braut." Aber der alte
König rief ganz erstaunt und erschrocken aus: "Ach lieber Sohn,
das ist ja Unglück, mein Diener!" - Und viele Hofleute schrieen:
"Herr Gott, das ist ja ein Unglück!" - "Nein!"
sagte der Königssohn, "hier ist gar kein Unglück, sondern
hier ist Siebenschön, meine liebe Braut." Und nahm Urlaub von
der Versammlung und führte Siebenschön als Herrin und Frau auf
sein schönstes Schloß.
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