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In einem Lande war ein junger
Rittersmann, der war reich und schön, und hatte eine prächtige
Burg. Zu einer Zeit ritt er mit seinen Hunden in den Wald um zu jagen,
da sah er eine Hindin (Hirschkuh), die war weißer als der Schnee,
und floh vor ihm auf und davon in das Gebirge zwischen die wilden hohen
Gesträuche. Der Rittersmann aber folgte ihr gar eilig nach, und kam
zuletzt in ein wildes finstres Tal, da verlor er durch die Hunde die Hindin
aus dem Gesicht, ritt hin und her und rief die Hunde wieder zusammen.
Darüber kam er an einen Fluß, an dem sah er eine schöne
Jungfrau stehen, die wusch sich und trug in der Hand eine güldne
Kette. Und da ihm diese Jungfrau sehr wohl gefiel, so stieg er sacht vom
Roß, schlich sich ihr unversehens nah und nahm ihr die goldne Kette
aus der Hand. In dieser Kette aber war sonderliche Kraft und Planetenzauber,
und die Jungfrau war ein Wünschelweiblein, und so schön, daß
er ob ihrer Schönheit die Hindin samt seinen Hunden vergaß,
und gedachte die Jungfrau heimzuführen als seine Gemahlin. Und also
tat er auch und führte sie heim auf seine Burg.
Nun hatte der junge Rittersmann noch eine Mutter, der kam die Schnur ungelegen,
denn sie hatte bisher das Regiment ganz allein geführt, und besorgte
sich nun, daß sie Gewalt und Ansehen auf dem Schloß verlieren
werde. Und wurde der Schnur gram und haßte sie, und ermahnte oft
ihren Sohn, jene nicht allzulieb zu haben, und hätte gar zu gern
Unfrieden und Zwietracht zwischen beiden angestiftet. Aber sie konnte
das nicht zuwege bringen, denn ihr Sohn wollte ihre Worte nicht hören
und war dann jedesmal ungehalten auf sie. Als sie nun das wahrnahm, da
stellte sie sich in allem willfährig und dienstgefällig gegen
ihren Sohn und die junge Frau, aber es kam bei ihr alles aus einem falschen
Herzen, darin sie zumal eine grausame Bosheit erdacht hatte gegen die
junge Frau, obschon sie sie äußerlich gar sehr zu ehren schien.
Darüber kam die Zeit, daß die junge Frau in das Kindbett kam,
und genas von sechs Söhnen und einer Tochter, die trugen alle goldne
Ringe um ihre Hälse. Sofort kam das alte böse Weib, die Mutter
des jungen Herrn, und nahm die sieben Kinderchen, während die Mutter
schlief, trug sie hinweg, und legte sieben junge Hündlein, die in
derselben Nacht geworfen worden, an deren Stelle. Nun hatte dieses falsche
und ungetreue Weib einen vertrauten Knecht, dem überantwortete sie
die sieben Kinder, und verpflichtete ihn bei Treuen und Eide, daß
er sie in den wilden Wald tragen, sie töten und begraben sollte in
der Erde oder im Wasser ertränken. Das gelobte der Knecht zu tun,
trug die Kindlein in den Wald, legte sie unter einen Baum und bereitete
sich, sie zu erwürgen. Da kam ihn aber ein Grauen an vor dem Mord,
und er schauderte zurück vor solch ungetreuer Tat, und ließ
die Kindlein leben, ging und sagte der Frau, daß er ihr Gebot vollbracht
habe.
Aber der Schöpfer aller Wesen, der alle Dinge zum Besten lenkt, erbarmte
sich der Kindlein und sandte ihnen einen Nährvater, das war ein alter
weiser Meister, der in dem Walde wohnte, Weisheit zu pflegen, der nahm
die Kindlein in seine Klause und nährte sie mit der Milch der Hirschkühe,
die zu ihm zu kommen gewohnt waren, sieben Jahre lang.
Als jenes böse Weib die Kinder weggebracht hatte von der Mutter,
führte sie ihren Sohn zu der jungen Frau, zeigte ihm die Hündlein
und sprach: "Siehe Sohn, die Kinder, die deine Frau dir geboren,
es sind junge Hunde." Das tat sie ihrem Sohn aus Rache an, weil er
die junge Frau so lieb hatte. Als er das sah, glaubte er seiner Mutter
und warf einen Haß auf die junge Frau, die er vorher so lieb gehabt,
wollte auch kein Wort einer Entschuldigung hören, sondern er ließ
sie auf dem Hofe vor dem Palast seiner Burg in die Erde eingraben bis
an die Brust, und über ihr Haupt ließ er ein Waschbecken mit
Wasser setzen, und gebot allem seinem Gesinde, sich über ihrem Haupt
zu waschen und ihre Hände an ihrem schönen Haar zu trocknen.
Auch sollte sie keine andere Nahrung bekommen wie die Hunde.
Und so mußte das arme Weib stehen bleiben in der Grube in Nöten
und Ängsten sieben ganzer Jahre, und durfte sich ihrer keine Seele
erbarmen. Darüber verzehrte sich ihr schöner Leib, ihre Kleider
vermoderten und es blieb nur die Haut über ihren Gebeinen.
Indessen lernten die jungen Kinder im Walde Wild und Vögel schießen,
und sich von deren Fleisch nähren, und da geschah es, daß der
Ritter, ihr Vater, wieder einmal jagen ging in dem Walde. Da ward er der
Kinder gewahr, die in dem Holze spielend hin und her liefen, und hatten
alle güldne Kettlein am Halse. Und sein Herz ward von Neigung zu
den Kindern bewegt; hätte gern eins oder das andere ergriffen, aber
sie ließen sich nicht fangen, sondern verschwanden im Walde. Daheim
erzählte er seiner Mutter und anderen Herren und Freunden, daß
er im Walde kleine Kinder gesehen mit Goldkettchen an den Hälsen.
Darüber erschrak seine Mutter innerlich, nahm den Knecht vor und
fragte ihn: "Hast du damals die Kinder getötet, oder hast du
sie leben lassen?" Da bekannte der Knecht, daß er sie nicht
mit eigner Hand zu töten vermocht habe, doch habe er sie unter einen
Baum gelegt, und da wären sie gewiß bald gestorben. Hierauf
gebot sie dem Knecht, schleunigst in den Wald zu reiten, die Kinder zu
suchen, die mitnichten gestorben seien, und ihnen die goldnen Ketten zu
nehmen, sonst würden sie beide zu Schanden werden. Der Knecht gehorchte
voll Angst, suchte drei Tage die Kinder im Walde und fand sie nicht; erst
am vierten Tage fand er sie, sie hatten die Kettchen abgelegt, und waren
nun in Schwäne verwandelt, und spielten auf dem Wasser. Aber das
Mädchen hatte noch seine menschliche Gestalt und sah den Schwänen
zu, wie sie auf dem Wasser spielten. Da ging der Knecht heimlich hinzu
und nahm die sechs goldnen Kettchen weg; aber das Mädchen entlief
ihm, daß er es nicht erreichen konnte.
Wie der Knecht die Ketten der Alten darbrachte, sandte sie zu einem Goldschmied
und hieß ihn von denselben einen Becher machen. Als der Goldschmied
nun von den Ketten einen Becher gießen wollte, befand er, daß
das Gold also edel und rein war, daß es weder mit dem Hammer verarbeitet
noch im Feuer fließend gemacht werden konnte, bis auf ein Kettchen,
das zerschlug er und machte einen Ring davon; die andern wog er auf seiner
Waage, legte sie beiseit und gab dafür an Gewicht so viel anderes
Gold und machte einen Becher davon, den gab er der Frau und auch den Ring,
die schloß beides fest in ihren Kasten.
Jene Schwäne aber, die nun ihre menschliche Gestalt nicht wieder
erlangen konnten, wurden betrübt und sangen mit süßer
kläglicher Stimme wehmutvollen Gesang, der klang wie Weinen kleiner
Kinder. Zuletzt erhoben sie sich auf ihrem Gefieder hoch empor, zu sehen,
wo sie sich hinwenden möchten? Da gewahrten sie einen großen
spiegelklaren See, auf dem ließen sie sich nieder. Der See aber
umschloß einen hohen Berg, an dem hing ein großer Felsen und
auf diesem lag eine schöne Burg. Der Felsen war also steil, und das
Wasser stand so dicht am Berge, daß außer einem ganz schmalen
Steig keinerlei Zugang zur Burg war. Und das war gerade die Burg des jungen
Ritters, welcher der Vater jener Kinder war, und die Fenster des Speisesaales
der Burg standen nach dem Wasser gekehrt, so daß der Herr bald der
Schwanen gewahr ward, und wunderte sich, denn er hatte so schöne
Vögel noch niemals gesehen. Darum warf er ihnen Brot und andere Speisen
hinunter, und gebot allem seinen Gesinde, daß sie niemand solle
verjagen oder vertreiben, sondern sie sollten allezeit Brot hinunter werfen,
so lange, bis daß die Schwäne sich dort beständig heimisch
hielten. Diesem Gebot ward fleißig nachgelebt, und die Schwäne
gewöhnten sich dahin und wurden so zahm, daß sie stets zur
Essenszeit kamen und ihr Futter empfingen.
Das arme verlassene Mädchen aber, ihre Schwester, hatte nun zwar
ihre menschliche Gestalt behalten, war aber hülflos, und ging betteln
hinauf auf die Burg ihres Vaters. Da gab man ihr den Abfall vom Tische,
und sie teilte diesen mit der armen Frau in der Grube, denn so oft sie
diese sah, mußte sie bitterlich weinen. Doch kannte eins das andere
nicht. Auch brachte das Mägdlein noch einige übrig gebliebene
Brosamen herunter unter die Burg an das Wasser, und gab die den Schwanen,
ihren Brüdern. Allezeit, wann sie nahete, so kamen die Schwanen herbei,
fliegend und flatternd und kitternd, und aßen ihre Speise aus der
Schürze des Mägdleins. Das kosete sie freundlich und nahm sie
oft in ihre Arme, und ging dann stets gegen Abend wieder auf die Burg,
und schlief alle Nacht vor der Frau, die in der Erde stand, ohne daß
sie wußte, daß diese ihre Mutter war.
Alle Bewohner der Burg sahen das alles mit großer Verwunderung,
und daß sie immer weinte, wenn sie bei der Frau stand, und auch,
daß sie dieser sehr ähnlich sah. Und da ward auch des Ritters
Herz bewegt, daß er das Mägdlein näher betrachtete, und
sah die Ähnlichkeit mit seiner Frau, und sah auch an ihrem Hals das
güldne Kettlein. Und ließ das Dirnlein vor sich treten und
fragte es: "Mein liebes Kind, sage mir, von wannen bist du und von
wannen kömmst du her? Wer sind deine Eltern und wie hast du die Schwanen
so gezähmt, daß sie aus deinem Schoße essen?"
Da erseufzte das arme Kind aus tiefstem Herzensgrund und sprach: "Lieber
Herr! Die Eltern, die ich hatte, habe ich nie gekannt. Ich weiß
auch nicht, ob ich sie gesehen habe. Wenn du aber nach den Schwanen fragst,
das sind meine Brüder, die mit mir ernährt wurden von der Milch
der Hindinnen im Walde. Zu einer Zeit geschah es, daß meine Brüder
ihre goldenen Ketten ablegten, weil sie baden wollten, da wurden sie in
Schwäne verwandelt; und weil die Ketten geraubt wurden, konnten sie
die Menschengestalt nicht wieder erlangen, und mußten Schwäne
bleiben."
Diese Rede vernahmen das falsche untreue Weib und der Knecht, ihr Helfershelfer,
und erschraken heftiglich und wurden beide bleich im Bewußtsein
ihrer Schuld. Der Ritter nahm das wahr, und dachte darüber nach,
indem er von der Burg herab spazieren ging. Die Alte aber hetzte den Knecht
auf, er sollte das Mägdlein töten. Und er nahm ein blankes Schwert
und folgte dem Mägdlein, als es nach seiner Gewohnheit herabging
zu den Schwanen. Allein der Herr gewahrte seiner, trat herzu, und wie
der Knecht die Missetat begehen wollte, schlug er ihm das Schwert aus
der Hand. Da fiel der Knecht auf seine Kniee nieder und bekannte alles.
Darauf trat der Ritter zu seiner Mutter und zwang sie mit Drohungen zum
Geständnis; da schloß sie ihren Kasten auf und gab dem Sohn
jenen Becher, der von den Kettchen gefertigt sein sollte. Sogleich sandte
der Ritter nach dem Goldschmied und fragte ihn ernstlich wegen des Bechers.
Da sich dieser nun auch der Strafe besorgte, so bekannte er die Wahrheit,
daß er die Ketten noch ganz habe, bis auf eine, aus der er einen
Ring gefertigt. Der Ritter hieß ihm die Ketten bringen, und gab
sie der Jungfrau; die legte sie den Schwanen, jeglichem eine, um den Hals.
Da erhielten sie alle die menschliche Gestalt wieder, bis auf einen -
der mußte ein Schwan bleiben. Von diesem Schwan findet man in manchem
Buche viel sonderliche Abenteuer beschrieben. Nun ließ der Ritter
gar eilig die arme Frau aus der Erde nehmen, ließ sie mit edler
Spezerei und kostbaren Würzen wieder erquicken, daß sie wieder
ein schönes Weib wurde. Seine falsche Mutter ließ er in das
nämliche Loch setzen, darin seine unschuldige Frau sieben lange Jahre
geschmachtet und gelitten hatte durch jener Bosheit. So geschah ihr nach
dem Prophetenspruch: In die Grube fällt, wer andern sie gegraben.
Inhaltsverzeichnis
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