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Es waren einmal drei Brüder,
von denen hieß der älteste Jacob, der zweite Friedrich und
der dritte und jüngste Gottfried. Dieser jüngste war das Stichblatt
aller Neckerein seiner Brüder und der gewöhnliche Ablenker ihres
Unmuts. Wenn ihnen etwas quer über den Weg lief, so mußte Gottfried
es entgelten und er mußte sich das alles gefallen lassen, weil er
von schwächlichem Körperbau war und sich gegen seine stärkeren
Brüder nicht wehren konnte. Dadurch wurde ihm das Leben sauer gemacht
und er sann Tag und Nacht darauf, sein Schicksal erträglicher zu
machen. Als er einst im Walde war, um Holz zu sammeln, und bitterlich
weinte, trat ein altes Weiblein zu ihm, das fragte ihn um seine Not und
er vertraute ihr all seinen Kummer. "Ei, mein Junge", sagte
das Weiblein darauf, "ist die Welt nicht groß? Warum versuchst
du nicht anderswo dein Glück?" Das nahm sich Gottfried zu Herzen
und verließ eines Morgens frühe das väterliche Haus und
machte sich auf den Weg in die weite Welt, um, wie das Weiblein gesagt
hatte, sein Glück zu suchen. Aber der Abschied von dem Ort, wo er
geboren worden war und wenigstens eine glückliche Kindheit verlebt
hatte, ging ihm doch nahe und er setzte sich auf einen Hügel nieder,
um noch einmal recht das heimatliche Dorf zu betrachten. Siehe, da stand
das Weiblein hinter ihm, schlug ihn auf die Schulter und sprach: "Das
hast du einmal gut gemacht, mein Junge! Aber was willst du nun anfangen?"
- Gottfried dachte jetzt erst daran, was er beginnen solle? Er hatte bis
jetzt geglaubt, das Glück müsse ihm wie eine gebratne Taube
in den Mund fliegen. Das Weiblein mochte seine Gedanken erraten, lächelte
grinsend und sagte: "Ich will dir sagen, was du anfangen sollst.
Warum? weil ich dich lieb habe, und weil ich glaube, daß du auch
mich nicht vergessen wirst, wenn du dem Glücke im Schoß sitzest."
Gottfried versprach dies mit Hand und Mund; die Alte fuhr fort: "Heute
abend, wenn die Sonne untergeht, gehe an den großen Birnbaum, der
dort am Kreuzweg steht. Darunter wird ein Mann liegen und schlafen, an
den Baum aber wird ein großer schöner Schwan angebunden sein;
den Mann hütest du dich aufzuwecken und du mußt deswegen gerade
mit Sonnenuntergang kommen, den Schwan aber knüpfst du los und führst
ihn mit dir fort. Die Leute werden in seine schönen Federn vernarrt
sein und du magst ihnen erlauben, davon eine auszurupfen. Wenn aber der
Schwan berührt wird, so wird er schreien und wenn du dann sagst:
Schwan, kleb an! so wird dem, der ihn berührt, die Hand fest ankleben
und nicht eher wieder loswerden, bis du sie mit diesem Stöcklein
antippst, das ich dir hiermit zum Geschenk mache. Wenn du nun so einen
weidlichen Zug Menschenvögel gefangen hast, so führe sie nur
immer grad aus. Da wirst du an eine große Stadt kommen, da wohnt
eine Königstochter, die noch nie gelacht hat. Bringst du sie zum
Lachen, so ist dein Glück gemacht; aber dann vergiß auch mich
nicht, mein Junge!" Gottfried gab nochmals das Versprechen und war
mit Sonnenuntergang richtig an dem bezeichneten Baum. Der Mann lag da
und schlief und ein großer schöner Schwan war mit einem Bande
an den Baum gebunden. Gottfried knüpfte den Vogel beherzt los und
führte ihn davon, ohne daß der Mann erwachte.
Nun traf es sich, daß Gottfried mit seinem Schwan an einer Baustätte
vorüber kam, wo einige Männer mit aufgestreiften Beinkleidern
Lehm kneteten; die bewunderten die schönen Federn des Vogels und
ein vorwitziger Junge, der über und über voll Lehm war, sagte
laut: "Ach wenn ich doch nur eine solche Feder hätte."
- "Zieh dir eine aus!" sprach Gottfried freundlich; der Junge
griff nach dem Schweife des Vogels, der Schwan schrie; "Schwan,
kleb an!" sprach Gottfried und der Junge konnte nicht wieder los
kommen, er mochte anfangen was er wollte. Die andern lachten, je mehr
der Junge schrie, bis vom nahen Bache eine Magd herzugelaufen kam, die
mit hoch aufgeschürztem Rocke dort gewaschen hatte. Die fühlte
Mitleid mit dem Jungen und reichte ihm die Hand, um ihn loszumachen. Der
Schwan schrie; "Schwan, kleb an!" sprach Gottfried, und die
Magd war ebenfalls gefangen. Als Gottfried mit seiner Beute eine Strecke
gegangen war, begegnete ihm ein Schornsteinfeger, der lachte über
das sonderbare Gespann und fragte die Magd, was sie denn da triebe? "Ach
herzliebster Hans", antwortete die Magd kläglich, "gib
mir doch deine Hand und mach mich von dem verteufelten Jungen los."
- "Wenn's weiter nichts ist!" lachte der Schornsteinfeger
und gab der Magd die Hand, der Vogel schrie; "Schwan, kleb an!"
sprach Gottfried und der schwarze Mensch war ebenfalls behext. Sie kamen
nun in ein Dorf, wo eben Kirchweih war; eine Seiltänzergesellschaft
gab dort Vorstellungen und der Bajazzo machte eben seine Narreteidinge.
Der riß Mund und Nase auf, als er das seltsame Kleeblatt sah, das
an dem Schweife des Schwans festhing. "Bist du ein Narr geworden,
Schwarzer?" lachte er. - "Da ist gar nichts zu lachen!"
antwortete der Schornsteinfeger. "Das Weibsbild hält mich so
fest, daß meine Hand wie angenagelt ist. Mach mich los, Bajazzo;
ich tu dir einmal einen andern Liebesdienst." Der Bajazzo faßte
die ausgestrecke Hand des Schwarzen, der Vogel schrie; "Schwan,
kleb an!" sprach Gottfried und der Bajazzo war der Vierte im Bunde.
Nun stand in der vordersten Reihe der Zuschauer der stattlich wohlbeleibte
Amtmann des Dorfes, der machte ein gar ernsthaftes Gesicht dazu und er
ärgerte sich gar höchlich über das Blendwerk, das nicht
mit rechten Dingen zugehen könne. Sein Eifer ging so weit, daß
er den Bajazzo an der ledigen Hand faßte und ihn losreißen
wollte, um ihn dem Büttel zu übergeben; da schrie der Vogel,
und "Schwan, kleb an!" sprach Gottfried und der Amtmann teilte
das Schicksal der Vorgänger. Die Frau Amtmännin, eine lange
dürre Spindel, entsetzte sich über das Mißgeschick ihres
Eheherrn und riß mit Leibeskräften an dem freien Arm desselben,
der Vogel schrie; "Schwan, kleb an!" sprach Gottfried und
die arme Frau Amtmännin mußte trotz ihres Geschreis folgen.
Hinfort hatte Niemand mehr Lust, die Gesellschaft zu vergrößern.
Gottfried sah schon die Türme der Hauptstadt vor sich; da kam ihm
eine wunderschöne Equipage entgegen, in der eine schöne junge,
aber ernste Dame saß. Als diese den bunten Zug erblickte, brach
sie jedoch in lautes Gelächter aus und ihre Dienerschaft lachte mit.
"Die Königstochter hat gelacht!" rief alles vor Freuden.
Sie stieg aus, betrachtete sich die Sache noch genauer und lachte immer
mehr bei den Capriolen, welche die Festgebannten machten. Der Wagen mußte
umwenden und fuhr langsam neben Gottfried nach der Stadt zurück.
Als der König die Kunde vernahm, daß seine Tochter gelacht
habe, war er voll Entzücken und nahm selbst Gottfried, seinen Schwan
und dessen wunderliches Gefolge in Augenschein, wobei er selbst lachen
mußte, daß ihm die Tränen in den Augen standen. "Du
närrischer Gesell", sprach er zu Gottfried, "weißt
du, was ich dem versprochen habe, der meine Tochter zum Lachen bringt?"
- "Nein", sagte Gottfried. - "So will ich dir's sagen",
antwortete der König. "Tausend Goldgulden oder ein schönes
Gut. Wähle dir zwischen den beiden." Gottfried entschied sich
für das Gut. Dann berührte er den Buben, die Magd, den Schornsteinfeger,
den Bajazzo, den Amtmann und die Amtmännin mit seinem Stäbchen
und alle fühlten sich frei und liefen davon, als brenne die Hölle
hinter ihnen her, was neues unauslöschliches Gelächter verursachte.
Da wurde die Königstochter bewegt, den schönen Schwan zu streicheln
und sein Gefieder zu bewundern. Der Vogel schrie; "Schwan, kleb
an!" sprach Gottfried, und so gewann er die Königstochter.
Der Schwan aber erhob sich in die Lüfte und verschwand in den blauen
Horizont. Gottfried erhielt nun ein Herzogtum zum Geschenk; er erinnerte
sich aber auch des alten Weibleins, das Schuld an seinem Glücke war
und berief sie als seine und seiner auserwählten Braut Haushofmeisterin
in sein stattliches Residenzschloß.
Inhaltsverzeichnis
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