|
Ludwig BechsteinAusgabe letzter Hand von 1857 |
||||
|
Es war einmal ein Mann, in
dessen Hause wohnte eine Schlange, die wurde von dem Weibe dieses Mannes
wohl gehalten, und bekam täglich ihre Nahrung. Sie hatte ihre Wohnung
ganz nahe bei dem Herde, wo es immer hübsch warm war, in einem Mauerloch.
Der Mann und das Weib bildeten sich ein, nach dem herrschenden Aberglauben,
daß es Glück bringe, wenn eine Schlange im Hause sei! Nun geschah
es an einem Sonntag, daß dem Hausherrn das Haupt schmerzte, deshalb
blieb er früh in seinem Bette liegen, und hieß die Frau und
das Gesinde in die Kirche gehen. Da gingen sie alle aus, und es war nun
ganz still im Hause und jetzt schlüpfte die Schlange leise aus ihrem
Loch und sahe sich allenthalben sehr um. Das sahe der Mann, dessen Kammer
offen stand, und wunderte sich im stillen, daß sich die Schlange,
gegen ihre sonstige Gewohnheit so sehr umsah. Sie durchkroch alle Winkel,
und kam auch in die Kammer und guckte hinein, sah aber niemand, denn der
Hausherr hatte sich verborgen. Und nun kroch sie auf den Herd, wo ein
Topf mit der Suppe am Feuer stand, hing ihren Kopf darüber und spie
ihr Gift in den Topf, darauf verbarg sie sich wieder in ihre Höhle.
Der Hausherr stieg alsbald auf, nahm den Topf und grub ihn mit Speise
und Gift in die Erde. Wie nun die Zeit da war, daß man essen wollte,
wo auch die Schlange gewöhnlich hervorzukommen pflegte, stellte sich
der Mann mit einer Axt vor das Loch, willens, sobald sie herausschlüpfen
werde, ihr den Kopf vom Rumpfe zu hauen. Aber die Schlange steckte ganz
vorsichtig ihren Kopf erst nur ein klein wenig aus dem Loch, und wie der
Mann zuschlug, fuhr sie blitzschnell zurück, und zeigte, daß
sie kein gutes Gewissen hatte. Nach einigen Tagen redete die Frau ihrem
Manne zu, er solle mit der Schlange Frieden schließen, sie würde
wohl nicht wieder so Böses tun; der Hauswirt war gutwillig und rief
einen Nachbarn, der sollte Zeuge sein des Friedensbundes mit der Schlange
und einen Vertrag mit ihr aufrichten, daß eins sicher sein sollte
vor dem andern. Hierauf riefen sie der Schlange und machten ihr den Antrag;
die Schlange aber sagte: "Nein! - Unsre Gesellschaft kann fürder
in Treuen nicht mehr bestehen, denn, wenn du daran denkst, was ich dir
in deinen Topf getan, und wenn ich bedenke wie du mir mit scharfer Axt
nach meinem Kopf gehauen hast, so möchte wohl keiner von uns dem
andern trauen. Darum gehören wir nicht zusammen; gib du mir frei
Geleit, das ist alles, was ich von dir begehre, und laß mich meine
Straße ziehen, je weiter von dir, desto besser, und du bleibe ruhig
in deinem Hause." Und also geschahe es.
|
||||