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Es war einmal ein gewaltiger
Rittersmann, der hatte viel Geld und Gut, und lebte auf seinem Schlosse
herrlich und in Freuden. Er hatte einen blauen Bart, davon man ihn nur
Ritter Blaubart nannte, obschon er eigentlich anders hieß, aber
sein wahrer Name ist verloren gegangen. Dieser Ritter hatte sich schon
mehr als einmal verheiratet, allein man hatte gehört, daß alle
seine Frauen schnell nacheinander gestorben seien, ohne daß man
eigentlich ihre Krankheit erfahren hatte. Nun ging Ritter Blaubart abermals
auf Freiersfüßen, und da war eine Edeldame in seiner Nachbarschaft,
die hatte zwei schöne Töchter und einige ritterliche Söhne,
und diese Geschwister liebten einander sehr zärtlich. Als nun Ritter
Blaubart die eine dieser Töchter heiraten wollte, hatte keine von
beiden rechte Lust, denn sie fürchteten sich vor des Ritters blauem
Bart, und mochten sich auch nicht gern voneinander trennen. Aber der Ritter
lud die Mutter, die Töchter und die Brüder samt und sonders
auf sein großes schönes Schloß zu Gaste, und verschaffte
ihnen dort so viel angenehmen Zeitvertreib und so viel Vergnügen
durch Jagden, Tafeln, Tänze, Spiele und sonstige Freudenfeste, daß
sich endlich die jüngste der Schwestern ein Herz faßte, und
sich entschloß, Ritter Blaubarts Frau zu werden. Bald darauf wurde
auch die Hochzeit mit vieler Pracht gefeiert.
Nach einer Zeit sagte der Ritter Blaubart zu seiner jungen Frau: "Ich
muß verreisen, und übergebe dir die Obhut über das ganze
Schloß, Haus und Hof, mit allem, was dazu gehört. Hier sind
auch die Schlüssel zu allen Zimmern und Gemächern, in alle diese
kannst du zu jeder Zeit eintreten. Aber dieser kleine goldne Schlüssel
schließt das hinterste Kabinett am Ende der großen Zimmerreihe.
In dieses, meine Teure, muß ich dir verbieten zu gehen, so lieb
dir meine Liebe und dein Leben ist. Würdest du dieses Kabinett öffnen,
so erwartet dich die schrecklichste Strafe der Neugier. Ich müßte
dir dann mit eigner Hand das Haupt vom Rumpfe trennen!" Die Frau
wollte auf diese Rede den kleinen goldnen Schlüssel nicht annehmen,
indes mußte sie dies tun, um ihn sicher aufzubewahren, und so schied
sie von ihrem Mann mit dem Versprechen, daß es ihr nie einfallen
werde, jenes Kabinett aufzuschließen und es zu betreten.
Als der Ritter fort war, erhielt die junge Frau Besuch von ihrer Schwester
und ihren Brüdern, die gerne auf die Jagd gingen; und nun wurden
mit Lust alle Tage die Herrlichkeiten in den vielen, vielen Zimmern des
Schlosses durchmustert, und so kamen die Schwestern auch endlich an das
Kabinett. Die Frau wollte, obschon sie selbst große Neugierde trug,
durchaus nicht öffnen, aber die Schwester lachte ob ihrer Bedenklichkeit,
und meinte, daß Ritter Blaubart darin doch nur aus Eigensinn das
Kostbarste und Wertvollste von seinen Schätzen verborgen halte. Und
so wurde der Schlüssel mit einigem Zagen in das Schloß gesteckt,
und da flog auch gleich mit dumpfem Geräusch die Türe auf, und
in dem sparsam erhellten Zimmer zeigten sich - ein entsetzlicher Anblick!
- die blutigen Häupter aller früheren Frauen Ritter Blaubarts,
die ebensowenig wie die jetzige dem Drang der Neugier hatten widerstehen
können, und die der böse Mann alle mit eigner Hand enthauptet
hatte. Vom Tod geschüttelt, wichen jetzt die Frauen und ihre Schwester
zurück; vor Schreck war der Frau der Schlüssel entfallen, und
als sie ihn aufhob, waren Blutflecke daran, die sich nicht abreiben ließen,
und ebensowenig gelang es, die Türe wieder zuzumachen, denn das Schloß
war bezaubert, und indem verkündeten Hörner die Ankunft Berittner
vor dem Tore der Burg. Die Frau atmete auf und glaubte, es seien ihre
Brüder, die sie von der Jagd zurück erwartete, aber es war Ritter
Blaubart selbst, der nichts Eiligeres zu tun hatte, als nach seiner Frau
zu fragen, und als diese ihm bleich, zitternd und bestürzt entgegentrat,
so fragte er nach dem Schlüssel; sie wollte den Schlüssel holen
und er folgte ihr auf dem Fuße, und als er die Flecken am Schlüssel
sah, so verwandelten sich alle seine Gebärden, und er schrie: "Weib,
du mußt nun von meinen Händen sterben! Alle Gewalt habe ich
dir gelassen! Alles war dein! Reich und schön war dein Leben! Und
so gering war deine Liebe zu mir, du schlechte Magd, daß du meine
einzige geringe Bitte, meinen ernsten Befehl nicht beachtet hast? Bereite
dich zum Tode! Es ist aus mit dir!"
Voll Entsetzen und Todesangst eilte die Frau zu ihrer Schwester, und bat
sie, geschwind auf die Turmzinne zu steigen und nach ihren Brüdern
zu spähen, und diesen, sobald sie sie erblicke, ein Notzeichen zu
geben, während sie sich auf den Boden warf, und zu Gott um ihr Leben
flehte. Und dazwischen rief sie: "Schwester! Siehst du noch niemand!"
"Niemand!" klang die trostlose Antwort. - "Weib! komm herunter!"
schrie Ritter Blaubart, "deine Frist ist aus!"
"Schwester! siehst du niemand?" schrie die Zitternde. "Eine
Staubwolke - aber ach, es sind Schafe!" antwortete die Schwester.
"Weib! komm herunter, oder ich hole dich!" schrie Ritter Blaubart.
"Erbarmen! Ich komme ja sogleich! Schwester! Siehst du niemand?"
"Zwei Ritter kommen zu Roß daher, sie sahen mein Zeichen, sie
reiten wie der Wind."
"Weib! Jetzt hole ich dich!" donnerte Blaubarts Stimme, und
da kam er die Treppe herauf. Aber die Frau gewann Mut, warf ihre Zimmertüre
ins Schloß, und hielt sie fest, und dabei schrie sie samt ihrer
Schwester so laut um Hilfe, wie sie beide nur konnten. Indessen eilten
die Brüder wie der Blitz herbei, stürmten die Treppe hinauf
und kamen eben dazu, wie Ritter Blaubart die Türe sprengte und mit
gezücktem Schwert in das Zimmer drang. Ein kurzes Gefecht und Ritter
Blaubart lag tot am Boden. Die Frau war erlöst, konnte aber die Folgen
ihrer Neugier lange nicht verwinden.
Inhaltsverzeichnis
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