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Mitten in einem Walde wohnte
eine alte schlimme Hexe ganz allein mit ihrer Tochter, welche letztere
ein gutes, mildes Kind war, und bei der das Sprichwort: der Apfel fällt
nicht weit vom Stamme, nicht zutraf. Der Stamm nämlich war über
alle Maßen knorrig, stachlich und häßlich; wer die Alte
sah, ging ihr aus dem Wege, und dachte: Weit davon ist gut vorm Schuß.
Die Alte trug beständig eine grüne Brille, und über ihrem
Zottelhaar, das ungekämmt ihr vom Kopfe weit herunter hing, einen
roten Tuchlappen, und ging gern in kurzen Ärmeln, daß ihre
dürren wettergebräunten Arme weit aus dem sie umschlotternden
Gewand hervorragten. Auf dem Rücken trug sie für gewöhnlich
einen Sack mit Zauberkräutern, die sie im Walde sammelte, und in
der Hand einen großen Topf, darin sie dieselben kochte, und damit
Ungewitter, Hagel und Schlossen, Reif und Frost zu Wege brachte, so oft
es ihr beliebte.
Am Finger trug sie einen Hexenreif von Golde mit einem glühroten
Karfunkelstein, mit dem sie Menschen und Tiere bezaubern konnte. Dieser
Ring machte die Alte riesenstark und lebenskräftig, und machte sie,
wenn sie wollte, auch ganz und gar unsichtbar; da konnte sie hingehen,
wohin sie wollte, und nehmen was sie wollte - und das tat sie auch, und
im Walde suchte sie die Hirschkühe auf, und wenn die Tiere den Ring
sahen und sahen den Stein funkeln, da mußten sie an eine Stelle
gebannt stehen bleiben, und dann ging die Alte zu den Hirschkühen
und molk deren Milch in ihren Topf, und trank sie mit ihrer Tochter. Diese
Tochter hieß Käthchen, und hatte es nicht gut bei ihrer bösen
Mutter, doch trug sie geduldig alles Leid. Am schmerzlichsten war ihr,
daß ihre Mutter manchesmal Kinder mitbrachte, mit denen Käthchen
gern gespielt hätte, allein die Alte nahm immer den Kindern ihre
Kleider, sperrte die Kinder ein und fütterte sie mit Hirschmilch,
daß sie fett wurden, und was sie dann mit ihnen vornahm, ist gruselig
zu erzählen; sie verwandelte sie nämlich in Hirschkälbchen
und verkaufte diese an Jäger. Die Jäger aber schossen die armen
verwandelten und verkauften Hirschkälbchen tot, und lieferten sie
in die Stadt, wo die Leute das junge Wildpret gar gern essen. So schlimm
und böse war die häßliche Alte, und da sie den ganzen
Tag nichts tat, als zaubern und böse Ränke ersinnen, und dabei
oft und viel laut vor sich hin murmelte, so lernte ihre Tochter Käthchen
ihr unvermerkt einige Zauberstücklein ab, die sie ganz im stillen
für sich behielt.
Da brachte eines Abends die Alte wieder zwei wunderschöne Kinder
geführt, einen Knaben und ein Mädchen, denen sah man an, daß
es Geschwister waren, und reicher Leute Kinder; beide hatten sich im Walde
verirrt, waren von der Alten gefunden, und nach ihrem Hause mitgenommen
worden, und sie hatte ihnen gesagt, sie wolle sie zurück zu den Eltern
bringen. Die Kinder sahen sich schrecklich getäuscht, als die Alte
ihnen ihre schönen Kleider auszog, ihnen dafür Lumpen anlegte,
und sie in ein dunkles Kämmerchen einsperrte. Doch bekamen sie einen
ganzen Topf voll Hirschmilch zu essen, welche gut schmeckte, und ein Stück
schwarzes Brot dazu, welches weniger gut schmeckte, aber endlich doch
auch verzehrt wurde.
Am andern Morgen humpelte die Alte schon frühzeitig in den Wald,
und winkte den Hirschkühen. Da war eine Hirschfamilie, welche die
Alte besonders gut kannte und schätzte, bestehend aus dem Herrn Hirsch,
der Frau Hirschin und zwei jungen Kälbchen, die hielten sich immer
treulich im Walde zusammen, waren aber doch in steter Furcht vor der bösen
Alten, welche machen konnte, daß sie alle still stehen mußten,
und mußten sich von der bösen Hexe die Muttermilch nehmen lassen,
so daß die Kälbchen sich nicht satt trinken und nicht fett
werden konnten. Könnt ich dir nur einmal mein Geweih durch den dürren
Leib rennen! dachte oft der Hirsch, und die Hirschin hatte auch keine
guten Wünsche für die Alte - es half aber ihr Wünschen
allen beiden nichts. Während die Alte im Walde war, schlich Käthchen
zu dem Kämmerlein, und sah durch eine Ritze in der Tür die armen
gefangenen Kinder, welche seufzten und weinten, in großem Herzeleid.
Da fragte Käthchen: "Wer seid ihr denn, ihr armen Kinder?"
"Wir sind eines Königs Kinder! O mache uns frei, mein Vater
wird es dir lohnen!" - sprach der Königsprinz. "Und meine
Mutter auch", sagte die kleine Prinzessin, indem sie hinzufügte:
"Du sollst auch unsre gute Schwester sein, und sollst bei mir im
seidnen Bettchen schlafen, und ich will dir gar schöne goldne Kleider
geben, hilf uns, hilf uns nur!" Da sagte Käthchen: "Seid
nur geduldig, liebe Königskinder; ich will schon zusehen, und darauf
sinnen, daß ich euch befreie."
Am andern Morgen in aller Frühe machte das gute Käthchen ein
Zauberstück. Sie verließ eilig ihr Lager, hauchte hinein, und
sagte leise:
"Liebes Bettchen, sprich
für mich,
Bin ich weg, sei du mein Ich!"
So auch hauchte sie auf ihre
Lade, auf die Treppe, und auf den Herd in der Küche, und sprach das
nämliche Sprüchlein. Darauf ging sie an das wohlverwahrte Kämmerlein
der Königskinder, hielt eine Springwurzel, welche die Alte auf dem
Kannrück liegen hatte, an das Schloß und sagte:
"Riegel, Riegel, Riegelein,
Öffne dich, laß aus und ein!"
Da sprangen gleich Schloß
und Riegel auf, und Käthchen führte alsbald die Königskinder
hinweg und in den Wald hinein.
Als die Alte aufwachte, rief sie: "Käthchen, stehe auf und schüre
Feuer an!" - da rief es aus dem Bettchen:
"Ich bin schon auf
und munter!
Ich komme gleich in die Küche hinunter!"
Die Alte blieb nun noch liegen,
doch da sie nach einer Weile nichts hörte, rief sie wieder: "Käthchen!
Wo bleibt denn das faule Ding?" - "Gleich!" rief es von
der Lade:
"Ich sitze auf der
Lade
Und binde das Strumpfband über die Wade!"
Da nun wieder eine Weile verging,
und sich im Hause nichts rührte noch regte, so ward die Alte böse,
und schrie: "Käthe! Balg! Wo bleibst du denn?" Da scholl
eine Stimme von der Treppe:
"Ich komme schon, ich
fliege!
Ich bin ja schon leibhaftig auf der Stiege!"
Die Alte beruhigte sich noch
einmal - aber nicht gar lange, denn da wieder alles still blieb, so fuhr
sie auf und schalt und fluchte. Da rief es vom Herde her:
"Wozu die bösen
Flüche?
Ich bin ja schon am Herd und in der Küche!"
gleichwohl blieb es in der
Küche und im ganzen Hause totenstill. Jetzt riß der Alten völlig
der Geduldsfaden, sie sprang aus ihrem Bett, fuhr in die Kleider und nahm
einen Besenstiel, willens Käthchen unbarmherzig durchzuprügeln.
Aber wie sie hinauskam, war kein Käthchen da, nicht zu sehen, nicht
zu hören, und was das Schönste, für die Alte aber das Schlimmste
war, auch die Königskinder waren fort. Jetzt hättet ihr sollen
die Hexensprünge sehen, welche das zornige böse alte Weib machte.
Ihr Ring zeigte ihr sogleich die Richtung an, nach welcher Käthchen
mit den Kindern geflohen war, und sie raste nun wild hinter ihnen her.
Die Kinder aber, als sie in den Wald gekommen waren, hatten dort den Herrn
von Edelhirsch nebst Gemahlin, Sohn und Tochter, angetroffen, und dieser
Familie in aller Eile ihr Unglück und ihre Flucht erzählt und
ihre edlen Herzen mächtig gerührt, so daß sie sich bereit
zeigten, ihnen alle mögliche Hülfe angedeihen zu lassen. Die
gute Dame Hirsch bot den Kindern ihren Rücken dar, sie alle drei
nach dem Königsschlosse zu tragen, das jenseit des Waldes lag, und
der Gemahl befahl seinen Kindern, sich in das Dickicht zurückzuziehen,
er selbst stellte sich hinter dichtes Laubgebüsch nahe am Weg, willens
die Alte, wenn sie vorbeirenne, und er ihren Ring nicht sehe, über
den Haufen zu stoßen.
Es währte auch gar nicht lange, so kam die Alte in großen Sprüngen
gesetzt; in ihrem Zorn und Eifer vergaß sie ganz, unsichtbar sein
zu wollen, hielt auch den Finger mit dem Ring nicht empor, und so geschah
es, daß plötzlich ein großes und stattliches Hirschgeweih
mit ihr in eine sehr verwickelte Berührung kam, bei welcher eines
der Enden des Geweihes mit Gewalt den Finger der Alten so streifte, daß
der Zauberring vom Finger herabging und sich auf dem Ende feststeckte,
und ehe sich's einer versah, so hatte der Hirsch die alte Hexe aufgegabelt,
die nun durch des Ringes Kraft selbst starr und steif wurde, und trug
sie in gestrecktem Lauf der Fährte nach, welche die gute Hinde, seine
Gemahlin, im tauigen Grase zurückgelassen. Diese war indes mit den
drei Kindern bereits im Königsschloß angekommen, und von dem
König und der Königin waren die verlorenen Kinder und das gute
Käthchen, das sie gerettet, mit großer Freude empfangen worden
- als sie plötzlich alle mit großer Verwunderung die Alte auf
dem Geweih des stattlichen Edelhirsches sitzend und getragen daher schweben
sahen. Der Hirsch aber sprang ohne Säumen in den Schloßteich,
und tauchte mit dem Kopfe unter. Als er wieder auftauchte, war sein Geweih
frei von der Last. Aber auch der Zauberring blieb im Grunde. Hirsch und
Hirschin kehrten zu ihrem Walde und zu ihren Kindern zurück, und
waren sehr froh, daß ihnen nun niemand mehr ihre Milch nahm; Käthchen
aber blieb bei den Königskindern, und schlief in einem seidnen Bettchen
und trug goldne Kleidchen und wurde selbst gehalten, wie ein Königskind.
Inhaltsverzeichnis
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