Ludwig Bechstein

   

 

Von bösen Kindern und guten Eltern


„Nichts lesen Kinder lieber als Märchen, und unter den vielen tausend Kindern, in deren Hände alljährlich Märchenbücher gelangen, sind gewiß sehr viele sogenannte Stiefkinder. Fühlt nun ein solches Kind, nachdem es eine Menge Märchen gelesen hat, darin böse Stiefmütter auftreten (die Stiefmütter der Märchen sind durchgängig alle böse), sich irgend von der eigenen Stiefmutter - einerlei, ob verdienter oder unverdienter Weise - verletzt und gekränkt, so setzt sich in der jungen Seele durch Vergleiche die Abneigung gegen seine Pflegerin fest, und diese Abneigung kann so mächtig wachsen, daß sie den Frieden und das Glück der Familie trübt, und die Herzen lebenslänglich einander entfremdet. Es wird also gut sein, dergleichen Ideen durch Märchen nicht zu wecken und zu nähren.“ (Bechstein, Ludwig: Sämtliche Märchen. Hrsg. von Walter Scherf. Darmstadt 1966. S. 468)
Die Besorgnis, dass Märchen ein schlechtes Frauenbild vermitteln könnten, ist nicht eben modern. Schon Ludwig Bechstein sorgte sich darum in dem Vorwort seines Neuen Deutschen Märchenbuchs (im Folgenden NDMB). Es war seine dritte Märchensammlung und sie war wie seine Vorgängerin überaus erfolgreich. Seine Art der „Entschärfung und Verharmlosung der Märchenbehandlung,“, die nicht nur im Verzicht von bösen Stiefmüttern bestand, soll es gewesen sein, die bei den Erwachsenen seiner Zeit offensichtlich großen Anklang gefunden hat. (Mederer, Hanns-Peter: Stoffe aus Mythen: Ludwig Bechstein als Kulturhistoriker, Novellist und Romanautor. Wiesbaden 2002. S.15)
Bechsteins Deutsches Märchenbuch (im Folgenden DMB) erschien 1929 in der 70., das NDMB schaffte 1922 die 105. Auflage. Die „ungewöhnliche Verbreitung“ der Bechstein’schen Märchen steht in „krassem Widerspruch zur „stiefmütterlichen Behandlung durch die Forschung.“ (Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Hrsg. von Kurt Ranke zus. mit Hermann Bausinger, Wolfgang Brückner u.a. Berlin/New York 1975 ff. Bd. 2.S. 18f. Stichwort: Bechstein, Ludwig [im Folgenden EM])

Nur einige wenige Publikationen sind erschienen, die sich mit den Märchen Bechsteins kritisch auseinandersetzen, während es unzählige Ausgaben und wissenschaftliche Arbeiten zu den Grimm’schen Märchen gibt. So ist es ein Sieg auf der ganzen Linie geworden: Die Kinder- und Hausmärchen haben die Bechstein’sche Konkurrenz heute in jeder Beziehung lange hinter sich gelassen.
Woran hat es gelegen, dass Bechsteins Märchen nach dem rasanten Start ein so stiefmütterliches Dasein führen mussten?
Blättert man sein NDMB durch, so wird gleich anfangs offensichtlich, wie gut der Erzähler Bechstein es mit den Erwachsenen meint. Und das, obwohl es seine erklärte Absicht war, ein Kinderbuch zu schaffen. Für den Eingang wählte er „Aschenpüster mit der Wünschelgerte“. Es ist geradezu die Umkehrung des Märchens „Aschenpüster“ von Mussäus, das von Georg Christian Friedrich Lisch veröffentlicht wurde und das Bechstein selbst in seinen Quellenangaben nennt. (Vgl. Mussäus, Johann Jakob Nathanael: „Aschenpüster”. In: Meklenburgische Volksmärchen. Jahrbücher des Vereins für meklenburgische Geschichte und Alterthumskunde. Bd. 5. 1840. Nr. 9., S. 84-86.) Bei Mussäus wird eine Variante von Allerleirau erzählt, die dem Typus 510 B nach Aarne / Thompson (im Folgenden AT) bis auf die Heirat am Ende entspricht. (Vgl. Antti Aarne / Stith Thompson: The Types of the Folktale. A Classification and Bibliography. Helsinki. 2. Aufl. 1964 FF Communications Nr. 184. S. 177.) Ausgangspunkt ist, dass ein verwitweter Vater seine eigene Tochter zur Frau haben will. Bechsteins Tochter hingegen treibt den Vater mit der Erfüllung ihrer Wünsche zuerst in den Ruin und dann geradewegs in die Arme des Teufels. Der selbstlose Vater in „Aschenpüster mit der Wünschelgerte“, dem die Frau gestorben ist, heiratet auch nicht wieder, sondern kümmert sich ausschließlich um das Wohl seines Kindes. (Vgl. Bechstein, Sämtliche Märchen, S. 477.) Nach seinem Tod wird aus dem gefährlichen Geschöpf ein Aschenputtel, das niedere Dienste an einem Königshof verrichten muss. Hier wird wieder die Geschichte von Mussäus Aschenpüster erzählt, die auf der Flucht vor dem Vater ist und sich als Dienstmagd unerkannt glaubt. Erst als sie sich der Liebe des Königssohns sicher ist, entdeckt sie ihm ihr Geheimnis. (Vgl. Scherf, Walter: Das Märchenlexikon. München 1995. Bd. 1. S. 39.)
Bechsteins Aschenpüster aber ist nicht gefährdet, sie ist vor niemandem auf der Flucht. Sie könnte sich dem Königssohn ohne weiteres in ihrer wahren Identität zu erkennen geben. (Vgl. Bechstein. Sämtliche Märchen, S. 477.) Für ihr Dasein als Aschenpüster gibt es also keinen wirklichen Grund. Da liegt der Gedanke nahe, dass es in dieser Variante des Märchens weniger um Erzähllogik geht als um wohlverdiente Strafen, die über egoistische Kinder verhängt werden sollen. Die Thematik des sexuellen Missbrauchs innerhalb der Familie, die ja Jahrhunderte totgeschwiegen und erst in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts als weit verbreitetes Verbrechen bekannt wurde, hat Bechstein damit aus seiner Märchensammlung gelöscht. Und er hat noch einen weiteren Schritt in Richtung einer Rechtfertigung von Tätern gemacht, bei der aus dem Opfer der eigentliche Täter gemacht werden soll: Gefährlich sind nicht Väter oder Mütter, die Kinder sind es, die ihre Eltern ins Unglück stoßen...

Autorin: Angelika Dissen

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